Im Ungewissen einen Halt finden - Aus dem Leben in der Ukraine heute
STIL Zeitschrift | «Die Ukraine ist ein Land in Europa!» Wenn man diesen Satz hört oder etwas Ähnliches über die Ukraine sagt oder schreibt, muss man darauf gefasst sein, dass man sehr leicht missverstanden wird. Besonders, wenn man sich sehr kurzfasst, wenn man etwas ungenau und nicht präzise ausdrückt, kann es leicht passieren, dass jemand aus den Worten etwas heraushört, was gar nicht gesagt wurde. Wenn man sagt, dass die «Ukraine ein Land in Europa» ist, ist damit noch lange nichts über eine EU Zugehörigkeit, über ein politisches System, die Neigung zu dem einen oder anderen Bündnis oder zur Demokratie im Land gesagt. Besonders diese letzten Themen haben viele Stürme entfacht, die seit Jahren durch unser Land fegen.
Die Ukraine ist allerdings wirklich ein Land, das geographisch ganz in Europa liegt. Das ist nicht zu bestreiten! Und so tobt dieser furchtbare Krieg tatsächlich in Europa! Dieser Krieg ist bereits ins fünfte Jahr eingetreten und hat nicht nur viel Not und Leid verursacht, sondern auch sehr viele leidenschaftliche Emotionen, Urteile und Vorurteile, feste Meinungen und unmittelbare Ängste hervorgerufen. Dieser Krieg, der als äußere Wirklichkeit in der Ukraine tobt, ist schon lange als ein «Krieg im Inneren» spürbar. Das Wort Europa beinhaltet sehr viele verschiedene Ebenen und Aspekte. Die EU und die Fragen um Politik, Sozialgestaltung, Wirtschaft, Staat, Sicherheit kommen einem dabei meistens als Erstes in den Sinn. Außerdem gibt es geschichtliche, kulturelle, kirchlich-religiöse und viele andere Gesichtspunkte. Dazu kommt auch eine geopolitische Dimension, die gerade sehr oft heiß und kontrovers diskutiert wird. Mit all diesen Aspekten und Gesichtspunkten sind vielfältige Vorstellungen, Hoffnungen, Gefühle und Gefühlsurteile verbunden. Aber auch Erwartungen, Vermutungen und Ängste. Wenn nun über die Ukraine und den Krieg gesprochen wird und die genannten Aspekte, Ebenen und Gesichtspunkte nicht sauber getrennt und sortiert werden, dann tut sich die Gefahr der Verwirrung unmittelbar auf. Das führt dazu, dass die Menschen sehr schnell über verschiedene Seiten sprechen und vielleicht schon fest
entschlossen «für» oder «wider» den einen oder anderen Aspekt sind. Missverständnis wird hervorgerufen und Emotionen steigen auf.
Bei all diesen Aspekten und Gesichtspunkten stehen unmittelbar menschliche und geistige Aspekte nicht sogleich im Vordergrund. Aber gerade diese sind für mich wichtig. Denn es geht vor allem um die Millionen von Menschen, die den Krieg nicht wollten und nicht herbeisehnten, sich aber damit auseinandersetzen, damit leben oder sogar vor ihm fliehen müssen. Es geht nicht zuletzt auch darum, dass mit dem Begriff Europa eine geistige Bedeutung verbunden ist, aus der eine geistige Aufgabe hervorgeht.
Es wird in diesen Zeilen vor allem um einzelne Menschen, ihre Schicksale, ihr Leiden und ihr Hoffen gehen. Denn nur durch die Menschen, durch ihr Hoffen und ihr Streben entstehen Schicksal, Bild und Sinn, die die Bedeutung des Landes sichtbar machen. Und vielleicht leuchtet aus diesen Schicksalen
ein wenig das geistige Ringen dieser Menschen, oder anders gesagt, ihr Streben nach einem «geistigen Europa» hindurch.
