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Die sechs Seelenübungen zur Erkraftung des Herzens – eine weltweite Initiative

Seit sieben Jahren entwickelt Andreas Schmitt gemeinsam mit einem wachsenden internationalen Team moderne Schulungswege auf der Basis der Anthroposophie. Über die Jahre sind so drei Hauptkurse entstanden: das „Jahrestraining Philosophie der Freiheit“, „Vom Leben nach dem Tode – eine transformative Reise“ und neu die „Sechs Seelenübungen zur Erkraftung des Herzens“. Insgesamt haben ca. 3000 Teilnehmende in 14 Sprachen und 50 Ländern an den verschiedenen Kursen teilgenommen. In diesem Jahr hat sich mit dem siebten Zyklus des Jahrestrainings Philosophie der Freiheit ein Rhythmus vollendet. Für den kommenden Zyklus, der am 27. September 2026 startet, wird es den neuen weltweiten Kurs geben zu den sechs Seelenübungen zur Erkraftung des Herzens, auch Nebenübungen genannt. Marion Kahl, die im Jahr 2022 an dem Training teilnahm, hat mit Andreas Schmitt über seine Impulse und diese Initiative gesprochen.

von M. Kahl | A. Schmitt | 22.06.2026

Marion Kahl: Dein erster Kurs war das Jahrestraining Philosophie der Freiheit, das seit sieben Jahren existiert. Was ist die Bedeutung eines Übungswegs durch die Philosophie der Freiheit in unserer Zeit?

Andreas Schmitt: Die Philosophie der Freiheit als ein spiritueller, innerer Weg hat in meinen Augen ein großes Potenzial, weil sie uns in unsere eigene Schöpferkraft stellt, weil sie Freiheit, Ethik, Moralität, Liebe als etwas ansieht, was ganz aus unserem individuellen Menschsein kommt und kommen muss. Ich sehe, dass wir das dringend brauchen in unserer Zeit, verbunden mit Klarheit und Offenheit im Denken. 

 

MK: Wieso dann jetzt ein neuer Kurs?

AS: Im April hatten sich sieben Jahre gerundet, und wir haben uns in unserem Team gefragt, wie wir jetzt weitergehen wollen, was eigentlich Neues kommen kann; auch, wie wir den Weg mit der Philosophie der Freiheit erneuern können. Dabei sind wir auf die sechs Seelenübungen zur Erkraftung des Herzens gekommen, auch Nebenübungen genannt, die ja einen ganz zentralen Schulungsweg von Rudolf Steiner darstellen. Ich erlebe sie fast als eine Art Heilmittel für unsere Zeit. 

 

MK: Wo siehst Du die Heilkraft dieser Übungen und auf welche Krankheiten oder Erscheinungen unserer Zeit beziehst Du Dich dabei?

AS: Wir leben einerseits in einer Zeit mit massiven Konflikten. Wir sehen Kriege, eine Zunahme an Militarisierung, an Umweltzerstörungen, eine Zunahme von physischen und psychischen Erkrankungen und eine zunehmende Polarisierung der Menschen und Menschengruppen. Auf der anderen Seite sehen wir, wie die Welt zusammenwächst. Wir haben Menschenrechte, wir haben Tierrechte, wir sind sehr viel toleranter geworden, was Religiosität anbelangt. Das war vor 70 Jahren, als meine Oma jung war, noch ganz anders. Da konnte man als Protestant nur schwer in einem katholischen Dorf wie Wollmatingen leben. Ich habe den Eindruck, dass wir heute sehr viel mehr Verständnis für das Menschliche in uns und anderen haben als früher. Aber das, was da menschheitlich als Gefühl entsteht, braucht eine innere Stärke. Diese innere Stärke kann sehr wesentlich durch die sechs Seelenübungen gefördert werden, weil wir darin unsere Herzenskräfte konsolidieren.

 

MK: Kannst Du einige Beispiele zu den sechs Seelenübungen im Einzelnen geben?

