Interview zur Aktion „weil’s hilft!“
Die Anthroposophische Medizin braucht uns jetzt
Olivia Girard: Warum hat sich die Kampagne „weil’s hilft!“ öffentlich zum GKV-Gesetzentwurf positioniert und welche Punkte kritisieren Sie besonders?
Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Weil dieser Gesetzentwurf weit mehr ist als eine technische Korrektur im Leistungskatalog. Unter dem Titel der Beitragssatzstabilisierung sollen die Homöopathie und die anthroposophische Medizin aus der Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen gestrichen werden. Das wäre ein Eingriff in die Wahlfreiheit der Versicherten und in die Pluralität unseres Gesundheitswesens.
Besonders problematisch ist: Die Maßnahme löst kein relevantes Finanzierungsproblem. Die eigentlichen Kostentreiber liegen an anderer Stelle – etwa bei Fehlversorgung, Überversorgung, Arzneimittelkosten und einer Medizin, die technische Leistungen oft besser vergütet als Gespräch, Begleitung und Prävention. Hier wird also kein strukturelles Problem gelöst, sondern ein symbolischer Einschnitt vorgenommen.
Zudem fehlt eine differenzierte Sachprüfung. Es wird behauptet, es gehe um Evidenz. Tatsächlich aber werden ganze Therapierichtungen politisch abgewertet, ohne ihre reale Bedeutung für Patientinnen und Patienten, ihre Versorgungsforschung und ihre spezifische Methodik angemessen zu berücksichtigen.
OG: Welche Auswirkungen hätte die geplante Einschränkung von Leistungen wie Homöopathie und anthroposophischer Medizin Ihrer Meinung nach für Patientinnen und Patienten?
SST: Für viele gesetzlich Versicherte würde eine bewährte Möglichkeit der Versorgung wegfallen. Wer es sich leisten kann, wird solche Behandlungen weiterhin privat bezahlen. Wer es sich nicht leisten kann, verliert Wahlfreiheit. Damit verschärft der Entwurf genau jene soziale Ungleichheit, die unser solidarisches Gesundheitssystem eigentlich vermeiden soll.
Betroffen sind häufig Menschen mit chronischen Erkrankungen, Familien mit Kindern oder Patientinnen und Patienten, die nach längeren Krankheitsverläufen bewusst integrative Wege suchen. Viele von ihnen entscheiden sich nicht aus Unwissenheit für anthroposophische Medizin oder Homöopathie, sondern nach sorgfältig geprüfter Erfahrung mit verschiedenen Behandlungsformen.
Auch die Krankenkassen würden in ihrer Gestaltungsmöglichkeit eingeschränkt. Satzungsleistungen sind freiwillige Angebote, mit denen Kassen auf die Wünsche ihrer Versicherten reagieren können. Wenn der Gesetzgeber diese Möglichkeit streicht, entmündigt er nicht nur Patientinnen und Patienten, sondern auch die Kassen.
OG: Die Kampagne setzt sich für integrative Medizin ein. Wie kann Ihrer Ansicht nach Schulmedizin sinnvoll mit komplementären Methoden verbunden werden?
SST: Integrative Medizin bedeutet nicht, Schulmedizin und komplementäre Methoden (hier übergreifend als Naturmedizin bezeichnet) gegeneinander auszuspielen. Es geht darum, das Beste aus den vielen Welten im Interesse der Patientinnen und Patienten sinnvoll zu verbinden.
Die moderne Medizin ist stark in Akutversorgung, Diagnostik, Chirurgie, Intensivmedizin und hochspezialisierten Therapien. Naturmedizin und anthroposophische Medizin bringen andere Qualitäten ein: Zeit für das Gespräch, biografisches Verstehen, Stärkung der Selbstwirksamkeit, äußere Anwendungen, Arzneimittel aus besonderen Therapierichtungen und eine stärkere Orientierung an den Ressourcen des Menschen.
