Interview mit Stefan Hasler über die Eurythmie als Kunstimpuls
Die Eurythmie gehört zu den zentralen künstlerischen Impulsen der Anthroposophie. Als Bewegungskunst, die Musik und Sprache sichtbar macht, verbindet sie künstlerischen Ausdruck mit einer geistigen Dimension des Menschseins. Seit ihrer Begründung durch Rudolf Steiner hat sich die Eurythmie in ihren unterschiedlichen Bereichen weiterentwickelt: auf der Bühne, in der Pädagogik und im therapeutischen Feld. Am Goetheanum wird diese Kunstform in der Sektion für Redende und Musizierende Künste kontinuierlich weiter gepflegt und künstlerisch erforscht. Dabei stellt sich heute mehr denn je die Frage, welche Bedeutung die Eurythmie als Bühnenkunst im zeitgenössischen kulturellen Leben haben kann und welche neuen Impulse aus ihr hervorgehen. Für AGiD.AKTUELL haben wir mit dem Leiter der Sektion, Stefan Hasler, über die gegenwärtige Entwicklung der Eurythmie, ihre spirituellen Grundlagen und ihre Zukunft als lebendige Kunstform gesprochen. Das Gespräch führte Olivia Girard.
Bild: Xue Li Olivia Girard: Welche Bedeutung hat die Eurythmie als Bühnenkunst heute, sowohl innerhalb der anthroposophischen Bewegung als auch im weiteren kulturellen Kontext? Was unterscheidet sie aus Ihrer Sicht grundsätzlich von anderen Bewegungskünsten?
Stefan Hasler: Der Eurythmie liegt ein ganzheitliches Menschenbild zugrunde. Dieses versuchen wir erlebbar zu machen. Es wird getragen und genährt von der Anthroposophie. Das heißt, dass es ganz grundsätzlich um den Menschen in seinen vielfältigsten Bezügen geht – etwas, das eigentlich ganz normal sein sollte.
Der Beitrag, mit dem die Eurythmie die Bewegungskünste bereichern kann, ist der ätherische Bewegungsfluss, der in einer besonderen Art von Raum erarbeitet werden kann. In diesem lebt ein inneres, intensives Verhältnis zur Imagination aus einem übergeordneten Raum- und Geistbewusstsein heraus.
Bewegung geht im gesellschaftlichen Kontext mehr und mehr verloren. Die meisten Berufe erfordern heute eine sitzende Tätigkeit, in der gerade einmal die Finger sich bewegen. Der Beitrag seitens der Eurythmie ist es, in bescheidener Form hierzu ein Gegengewicht anzubieten.
OG: Wie entwickelt sich die künstlerische Arbeit in der Sektion für Redende und Musizierende Künste am Goetheanum derzeit weiter, insbesondere im Zusammenspiel von Musik, Sprache und Bewegung?
SH: Wir beobachten, wie sich diese drei miteinander verschwisterten Künste in der Therapie und in der Pädagogik oft auch auf experimentelle Art einander annähern, zusammenarbeiten, sich gegenseitig ergänzen.
In der Bühnenarbeit erleben wir, dass in verschiedenen kleinen Projekten dieses Zusammengehen ebenfalls gesucht wird, z. B. indem die Sprachgestalterin in das Bühnengeschehen integriert ist, eine Geschichte erzählt und daraus die Bewegung entwickelt. Oder es sind Musiker direkt auf der Bühne in den Handlungsablauf einbezogen. Es gibt verschiedene kleinere und größere Projektgruppen von São Paulo über den Bodensee bis nach Moskau, die so arbeiten. Ein großes Projekt, das aktuell zu sehen ist, betrifft die Aufführungen des „Parsifal“ von Richard Wagner am Goetheanum. Hier haben wir die Chance erhalten, eine Art von sinfonischem Zusammenspiel der Eurythmie mit Chor, Gesangssolisten, dem Orchester und dem Bühnenbild zu entwickeln.
OG: In welcher Weise ist die künstlerische Eurythmie mit der spirituellen Grundlage der Anthroposophie verbunden und welche Rolle spielt dabei das Werk von Rudolf Steiner für die heutige Praxis?
SH: Ich beobachte, dass für diejenigen, die diesen Beruf ergreifen, die Verbindung zur Anthroposophie existenziell ist. Sie ist Inspirationsquelle und ein Zuhause. Das Werk Rudolf Steiners ist die Grundlage dieser Kunst, und Rudolf Steiner hat sie mit den ersten Pionierinnen so weit entwickelt, dass alle nachfolgenden Generationen darauf aufbauen konnten und können. Alle Vielfalt der Eurythmie in ihrer heutigen Gestalt hat sich daraus entwickelt.
OG: Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie heute in der Ausbildung und Förderung einer neuen Generation von Eurythmistinnen und Eurythmisten?
SH: Früher gab es weniger Ausbildungen mit mehr Studierenden. Heute haben wir weltweit 53 Ausbildungsstätten; die Zahl der Studierenden pro Einrichtung hat abgenommen.
Vielfalt bedeutet auch, dass in China, in Ägypten, in Indien, in Südafrika, in Brasilien ganz sicher und hoffentlich Eurythmie anders bewegt und aufgefasst wird als zum Beispiel hier in Dornach. Diese Vielfarbigkeit, die wir in den letzten Jahrzehnten entwickeln durften, schult eine Akzeptanz und einen Respekt für die Andersartigkeit des anderen. Das ist die positive Seite.
Die Herausforderungen sind immens. In vielen Ländern ist die allgemeine Lebenssituation so angespannt, dass man ein Studium von Kunst gleich welcher Art kaum ermöglichen kann. Um Kunst zu studieren, muss ich mir Freiräume - nicht nur materieller Art – schaffen können. Das ist im Moment einfach nicht überall möglich.
Wir haben allein in Deutschland 253 Waldorfschulen und damit eine große Nachfrage nach Eurythmie-Lehrkräften, die wir zahlenmäßig nicht abdecken können. Dieselbe Entwicklung beobachten wir auch in anderen Ländern. Wir stehen mitten in einem Generationswechsel, in dem sehr aktive Eurythmistinnen und Eurythmisten in den Ruhestand gehen. Nicht nur in der Eurythmie, sondern insgesamt in der Pädagogik, also auch in der Waldorfpädagogik, fehlt der Nachwuchs.
Hinzu kommt, wie bereits angedeutet, dass wir alle in einer andauernden konstitutionellen Veränderung stehen: Im digitalen Zeitalter ist unser Verhältnis zur Bewegung, unser Verhältnis zum Bild, unser Verhältnis zur Intelligenz sehr im Wandel, und damit auch unser Verhältnis zu unserem Leib und zum Raum.
Wie bin ich heute und zukünftig beheimatet in meiner Bewegungsinkarnation, in meiner Bewegungskonstitution? In diesem Veränderungsprozess liegen methodisch-didaktisch vollkommen neue Herausforderungen, die für uns Ausbilder auch eine Riesenchance bedeuten, uns weiterzuentwickeln und Neues zu ergreifen.
OG: Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welche Entwicklung wünschen Sie sich für die Eurythmie als Kunst und welche Impulse möchten Sie den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft mitgeben?
SH: Für die Eurythmie als Kunst ist die Möglichkeit der Selbst-Erfahrbarkeit, des Selber-Tuns, die größte Chance, denn schon durch kleine eurythmische Übungen kann ich in Kontakt zu meinem Menschsein kommen, gerade auch auf seelischer und geistiger, spiritueller Ebene.
Man kann in 10 Minuten, in 20 Minuten, in einem längeren Zeitraum, ohne oder mit Voraussetzungen mit sich und der Eurythmie in einen Erfahrungsprozess eintreten – ob es dann zu einem Erlebnis kommt, hängt auch von dem Umfeld und von einem selber ab.