Immer wieder neu anfangen
Der Krieg in der Ukraine dauert nun schon viereinhalb Jahre. Das genaue Datum, mit dem diese Zeitzählung angefangen hat, ist der 24. Februar 2022. Genau an diesem Tag wurde am frühen Morgen der souveräne Staat Ukraine durch die Russische Föderation «offiziell» militärisch angegriffen. Wenn man mit Ukrainern aus den Ostgebieten unserer Heimat über den Anfang des Krieges spricht, dann sind sie allerdings mit dem 22. Februar 2022 als Anfangsdatum nicht einverstanden und nennen einen anderen Zeitpunkt. Sergej kam mit seiner Frau Jewgenija und seinen zwei Kindern – der 4-jährigen Anna und dem 13-jährigen Vitja (die Namen sind geändert, die Geschichte ist wahr) – im Sommer 2014 nach Odessa. Sie waren auf der Suche nach einem neuen Wohnsitz. Bis zu diesem Zeitpunkt war Sergej der Mitbegründer, Leiter und Co-Besitzer von einer Fabrik gewesen, die Fenster und Ersatzteile produziert. Er hatte die Firma mit seinen Freunden in Luhansk aufgebaut. Die Familie lebte in einem großen Privathaus, das sie selbstständig und mit eigenen Mitteln erbaut hatte. In diesem Haus gingen viele Menschen ein und aus, und es wurden dort viele verschiedene Seminare zur Waldorfpädagogik organisiert. Das Haus war ein geistiges Zentrum geworden. Die Familie musste im Frühjahr 2014 praktisch «von heute auf morgen» fliehen. Das Leben war für sie in der Stadt, in der sie geboren worden waren, unerträglich geworden. Sie teilten somit das Schicksal von Hunderttausenden von Menschen, die davon betroffen waren, dass die russischen Truppen schon im Frühjahr 2014 in die Ostukraine einmarschiert sind. Diese Menschen verloren ihre Heimat, wurden in ihrer eigenen Heimat heimatlos und zu Flüchtlingen im eigenen Land. Nur geschah das alles damals sehr schnell und sozusagen «unauffällig». Für die ganze Welt blieb die Tatsache der russischen Besetzung ein Lokalkonflikt, der in den internationalen Medien, im Vergleich zu heute, nicht besonders präsent war. Der Staat Ukraine konnte damals den Angreifern gar nicht standhalten. Und in der Welt, in der so viel Leiden überall geschah, wurde dieser Angriff nicht als etwas Außerordentliches wahrgenommen. Auch für die meisten Ukrainer war es damals ein Konflikt, der «weit weg» in der Ostukraine geschah und der sich vielleicht in der Zukunft «irgendwie» und «von allein» beruhigen würde. Die Ukrainer fühlten sich zwar betroffen, hatten Mitleid mit den dort lebenden Menschen und versuchten, den Flüchtlingen aus den Ost-Gebieten des Landes zu helfen. Aber die allermeisten hatten keine eigene Initiative ergriffen und fühlten sich machtlos, etwas dagegen zu unternehmen. Die Besetzung blieb im Großen und Ganzen Sache der Regierung und der unmittelbar Verantwortlichen. Das Leben im übrigen Land ging mehr oder weniger so weiter wie «zuvor». Sergej und Jewgenija haben sich 2014 entschlossen, das Haus und die Fabrik zu verlassen und suchten nach einem sichereren Lebensort mit einer Waldorfschule in der Nähe. Die Waldorfinitiative in Luhansk ist mit ihrem Weggang leider eingegangen. Die beiden haben die Schule, die ihre Kinder aufzunehmen bereit war, letztendlich in Kyiv gefunden. Und zum Glück fanden sie auch noch eine provisorische Unterkunft in einer kleinen Zweizimmerwohnung bei Bekannten. Innerhalb von wenigen Jahren – und just bis 2022 – hat Sergej Kredite aufgenommen und abbezahlt; er hat es sogar geschafft, einige Fabrikgeräte in Luhansk zu verkaufen. Er wurde dann zu einem erfolgreichen Autohändler in der Gegend von Kyiv. Der gesellschaftliche und geschäftliche Neuanfang war vollkommen gelungen! Sergej und Jewgenija wurden wieder sehr aktiv bei verschiedenen anthroposophischen Initiativen, das älteste Kind absolvierte die Waldorfschule, und das Leben schien wieder normal geworden zu sein. Es wurden viele Zukunftspläne geschmiedet … Nun kam aber