Gerade bei chronischen Erkrankungen brauchen wir eine Medizin, die nicht nur repariert, sondern auch begleitet. Eine Medizin, die fragt: Was stärkt diesen Menschen? Was hilft ihm, selbst wieder handlungsfähig zu werden? Genau hier liegt die Zukunft einer wirklich patientenorientierten Versorgung.
OG: Kritiker fordern mehr wissenschaftliche Nachweise für Naturheilverfahren. Wie begegnen Sie dieser Diskussion?
SST: Wir haben nichts gegen wissenschaftliche Prüfung – im Gegenteil. Medizin muss sich fragen lassen, ob sie sicher, nachvollziehbar und hilfreich ist. Aber die Prüfung muss fair und methodisch angemessen sein.
Viele integrative Behandlungsansätze wirken nicht als isolierte Einzelmaßnahme, sondern im Zusammenspiel: ärztliches Gespräch, Lebensstil, äußere Anwendungen, Arzneimittel, Beziehung, Selbstregulation. Wenn man solche komplexen Versorgungsformen nur nach dem Modell einer einzelnen Substanz gegen Placebo bewertet, wird man ihnen nicht gerecht.
Wir brauchen deshalb eine erweiterte Evidenzkultur: klinische Studien, Versorgungsforschung, Real-World-Data, qualitative Forschung und patientenberichtete Ergebnisse. Entscheidend ist doch: Was hilft Menschen im konkreten Leben? Reduziert eine Behandlung Belastungen? Verbessert sie die Lebensqualität? Stärkt sie die Selbstwirksamkeit? Senkt sie womöglich Folgekosten? Anthroposophisch gesprochen: Gliedert sich diese Hilfe sinnvoll in den Lebens- und Schicksalskontext des Menschen ein? Genau diese Fragen müssen ernsthaft gestellt werden.
OG: Welche politischen oder gesellschaftlichen Veränderungen wünschen Sie sich langfristig für das deutsche Gesundheitssystem?
SST: Ich wünsche mir ein gerechteres, vielfältiges und demokratischeres Gesundheitssystem. Gesundheit prägt sich individuell aus. Deine Gesundheit ist nicht meine. Wir müssen Werte und Prioritäten der Menschen ernster nehmen. Sie zahlen sehr viel Geld in dieses System ein, haben aber erstaunlich wenig Einfluss darauf, wie die Versorgung gestaltet wird.
Langfristig brauchen wir eine solidarische Grundversorgung für alle, verbunden mit echten Wahlmöglichkeiten. Wer eine stärker integrative, naturheilkundliche oder anthroposophische Versorgung wünscht, sollte diese Präferenz auch innerhalb eines solidarischen Rahmens ausdrücken können – nicht nur dann, wenn er sie privat zahlen kann.
Außerdem brauchen wir mehr Bürgerbeteiligung. Gerade in Prävention, Pflege, Selbsthilfe, Gesundheitsbildung und integrativer Versorgung liegt ein enormes Potenzial. Die Versorgung der Zukunft wird nicht allein durch Expertinnen und Experten organisiert werden können. Sie wird nur gelingen, wenn Bürgerinnen und Bürger sie aktiv mitgestalten.
Darum geht es auch bei weil’s hilft!: nicht um ein Sonderinteresse, sondern um Wahlfreiheit, Pluralität und eine Medizin, die den Menschen mehr zutraut.
OG: Vielen Dank für das Gespräch!
Dr. med. Stefan Schmidt-Troschke studierte Medizin und Gesundheitsökonomie in Witten/Herdecke und Bayreuth. Seine ärztliche Ausbildung setzte er fort in Ägypten, Georgien, Irland und in der Schweiz. Nach einer Weiterbildung zum Kinder- und Jugendarzt war er seit 1997 tätig am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, dessen ärztlicher Direktor er bis 2013 war. 2003 begründete er die Organisation Ärzte für Individuelle Impfentscheidung e.V. Seit 2014 ist er Geschäftsführender Vorstand des Bürger- und Patientenverbandes GESUNDHEIT AKTIV e.V. – Anthroposophische Heilkunst und praktiziert als Kinderarzt in Berlin. Außerdem war er Vorstandsmitglied des Dachverbandes Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD).