Emil Molt zum Geburtstag. Eine Würdigung | Tomáš Zdražil
Es war der Stuttgarter Unternehmer Emil Molt, der die seit 1906 bekannten pädagogischen Erkenntnisse Rudolf Steiners als Erster in die Praxis umsetzte: „Die kleine, untersetzte, korpulente Gestalt mit dem schön geformten, großen, haarlosen Haupte verriet einen Menschen mit starkem Willen. Seine kleinen blauen Augen waren lebhaft und hatten einen intelligenten und durchdringenden, energischen Blick. Sein großer Mund mit dünnen Lippen und ein kräftiges Kinn gaben dem sehr anziehenden Antlitz eine entscheidende Prägung“ (R. Grosse). Mit seinem Unternehmen, der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, war er ganz eins, auch mit den Angestellten und Arbeitern und ihren Familien. „Vater Molt“ wurde er von ihnen genannt. Sie fühlten sich von ihm wahrgenommen und wertgeschätzt. In Waldorf-Astoria war Streik als Verhandlungsmittel unbekannt, Molt hat Erholungsheime für seine Arbeiter gegründet und ihre Kinder mit frischer Milch versorgt. Als Unterhaltungs- und Bildungsmittel für die Arbeiter entstanden die „Waldorf-Nachrichten“ und vor allem eine Arbeiterbildungsschule. Molt strotzte vor Tatendrang und Kreativität. Er bewegte ernstlich die Idee, aus den Erträgen seiner Firma ein Kinderheim, ein Altersheim oder – eine Schule zu gründen. Letzteres gewann.
So legte er dann am 23. April 1919 Rudolf Steiner seine Idee vor und bat ihn, die Rolle des pädagogischen Leiters anzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt blickte Molt bereits auf etliche Jahre der Bekanntschaft mit Rudolf Steiner zurück, nun fing aber für ihn und Steiner die intensivste Zeit der Zusammen- und Aufbauarbeit an, viele strategische Beratungen im engsten Kreise wie auch schwerste Krisengespräche, etliche Stunden Autofahrt zwischen Dornach und Stuttgart, unmittelbare menschliche Nähe wie auch schmerzliche Entfremdung. Was sie beide besonders verband, war die Eigenschaft, die höchsten geistigen Erkenntnisse und das praktische äußere Leben als Einheit zu betrachten. Molt machte sich den mahnenden Hinweis Steiners zu eigen, dass die Anthroposophie ihre zivilisatorische Mission erst dann erreichen kann, wenn sie auch in architektonischen Formen ihren Ausdruck findet. So war er beteiligt an allen Versuchen um den anthroposophischen Bauimpuls (in Malsch, Stuttgart und Dornach). Auch für die Waldorfschule fand er ein erstes Gebäude und kaufte es, erwarb Grundstücke und finanzierte Baracken wie auch das erste große Schulhaus maßgeblich.
Die Schuleröffnungsfeier am 7. September1919 war für ihn ein biografischer Höhepunkt. Das Gedeihen der Waldorfschule betrachtete er als größtes Geschenk seines Lebens und nahm intensivst an allen ihren Entwicklungen Anteil. Seine Frau Berta, „die Seele seines Lebens“, gehörte als Handarbeitslehrerin zum Kollegium. Sein Sohn Walter brachte ihn in seiner Rolle des Schulvaters in manch peinliche Situation, nicht nur durch fleißiges Verteilen von Zigaretten unter Mitschülern.
Molt pflegte ein inniges religiöses Leben. Ein Anliegen waren ihm nicht nur gute, friedliche Beziehungen der Waldorfschule zu beiden großen Kirchen, sondern insbesondere auch die Einrichtung des freien Religionsunterrichts mit den Sonntagshandlungen. Auch die Gründung der Christengemeinschaft begleitete er mit starker innerer Anteilnahme. Nach der Machtergreifung Hitlers sorgte er vorbildlich und weitsichtig für eine kompromisslose Haltung der Schule und schützte sie bis zu seinem Tode 1936 vor den Übergriffen der Machthaber.
Am 14. April 2026 gedenken wir des 150. Geburtstags von Emil Molt und am 16. Juni jährt sich zum 90. Mal sein Todestag. Vor diesem Hintergrund können wir an die Worte von Herbert Hahn denken, der Molt aus persönlicher Erfahrung gut kannte: „Es sollte, meine ich, daher zu einer geistigen Gepflogenheit innerhalb der ganzen Waldorfschulbewegung werden – zusammen mit dem Bilde Rudolf Steiners das Bild Emil Molts im Bewusstsein der Lehrer wie der Schüler lebendig zu halten.“
Tomáš Zdražil, 1973, gebürtig aus Tschechien, hat Geschichte in Prag studiert und promoviert in Erziehungswissenschaften zum Thema Gesundheitsförderung und Waldorfpädagogik an der Universität Bielefeld. Tomáš Zdražil war Klassenlehrer in Semily in Tschechien und lehrt heute an der Freien Hochschule Stuttgart am Seminar für Waldorfpädagogik. Seine Schwerpunkte sind die anthropologischen und anthroposophischen Grundlagen der Waldorfpädagogik und schulische Gesundheitsförderung.