der Februar 2022 und es entbrannte ein neuer Krieg. Die Angreifer kamen innerhalb von wenigen Tagen fast bis nach Kyiv, d. h. bis wenige Dutzend Kilometer vor den neuen Familiensitz. Jewgenija hat den ersten Angriff noch im neuen eigenen Haus ausgehalten, aber gleich danach innerhalb von wenigen Tagen hat Sergej sie und die Kinder gebeten, in die sichere Westukraine, die weiter weg von der Frontlinie liegt, zu gehen. Wieder war das Anliegen der beiden, in der Nähe von einer Waldorfschule zu sein. Sie kannten nur eine in dieser Gegend – in der kleinen Stadt Horodenka. Die Hoffnung war: den Angriff zu überstehen und nach einigen Wochen oder, wenn es nötig sein musste, nach Monaten nach Kyiv zurückzukehren. Doch die Monate vergingen, und es zeichnete sich kein Ende ab. So kam der Entschluss, dass Jewgenija mit den Kindern noch weiter von der Frontlinie, die sich damals sehr schnell landeinwärts bewegte, wegfahren sollte. Wohin wusste sie erst einmal nicht, nur wollte sie die Ukraine, die jetzt als Ganzes vom Krieg erfasst wurde, verlassen. Mit der Zeit und vielen Wundern der «zufälligen» menschlichen Begegnungen stellte sich heraus, dass der Weg sie letztendlich in die Schweiz führen sollte. Sergej blieb erst einmal in der Ukraine in der Hoffnung, dass «der Wahnsinn doch bald zu Ende sein wird» und besuchte seine Frau und Kinder alle zwei bis drei Monate. Nun, nach vier vollen Jahren, ist die Hoffnung auf das «baldige Ende» endgültig geschwunden und die beiden haben sich gesagt: «Wir haben keine Kraft, wieder alles zu verlieren und irgendwo ein drittes Mal in der Ukraine bei null anzufangen. Diesmal scheint das ganze Land unsicher zu sein!» Sergej hütet nun das Haus, das die Familie am Rande von Kyiv noch besitzt, aber er nutzt jetzt die Zeit dafür, sein Geschäft nach und nach aufzulösen, das Haus zu verkaufen und dann doch endgültig nach Mitteleuropa überzusiedeln. «Was willst Du dort tun?» – habe ich ihn gefragt. «Weiß ich noch nicht», war die Antwort. «Aber wir haben dort schon einige Freunde, die uns zu helfen bereit sind. Wir werden uns irgendwo in der Nähe einer der anthroposophischen Initiativen niederlassen und dort unsere freien Kräfte positiv einsetzen.» «Ich kann Euch verstehen, aber es ist so schwer, Euch gehen zu lassen! Und es ist so schade, dass Ihr Eure Kraft nicht in der Ukraine einsetzen werdet!» – war meine Antwort. So begleite ich diese Familie weiterhin, aber jetzt immer mehr aus der Ferne. Es ist nicht nur für mich, sondern auch für die anthroposophischen Initiativen in der Ukraine und, ja, für das Land selbst ein Verlust, solche tüchtigen und tätigen Menschen gehen zu sehen. Ein Trost nur, dass sie woanders in der Welt ihre Liebe zur Anthroposophie verwirklichen werden. Es ist eine leidvolle Trennung und ein Verlust für die zurückgebliebenen Ukrainer, dass Millionen von Menschen den Alltag des Krieges nicht ausgehalten haben und die Ukraine verlassen mussten. Und Hunderttausende von bestimmt sehr fähigen Menschen werden, leider, nicht mehr zurückkehren. Denn man kann den Krieg vielleicht Monate oder das eine oder andere Jahr überstehen, aber wenn es länger dauert, dann wachsen nach und nach die Menschen mit der neuen Umgebung zusammen, lernen Sprachen, finden Arbeit und bauen ihre Existenz neu auf. So werden sie letztendlich in dem, was sie noch vor wenigen Jahren «die Fremde» – das Ausland – genannt hatten, heimisch. Es gibt unzählige ähnliche Schicksale, in denen der Krieg, der zunächst «nicht bemerkt wurde» und sich dann verschärft hatte, das Leben der Menschen erschüttert oder gar zerstört hat. So hat dieser Krieg schon im Jahr 2014 in der Ostukraine angefangen. Wie viele «unauffällige» und «unbemerkte» Kriege gab und gibt es heute noch auf unserer Erde und sogar in Europa? Was wird daraus, wenn sie weiterhin «unbemerkt» bleiben?