Insofern wünsche ich mir Wachheit und Flexibilität, um in wirklich jeder Situation sagen zu können: Lasst uns jetzt, in diesem Moment, kurz aufstehen, zehn Minuten etwas gemeinsam bewegen – zu Beginn einer Sitzung oder am Ende eines Vortrags oder allein zu Hause, wenn ich gerade bemerke, dass ich innere oder äußere Bewegung brauche.
Also dieses kleine Moment, öfter aufzustehen und sich zu bewegen, das wünsche ich mir als selbstverständliche Haltung auch für uns Mitglieder. Und ich freue mich über alle Situationen, wo das gelingt.
Die Goetheanum-Leitung ist jede Woche, jeden Dienstagmorgen, so organisiert, dass die ersten 20 Minuten Eurythmie gemacht werden. Das gibt uns für die ganze Sitzung eine Art des Miteinanders und des Offenseins, die etwas bringt. Kürzlich war es bei der Landwirtschaftlichen Tagung in der Arbeit an den Leitsätzen so, dass die Kollegen gefragt haben, ob das auch in der Eurythmie gemacht werden könnte. Es standen also 700 Menschen im Großen Saal auf und machten zwischen den Sitzen Eurythmie. Dieser Moment ermöglichte eine Erfahrbarkeit der Anthroposophie als eine Art Bewegungsverstehen.
Ganz persönlich interpretiere ich gewisse Stellen von Rudolf Steiner im Ton-Eurythmie-Kurs und im Laut-Eurythmie-Kurs so, dass er die größte Freude daran hat, dass man Anthroposophie auf diese Weise üben kann. Dass man real in einer Bewegungssequenz seine Seele so mit einem geistigen Inhalt verbindet, dass man sich durch die Mitte, durch den Seelenraum, durch einen Herzensraum sehr effizient und sehr direkt dem Wesen der Anthroposophie nähern kann.
OG: Man hört immer wieder, wie schwer es ist, Eurythmie-Pädagoginnen und -Pädagogen zu finden. Welche Überlegungen der Sektion und der Ausbildungsstätten gibt es dafür, Interessierte für eine Ausbildung zu gewinnen?
SH: Liebe Mitglieder, wir freuen uns, wenn Sie im Umfeld wach sind: Wer hätte Lust, Eurythmie zu studieren? Wen sehen Sie in Ihrer Umgebung?
Die Eurythmie-Ausbildungen bieten Tage der offenen Tür, geben Workshops, gehen mit Aufführungen in Schulen, gestalten mit ihren Angeboten Prospekte und Websites, sind auf Instagram präsent – wir versuchen alles, um Menschen die Möglichkeit zu geben, auf ihrem Lebensweg der Eurythmie zu begegnen, sodass sie vielleicht Teil ihres Schicksals werden kann.
Wir stellen uns die Frage, welche Methodik es braucht, um heute mit der Eurythmie zu arbeiten. Wir sind dabei, neue und weitere Ausbildungsformate zu entwickeln. Wir versuchen, durch Studienangebote für Berufstätige flexibel auf die konkreten Lebenssituationen einzugehen.
Wir versuchen also, unterschiedliche Zugänge zum Eurythmie-Studium für die verschiedensten Lebenssituationen zu schaffen. Das sieht von Land zu Land sehr unterschiedlich aus, aber die Variabilität des Angebots ist groß geworden.
Wir leben in Zeiten, in denen wir stark visuell geprägt sind, in denen wir eigentlich keine Zeit haben, in denen die Herausforderungen des täglichen Lebens groß sind. Wo schaffen wir also Freiräume, wie bilden wir Raum- und Zeitressourcen, in denen Kunst sich entfalten mag?
Das sind die grundlegenden Fragen für die Eurythmie. Eurythmie kann auf sehr direkte und unmittelbare Weise Freiräume, Zeiträume, Hörräume und geistige Räume schaffen. Ich wünsche uns allen, dass wir fantasievoll den Zugang dazu ermöglichen.