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Rudolf Steiners „West-Ost-Aphorismen“ aus dem Jahre 1922 und ihre heutige Aktualität – ein Anliegen von Tom Tritschel und Gerhard Stocker

Die „Gegensätzlichkeiten zwischen dem Westen und dem Osten“, wie Rudolf Steiner sie nennt, sind in seinen Vorträgen wiederholt Gegenstand geisteswissenschaftlicher Betrachtungen. Damals, ab 1914, tobte der Erste Weltkrieg – eine ungeheure, bis dahin noch nie dagewesene Materialschlacht als industriell eskalierender Waffengang. Die Zahl der getöteten Soldaten und Zivilisten stieg ins Unermessliche. Rudolf Steiner hatte während der Kriegsjahre zunächst Hoffnungen auf einen „großen Frieden“ nach diesem Krieg. Doch einen Krieg zu beenden scheint viel schwieriger zu sein, als einen Krieg zu beginnen. Nachhaltig wirksame Friedensverträge gelingen nur zu einem geringen Teil aller Versuche. So wird vielfach das berühmte Zitat zum Friedensvertrag von Versailles kolportiert, das dem französischen Marshall Ferdinand Foch zugeschrieben wird: „Dies ist kein Frieden. Es ist ein Waffenstillstand für zwanzig Jahre.“ Die Entwicklung des 20. Jahrhunderts in den Jahren danach gab dieser Mutmaßung mindestens im Nachhinein recht und ist noch heute die grundlegende Voraussetzung für die geopolitischen Lage.

von T. Tritschel |G. Stocker | 10.07.2026
Zeichen - Aquarell - Tom Tritschel 1990 für den Internationalen Jugendkongress - Begegnungen - Leipzig 18.-21.10.1990

Zu zeigen, dass hinter den politischen, globalen und nationalen Verhältnissen geistige Konstellationen, Kräfte, ja sogar Wesenheiten wirksam sind, war das unermüdliche Bemühen Rudolf Steiners. Ein zentrales Zeugnis dieses Einsatzes ist ein Text aus dem Jahre 1922 – die „West-Ost-Aphorismen“, die nach dem großen Kongress in Wien 1922 mit mehr als 2000 Teilnehmenden in der Wochenzeitschrift erschienen sind.[1]

Dieser überschaubare, komprimierte Text ist eine außerordentlich gute Grundlage, um über die globalen Verhältnisse und die gegensätzlichen Tendenzen in der Menschheit ins Gespräch zu kommen. Von diesem Bezugspunkt geistiger Betrachtungen ausgehend, suchen seit geraumer Zeit Tom Tritschel und Gerhard Stocker – beide Mitglieder des Arbeitskollegiums der AGiD – nach Formaten und Gesprächspartnern zu den Fragen heutiger Aktualität dieses Themas.

So fanden in den letzten vier Jahren Kolloquien in Budapest, Prag, Kraljevec (HR), Zagreb, Wien und St. Épain (F) statt. In viele Einzelgespräche – auch mit Verantwortungsträgern und initiativen Menschen anderer Landesgesellschaften – floss dieser Text ein.

Wir mussten feststellen, dass dieser Text weitgehend unbekannt ist. Das ist ein umso gewichtigerer Grund, dafür zu sorgen, dass er zu einer geistigen Orientierung und vor allem zu einer Aufforderung werden kann, sich auch heute – und gerade heute – um ein Verständnis dieser bedrängenden und so komplizierten Lage in der Welt zu bemühen, das tiefer greift als die gängige Art der Betrachtungen.

Wie gestalten sich die Verhältnisse in ihren globalen Bezügen? Von welchen Kräften sind diese Entwicklungen abhängig? Steht hier nicht auch jeder und jede Einzelne in der Verantwortung für die Folgen und Auswirkungen der eigenen Bewusstseinsgestaltung? Ist nicht der Erkenntnisvollzug der Schöpfer unserer Realität? Wie regeln wir unsere Wahrnehmungen in der medialen Überschwemmung unseres inneren Fassungsvermögens? Welche Begriffe nehmen wir zur Hand, um daraus Erkenntnisse – wenn auch vorläufige und provisorische – zu bilden?

Wir haben den Eindruck, dass das in dem besagten Text Geschilderte ein grundsätzliches und durchdringend konstituierendes Phänomen ist. In jedem Land, in jeder Region, in jeder Stadt, in jeder Gruppe stellen sich diese Tendenzen und Koordinaten! Für das Verständnis von Anthroposophie und Anthroposophischer Gesellschaft in der heutigen Zeit scheinen Schlagworte wie Verwestlichung, Säkularisierung, Abgrenzung, Schutzräume, wahre Geistigkeit, Bewahrung der Esoterik und Tendenzen zu östlicher Theosophie eine zum Teil divergente Wirkung zu haben. Gegensätze, die daraus entstanden sind und weiter entstehen, ins Gespräch zu bringen, scheint uns eine Not-Wendigkeit zu sein. 

 

Tom Tritschel und Gerhard Stocker planen als nächsten Schritt eine Reihe von Ost-West-Gesprächen in Bochum. Näheres wird noch bekanntgegeben.

 


[1] GA 36

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