AS: Die sechs Seelenübungen sind ja sehr bekannt im anthroposophischen Kontext. Sie basieren auf sechs grundlegenden Qualitäten, die man dem Herzen zurechnen kann. Die erste Qualität ist ein gewisser innerer Fokus, eine innere Klarheit im Denken – etwas, das gar nicht mehr selbstverständlich ist heutzutage. Die zweite Qualität ist, dass man initiativ werden kann, und zwar aus seinem Herzen, aus seinen eigenen schöpferischen Impulsen heraus. Die dritte ist, dass man in seinen Gefühlen und Emotionen ruhig und gelassen und in Beziehung bleiben kann. Dass man nicht so leicht in die Konflikte abrutscht, weil man etwas emotional nicht aushalten kann.

 

MK: Das klingt so, als würdet Ihr wirklich den Menschen ins Zentrum stellen. Was bedeutet das? 

AS: Ich habe den Eindruck, dass wir als Menschheit heutzutage unglaubliche Möglichkeiten der Verbindung und des In-Beziehung-Tretens haben. Das ist uns auf der einen Seite geschenkt, innerlich als Fähigkeit und äußerlich durch die technischen Entwicklungen. Wir können das aber nur realisieren, wenn wir uns innerlich dazu hin entwickeln. Das heißt, wir haben ein Potenzial an Offenheit füreinander, aber dieses Potenzial müssen wir ausbilden. Ich stelle mir das ein wenig so vor wie bei Michelangelo, der an seinem David arbeitet. Dieser David ist ja in dem Marmorblock als Potenzial schon enthalten. Aber jetzt geht es darum, ihn herauszuarbeiten. Und so ist es auch mit unseren Herzensqualitäten, unserer Menschlichkeit, dem Potenzial unserer Menschheit. Mit den sechs Seelenübungen bringen wir unseren inneren Menschen zum Vorschein, die Schönheit der Seele, das Schöpferische, die Initiativkraft, das Verbindende. 

 

MK: Welche Bedeutung hat das in Bezug auf das weltweite Angebot? 

AS: Wir gehen den Weg der Seelenübungen nicht für uns allein, nicht in einer kleinen Gruppe oder im deutschen Sprachraum. Mit dem neuen Kurs, der an Michaeli startet, wollen wir diesen Schulungsweg mit einer weltweiten Gemeinschaft gehen, als eine weltumspannende Initiative. Wir denken, dass wir zwischen 12 und 14 Sprachen anbieten können. Wir erhoffen uns eine ganz bestimmte Kraft dadurch, dass wir uns diesen inneren Seelenweg gemeinsam mit Hunderten von Menschen auf der ganzen Welt gleichzeitig erüben. Gemeinsam und doch jeder auf seine ganz individuelle Art und Weise.

 

MK: Du hast bereits drei Herzenskräfte benannt. Was sind die anderen drei? Und warum Herzenskräfte?

AS: Neben dem Fokus im Denken, der Initiative des Handelns und der Gelassenheit im Fühlen gibt es die Positivität als vierte Qualität, also ein Blick für das, was man wertschätzen kann in der Welt, was aufbauend ist, was Schönheit in sich trägt, auch wenn drumherum vieles als hässlich oder nicht anerkennenswert erscheint. Trotzdem behält man sich einen Blick für das Positive. Das macht einen resilienter in einer krisenhaften Zeit. Die fünfte Übung: Man erarbeitet sich eine innere Offenheit und Unbefangenheit für die Welt, für den anderen, für das, was einem aus der Zukunft entgegenkommt. Und als sechstes schließlich die Harmonie der Seelenkräfte. All das sind Qualitäten, die uns ermächtigen, innerlich unser Menschsein zu leben, tätig zu werden in der Welt aus den Herzensqualitäten heraus. 

 

MK: Wenn ich das bedenke, was Du vorher gesagt hast mit den Sprachen und Ländern – und dann kommt diese Herzenskraft, die, wenn ich es richtig verstehe, etwas Universelles hat in unserem Menschsein und damit etwas sehr Verbindendes, dann würde ich Dich gerne bitten, mal einen Blick in die Zukunft zu werfen. Was könnte es für die Zukunft bedeuten, wenn wir diese Qualitäten entwickeln?

