50 Jahre info3 – Im Gespräch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Seit 50 Jahren begleitet die Zeitschrift info3 die Entwicklung der Anthroposophie und ihrer Praxisfelder mit journalistischer Aufmerksamkeit, kritischer Reflexion und dem Blick auf die Fragen der Zeit. Was hat die Zeitschrift in diesen fünf Jahrzehnten geprägt? Wie hat sich ihr Auftrag verändert? Und welche Herausforderungen stellen sich heute angesichts gesellschaftlicher Umbrüche und einer sich wandelnden Medienlandschaft? Darüber sprechen wir mit Jens Heisterkamp, Chefredakteur seit 1995, und Anna-Katharina Dehmelt, die die Zeitschrift mit Unterstützung dreier externer Kolleginnen und Kollegen prägen. Ein Gespräch über die Zukunft einer Zeitschrift, die seit fünf Jahrzehnten den Bogen zwischen Anthroposophie und Gegenwartskultur schlägt.
Olivia Girard: Wenn Sie auf die Geschichte der Zeitschrift zurückblicken, was waren die wichtigsten Entwicklungen und was ist vom ursprünglichen Impuls bis heute lebendig geblieben?
Jens Heisterkamp: Als ich selbst vor über 30 Jahren bei Info3 eingestiegen bin, war die Zeitschrift noch stark vom Impuls des Gründers Ramon Brüll geprägt, eine kritische Begleiterin der anthroposophischen Szene zu sein. Es gab viele strittige Themen wie zum Beispiel die Konstitutionsfrage oder das Rassismus-Thema, an das sich andere damals nicht herantrauten, das wir aber aufgegriffen haben.
Anna-Katharina Dehmelt: Das tun wir auch bis heute, kürzlich etwa mit der Frage, wie Anthroposophie beispielsweise bei Demeter lebt. Vor allem aber ist unser Anliegen, das Zeitgeschehen anthroposophisch zu durchdringen und anthroposophische Gesichtspunkte und auch Inhalte in selbst gedachter Form bis an die Ränder der anthroposophischen Szene einzubringen.
OG: Wie hat sich die Rolle einer anthroposophischen Zeitschrift in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Welche Aufgaben sehen Sie heute für info3?
JH: Die Aufgabe, die ich sehe, liegt darin, der Anthroposophie eine öffentlich wahrnehmbare Stimme zu geben. Ich denke, info3 ist immer noch das anthroposophische Medium mit der größten Reichweite. Und wenn irgendwo in anderen Medien eine Zeitschrift zitiert wird, ist es meist info3.
OG: Welche gesellschaftlichen Themen und Herausforderungen beschäftigen die Redaktion derzeit besonders und wie gehen Sie mit kontroversen Debatten um?
AKD: Das ist derzeit natürlich die künstliche Intelligenz und ihre Folgen – das große Thema der Gegenwart. Kürzlich haben wir uns die Frage gestellt, wie es um die Meinungsfreiheit bestellt ist. Aber wir machen aktuell auch übergreifende Themen: Aufmerksamkeit, Tod und Trauer, Sucht und Suche.
JH: Kontroversen bilden sich ja auch innerhalb unserer eigenen Leserschaft ab: In der Coronazeit gab es auch unter Anthroposophinnen und Anthroposophen diejenigen, die die verordneten Maßnahmen im Wesentlichen mitgetragen haben, und solche, die sehr kritisch gewesen sind. Wir haben versucht, so gut es ging, trotz eines eigenen eher kritischen Kurses nicht in einseitigen Aktionismus zu verfallen, sondern für beide Seiten des Spektrums ansprechbar zu bleiben.
OG: Wie erleben Sie die Interessen und Fragen jüngerer Leserinnen und Leser? Welche Impulse bringen sie für die Zukunft der Anthroposophie mit?
JH: Jüngere Leserinnen und Leser können wir selbst leider kaum ansprechen. Das liegt weniger an den Inhalten, vielmehr spielt hier ein verändertes Leseverhalten eine Rolle: Junge Leute abonnieren praktisch keine gedruckten Medien mehr.
AKD: Wir beobachten, dass es einerseits eine ganze Reihe junger Menschen gibt, die Steiner verehren und sich affirmativ auf ihn beziehen. Andererseits sind viele junge Menschen allgemein an Spiritualität interessiert, aber Steiner ist ihnen manchmal zu anstrengend. Dazwischen suchen wir originelle Menschen, die eigene Ideen haben – und leider kommen wir über das Suchen oft nicht hinaus …
OG: Welche Wünsche und Perspektiven haben Sie für die nächsten Jahre von info3? Welchen Beitrag kann die Zeitschrift Ihrer Ansicht nach künftig für Gesellschaft und Geistesleben leisten?
AKD: Tatsächlich wünschen wir uns einen ganzen Schub an Autorinnen und Autoren. Außerdem natürlich lesende Menschen – vielleicht gibt es nach den intensiven Bildschirmjahren ja auch wieder ein Bedürfnis nach analoger Lektüre. Aber uns gibt’s auch als App – da wünschen wir uns, dass die Menschen uns finden! Und wir hoffen, die Anthroposophie so lebendig zu halten, dass wir unsere Leserschaft damit anstecken.
JH: Wir wollen die Anthroposophie als einen Beitrag zur Sinn-Suche auffindbar machen, in ihrem ganzen Spektrum von der gedanklichen Grundlegung bis hin zu einer modernen westlichen Esoterik. Während Anthroposophie in den etablierten Medien oft verkürzt dargestellt wird, findet man in der Zeitschrift info3 das ganze Bild.
OG: Was planen Sie für dieses Jubiläum?
AKD: Ein Fest am 12.9. – die Einladung findet man in den letzten Heften und auf unserer Website. Es gibt Geschichten und Erinnerungen, ein Quiz, Musik und ein neues Buch von und über unseren Gründer Ramon Brüll. Herzlich willkommen! Nur melden Sie sich bitte an!