Biografiearbeit im Berliner Seminar für Waldorfpädagogik
„Der Baum, der ich noch werden will“: Er wächst. Wie sind seine Äste, seine Blätter, seine Früchte beschaffen? Und wie ist sein Stamm in der Erde verwurzelt? Steht er alleine oder mit anderen Bäumen? – „Kann ich mich aus der Zukunft sehen?“ An diesen Fragen arbeiteten die Student*innen des Berliner Seminars für Waldorfpädagogik in einem viertägigen Workshop Anfang Juni.
Die Seminarist*innen des 1. Studienjahres lernten biografische Arbeitsweisen kennen, mit deren Hilfe sie ihren individuellen Lebensweg in einem Zusammenhang erleben und verstehen können, wobei gleichzeitig die allgemeinen biografischen Gesetzmäßigkeiten farbig und plastisch werden. Der künstlerische Umgang mit Lebensereignissen und das biografische Gespräch ermöglichen Selbsterfahrung und Orientierung, gerade auch in einer Phase der Berufsfindung.
Eingangs suchten wir „den Ort und die Atmosphäre der Erdenankunft“ auf, die Grundstimmung in Kindertagen wurde malend ins Bild gebracht. Im Austausch über ihre Erinnerungen aus dem ersten Jahrsiebt entwickelten wir gemeinsam Merkmale für die Übergänge ins zweite und dritte Jahrsiebt: die „Geburten“ des Lebens- und des Seelenleibes. Was zeigt sich weiter in der Entwicklung, wenn das Ich, sich seiner selbst bewusst, das Leben zu gestalten beginnt? Unsere Teilnehmer*innen im Alter zwischen 28 und 59 Jahren konnten auch dabei auf ihre eigenen Erfahrungen zurückgreifen.
Die Ausbildung der Seelenglieder, der Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele bis zur Bewusstseinsseele im sechsten Jahrsiebt, ist ein Verinnerlichungsprozess, der von Lebensbegegnungen geprägt wird: Wie fühlt es sich an, wenn mein Nachbar einen Impuls in mein Bild setzt, den ich integrieren muss? Oder ich in das Bild eines anderen hineinmale? Welche Begegnungen waren richtungsweisend für die Themen meiner drei Seelenjahrsiebte? Mit den Metamorphosen der leiblichen in die seelischen Wesensglieder entfaltet sich die Zeitgestalt der Biografie.
Um das 42. Lebensjahr ist die Menschenseele gereift. Das in ihr schlummernde geistige Potenzial kann im siebten, achten und neunten Jahrsiebt nur zum Vorschein kommen, wenn das Ich mehr und mehr bewusst mitarbeitet. Meine Mitstudent*innen bereichern mein Selbstbild (Lebensgefühl) und zeigen mir: „Wo will das hin?“ Vielleicht bin ich darauf noch gar nicht gekommen? Oder habe es mir einfach nicht zugetraut? Welche ursprünglichen Impulse hatte ich in meinen ersten drei Jahrsiebten, die sich nun vielleicht verwirklichen lassen?
Die Struktur der Workshoptage mit jeweils drei Stunden und einer Mittagspause dazwischen blieb immer gleich. Neben dem Erforschen der eigenen Biografie mit passenden Malübungen widmeten wir uns täglich der Betrachtung eines Bildes von William Turner, an jedem der vier Tage aus einem anderen Blickwinkel. Eine solche „Vier-Ebenen-Betrachtung“ ist hilfreich, denn im Alltag sind gewöhnlich ein Ereignis und seine Dynamik (zum Beispiel eine Konfliktsituation) vermischt mit meinen seelischen Empfindungen und der wesentlichen Signatur des Geschehens.
Des Weiteren bezogen wir die Nächte in unsere Arbeit ein und gaben jeden Morgen Raum für ein kurzes „Nachtecho“, das ohne Diskussion für sich sprach. Auch Ereignisse im persönlichen Umfeld können sich in diesem Zusammenhang als wesentlich entpuppen. In Rudolf Steiners Notizbuch zu seinen Karmavorträgen (1924) findet man den Eintrag: „Man sehe hin auf die ausschlaggebenden Unbedeutendheiten des Lebens.“ Denn sie sind flüchtig und huschen vorbei wie Traumbilder.
Die Student*innen ließen sich auf unsere biografischen Übungen und Gespräche interessiert und engagiert ein, und sie fragten beherzt nach. Ihre unausgesprochenen, auch existenziellen Fragen waren für uns (mit viel Unterrichtserfahrung an Waldorfschulen) im „Durchhören“ wahrnehmbar. Unser Dank für die fruchtbare Arbeit gilt besonders den Seminarist*innen, ebenso den Leitenden des Berliner Seminars, Iris Didwiszus und Christoph Doll, für die Einladung und die warmherzige Atmosphäre, die uns während der Tage umfing.
Wir wünschen den zukünftigen Pädagog*innen, dass die Biografiearbeit ihren festen Platz in der Lehrer*innenbildung bekommt: „Das Leben muss ja irgendwie weitergehen …“ Wie, das lässt sich mit Biografiearbeit herausfinden, zu der uns eine Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik in der heutigen Zeit auffordert.
Jürgen Brau für das Team von kunst.werk.biografie