AS: Ich bin selbst sehr gespannt, was sich durch dieses Projekt ergeben wird. Wir wollen das begleitend auch wissenschaftlich erforschen. Hier vielleicht nur ein paar Aspekte für den Moment: Die Seelenübungen haben das Potenzial, uns zu helfen, menschlicher miteinander umzugehen, uns gegenseitig mehr anzuerkennen und wertzuschätzen. Durch diese Wertschätzung, die wir einerseits einander entgegenbringen, die wir aber auch unserem eigenen Inneren entgegenbringen, kommen wir in die Lage, auch die Welt mehr aus unserem Inneren heraus zu gestalten. Das heißt, wir sind weniger bestimmt durch das, was von außen kommt, und dafür schöpferischer aus unserem eigenen Selbst. Wir sind mehr in Resonanz mit der Welt, also offener ihr gegenüber, und gleichzeitig resilienter und stärker in unserem Inneren zentriert, sodass wir den vielen verschiedenen Einflüssen besser standhalten können. Das heißt, es entsteht eine innere Kraft, es entstehen kraftvolle, schöne Menschen, die einen inneren Sinn haben für das Leben und für das, was sie ganz individuell in die Welt bringen wollen. 

 

MK: Da kommt mir der Gedanke, dass das ja auch besonders gut für junge Menschen geeignet sein könnte. Hast Du das Gefühl, dass diese Seelenübungen, die ja schon vor 100 Jahren gegeben worden sind, auch noch heute für junge Menschen gut sind, dass Ihr die jungen Menschen damit erreichen könnt?

AS: Ich hatte kürzlich ein Treffen mit jungen Menschen zwischen 17 und 21 Jahren in Japan und Korea. Das war sehr berührend, denn wir haben uns über die Welt ausgetauscht. Sie haben mich gefragt, wie man eigentlich als junger Mensch in einer Welt leben kann, die so viele Krisen hat, so viele Herausforderungen, so viele Kriege, so viel Leid, so wenig Zukunft. Und dann haben wir uns ein bisschen darüber unterhalten und sind darauf gekommen, dass es eben, wie ich anfangs gesagt habe, auf der einen Seite die Krisen gibt, auf der anderen Seite aber unglaublich viele Chancen der Verbindung und Beziehung mit sich, mit der Welt und mit den anderen Menschen. Um dieses Potenzial zu ergreifen, braucht es meines Erachtens einen gewissen Schutz der Seele. Ein aktives Entwickeln der Seelenkräfte. Eine Ausrichtung am Ideal des Menschseins. Resilienz. Gerade als junger Mensch, der ja manchmal sehr stark bedrängt ist von der Weltentwicklung, braucht man diese innere Ausrichtung. Deshalb glaube ich, dass diese Seelenübungen sehr gut für junge Menschen geeignet sind, insbesondere auch deshalb, weil sie weltanschaulich so neutral sind. Es geht eben nicht um eine Lehre, einen Glauben oder eine bestimmte Weltanschauung, sondern es geht um Seelenqualitäten. Es geht darum, die eigenen Herzensqualitäten so für sich zu üben und daran zu wachsen, wie das für einen selbst angemessen ist, in dem Umfeld, in dem man lebt. 

 

MK: Da klingt nach einem schönen Projekt. Wie ist denn der Kurs konkret aufgebaut?

