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Rezension: Anthroposophie und Judentum

von Günter Röschert | 02.07.2010

Ein Gesprächsangebot

Das Buch ist in der Reihe »Kontext« des info3- Verlags erschienen. Wie aus dem Untertitel und aus dem Geleitwort von Jens Heisterkamp zu entnehmen, war beabsichtigt, dem Vorwurf des Antijudaismus in der anthroposophischen Bewegung zu begegnen und an einige jüdische Anthroposophen zu erinnern.

Der Essay des Herausgebers Ralf Sonnenberg über Rudolf Steiners Sicht des Judentums ist die erweiterte und aktualisierte Fassung eines Beitrags im Jahrbuch für anthroposophische Kritik 2000. Eine weitere Fassung des Beitrags erschien im Jahrbuch für Antisemitismusforschung 2003. Die Arbeit Sonnenbergs ist vorbildlich informierend. Man kann wohl annehmen, dass das Thema der Begegnung Steiners mit dem Judentum und der Fehlurteile Steiners nunmehr hinreichend abgearbeitet ist.

Auf Sonnenbergs Aufsatz folgt zunächst ein Beitrag von Lorenzo Ravagli, der einen Überblick gibt über die Erwähnungen von »Jahwe-Elohim « im Werk Rudolf Steiners. Was ein bekennender Jude zu den Darstellungen Steiners zu sagen hat oder hätte, erfährt man nicht. Es folgen fünf Beiträge archivalischen Inhalts (über Ernst Müller, Martin Buber, Hugo Bergmann, Victor Ullman und andere). Den Abschluss bildet ein Essay von János Darvas mit dem Titel »Spirituelle Praxis als Einigungsprozess. Zur Esoterik des Ich in der Anthroposophie und der Kabbala«. In außerordentlich kenntnisreicher Art verfolgt der Autor den Weg der jüdischen Mystik, vorwiegend der Kabbala, im Verhältnis zur Anthroposophie. Er bietet den Ansatz einer vergleichenden Esoterikforschung und bezieht die Sephirotlehre mit ein unter besonderer Berücksichtigung der »Schechina«. Die großartige Arbeit kulminiert im Entwurf einer Esoterik des Ich als Konvergenzpunkt des mystischen Judentums und der Anthroposophie.

Durch die insgesamt neun Beiträge des Buches ist Heisterkamps Vorgaben Genüge getan. Es bleibt aber eine herbe Enttäuschung über das Buch, gerade weil es sich um eine erste Veröffentlichung über Anthroposophie und Judentum handelt. Ist das alles, was heute und im Rückblick über dieses Thema zu sagen ist?

Die wichtige und längst zu stellende Frage, wie es die Vertreter der Anthroposophie Rudolf Steiners mit dem Judentum als Volksgemeinschaft, mit seiner tragischen Geschichte und mit dem Judaismus als Religion halten, erschöpft sich keineswegs durch kritische Betrachtungen zu Steiners verstreuten Aussagen und durch die Identifizierung einiger jüdischer Gesellschaftsmitglieder aus älterer Zeit. Wie lebte das Judentum in den anthroposophisch assimilierten Mitgliedern in Rudolf Steiners Umgebung und der späteren Jahre (z.B. Arenson, C. Unger, Strakosch, Hiebel, König, Thieben, Büchenbacher, Fränkl, Glas, Schubert, G. Unger)? Wie stehen die anthroposophischen Mitglieder allgemein zum Judentum in geistiger und politischer Hinsicht? Was kann von den anthroposophischen Gründungen in Israel an Erfahrungen beigetragen werden? Welche Bedeutung wird dem nachchristlichen rabbinischen Judentum und seinen Schriften beigemessen? Welche geistesgeschichtliche Bedeutung haben u.a. die pharisäische, die Merkaba-Mystik und die lurianische Kabbala etwa in der Darstellung Gershom Scholems, letztere im Verhältnis zu Steiners Die Geheimwissenschaft im Umriss? Wie steht die anthroposophische Bewegung zur Bibel des ersten Testamentes, zum jüdischen Monotheismus des ersten Gebots, zu Jahwe als Schöpfergott? Welche christologische Bedeutung hat es, dass Jesus Jude war?

Diese und andere Fragen zeigen, in welchem Ausmaß die von Ralf Sonnenberg herausgebrachte Schrift hinter den seit Jahren bestehenden Erwartungen zurückbleibt. Doch soll mit dieser Bemerkung nicht Undank und Unbescheidenheit verbreitet werden. Nachdem ja immerhin ein Anfang gemacht ist, könnten weitere Arbeiten folgen.
 

Ralf Sonnenberg (Hrsg.): Anthroposophie und Judentum. Perspektiven einer Beziehung, Info3 Verlag, Frankfurt a.M. 2009.

Zuerst erschienen in: Zeitschrift DieDrei, Juli 2010

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