AS: Wir sind noch in der Vorbereitung. Gerade sind wir in der Planung für die Übersetzung des Kurses in die verschiedenen Sprachen und den Aufbau des internationalen Teams in den verschiedenen Ländern. Diese Teams begleiten dann die Menschen in den jeweiligen Sprachen. Ganz praktisch haben wir ein Kartenset entwickelt, das praktische Anleitungen für die Übungen, ein Tagebuch, ein Leporello, die Worte Rudolf Steiners und eine Sanduhr enthält. Das ist die Basis für den Kurs, der an Michaeli, genau genommen am 27. September 2026 starten wird. Für jede Übung nehmen wir uns vier Wochen Zeit mit täglichen Aufgaben zum Vertiefen. Jede Woche bekommt man als Teilnehmende einen in alle Sprachen übersetzten Brief, der die Gemeinschaft zusammenhält und verschiedene Aspekte zu den Übungen vermittelt. Alle vier Wochen gibt es eine Videokonferenz, die live in die verschiedenen Sprachen übersetzt wird, mit praktischen Erläuterungen zur nächsten Übung und Austausch. Daneben gibt es eine persönliche Begleitung durch Tandempartner und/oder Regionalgruppen in verschiedenen Teilen der Welt, die sich vor Ort treffen können, sodass sich der Kurs ganz konkret und praktisch ins Leben integrieren kann.

 

MK: Vielleicht noch zum Praktischen: Wie läuft die Anmeldung und die Preisgestaltung ab?

AS: Ein so großes Projekt braucht eine gute Organisation im Hintergrund. Durch sehr viel ehrenamtlichen Einsatz haben wir in den letzten Jahren ein großes Netzwerk an Menschen in den verschiedenen Ländern aufgebaut. Über die Teilnehmendenbeiträge finanzieren wir die Grundstruktur, Druck und Versand, Digitales etc. Die Beiträge richten sich nach dem Land, in dem man lebt, und den individuellen Möglichkeiten, sodass wir das Ganze solidarisch finanzieren. Man findet alles auf unserer Website: https://Basic-Exercises.com

 

MK: Diese Form alleine ist schon sehr beeindruckend. Und wie schön, dass auch das Solidaritätsprinzip da Platz hat. Es geht ja viel um Begegnung oder um dieses Miteinander-Durchgehen. Würdest Du den Kurs für Gruppen empfehlen und wenn ja, für welche Gruppen? 

AS: Es ist sogar so, dass wir es Menschen und auch Gemeinschaften besonders ans Herz legen wollen – zum Beispiel Arbeitsgruppen, aber auch Kollegien, wo sich einige Menschen zusammenfinden und sagen, wir wollen diesen Weg gemeinsam gehen. Durch das Üben, das Teilen der Erfahrungen und das Sich-gegenseitig-Stützen auf dem seelisch-geistigen Weg kann auch das Miteinander in der Gemeinschaft eine innere Entwicklung durchmachen. Wir haben das im Jahrestraining Philosophie der Freiheit gesehen, zum Beispiel bei einem Kollegium aus der Waldorfschule in Alicante/Spanien, das von sehr positiven Effekten auf die Gemeinschaft und die Arbeitsatmosphäre bis hin zum Unterricht berichtet hat. Es ist eine großartige Möglichkeit, einen spirituellen Weg zu gehen und gemeinsam an etwas zu wachsen.

 

MK: Andreas, freust Du Dich auf den neuen Kurs?

AS: Ja natürlich, und wie. Ich freue mich besonders, dass wir diesen Weg gemeinsam mit so vielen verschiedenen Menschen gehen dürfen, und ich bin unglaublich dankbar für all diejenigen, die helfen, dass das möglich ist: das internationale Team, wo einige Menschen schon seit sechs oder sogar sieben Jahren mit dabei sind, die vielen Teilnehmenden, die sich auf die Reise mit uns begeben, die vielen unterstützenden Menschen und die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland. Ich bin auch dankbar für das Wohlwollen und insbesondere für die vielen wunderbaren menschlichen Begegnungen. 

 

MK: Mir hat es Freude gemacht, Dir zuzuhören, und ich wünsche Dir alles Gute bei dem neuen Kurs. Danke Dir.

 

Das Interview führte Marion Kahl


Kontakt:

AndreasnoSpam@Philosophie-der-Freiheit.de

https://Basic-Exercises.com

https://Spiritual-Activity.org

 

 

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