Nun ist «dieser Krieg» nicht mehr lokal. Im Februar 2022 war das ganz anders: Nicht nur ein Teil, sondern das ganze Land wurde und wird weiterhin in seiner Existenz bedroht. Nach einem kurzen Schock der ersten Tage war im ganzen Land deutlich die Stimmung zu spüren: «Das ist unser Land, und wir werden es verteidigen. Nicht weil jemand – eine Regierung, ein Präsident, oder ein Militärchef es uns sagt – sondern weil wir, weil ich(!) es verteidigen will! Und wenn ich nicht zum Militär gehen kann, werde ich unbedingt etwas finden, was ich tun kann, damit unser (mein!) Land wieder frei wird!» Sogar aus der Regierung gab es in den Anfangszeiten des Krieges Stimmen, die ratlos waren und nicht wussten, was zu tun sei. Doch der Verteidigungswille von Millionen von Ukrainern hat ihnen Mut eingeflößt. Es gibt unzählige Geschichten darüber, dass «normale» Bürger Molotow-Cocktails auf eigene Initiative gebaut oder die Technik der Angreifer gestohlen haben. Es gab vor den Stützpunkten Schlangen von Männern, die sich freiwillig zum Militär meldeten. Überall entstanden verschiedenste Initiativen, um Kleider und Lebensmittel zu sammeln, Kleider zu nähen, Geld zu sammeln, Essen zu kochen, sich um Flüchtlinge und Notleidende zu kümmern. All das zu tun, wofür Regierung und Behörden nicht genug Kräfte hatten. Es bildete sich ungeheuer schnell eine Zivilgesellschaft, die all diese Jahre hindurch und bis heute sehr aktiv ist. Eine Frau, die eine Freiwilligenorganisation schon in den ersten Kriegsmonaten mitaufgebaut hatte, sagte mir vor kurzem, dass heute in der Ukraine jede zivilgesellschaftliche Initiative ein Gehör bei den Behörden findet! Es hat sich mehrmals im Laufe der Kriegsjahre bewahrheitet, dass die Regierung und der Präsident auf die Stimme des Volkes hören. Und aus dem Zusammenwirken von Bürgern und Behörden erwachsen viele lebensnotwendige Initiativen, die dann zu neuen Organisationen werden. So zum Beispiel, sich um die Schicksale von Gefangenen zu kümmern, um Verwundete oder interne Flüchtlinge und vieles mehr. Es ist natürlich nicht alles leicht und rosig und es gibt in so einem großen Land wie der Ukraine auch Schattenseiten: Korruption, das Überschreiten von Befugnissen und sogar Verrat. Aber die Grundstimmung der Bürger in Bezug auf Zusammenhalt und Entschlossenheit bleibt. Millionen von Ukrainern stehen aus eigener Initiative für ihr Land ein und werden von den Behörden in den allermeisten Fällen positiv unterstützt. Sie leisten einen äußerst wesentlichen Beitrag für Verteidigung
und Erhalt ihres Landes.
Mit der Erde verbunden und dem Himmel verwandt
Nun wird der Krieg mit sehr harter militärischer Gewalt im fünften Jahr geführt. Viele sind geflohen und ausgewandert, aber die meisten, die Mehrheit der Bewohner ist dennoch in der Ukraine geblieben und lebt hier weiter. Wie sieht denn dieses Leben im Krieg aus? Warum bleiben die Menschen hier und sind bereit, sich der ständigen Gefahr auszusetzen? Und woher kommt die Kraft dazu? Olga war Klassenlehrerin der dritten Klasse der Waldorfschule in Dnjepr. Schon in den ersten Tagen des Krieges hatte sie sich entschlossen, bei den Kindern ihrer Klasse in der Ukraine zu bleiben. Nun hat sie zugleich ihr Bruder gebeten, seine Tochter auf den Weg nach Mitteleuropa zu begleiten. Da er sich gerade bei der Armee gemeldet hatte, konnte Olga seine Bitte nicht ausschlagen und brach mit ihrer Nichte auf. Der Weg war beschwerlich, und sie haben allein schon viele Tage benötigt, um in die West-Ukraine zu kommen. Hier angelangt, mussten sie einige Zeit auf einen Sammeltransport warten. Olga hat diese Zeit genutzt, in den geliebten Karpaten zu wandern. Sie verbrachteStunden, manchmal ganze Tage, meist allein in der herrlichen Natur. Und diese kleinen und größeren Wanderungen verwandelten sich eines Tages in ein tiefgreifendes Erlebnis: Olga entdeckte, dass sie eine tiefe Verwandtschaft zur Erde verspürte. Und zwar zu dieser ganz konkreten Erde ihrer geliebten Heimat – der Ukraine! Es ging so weit, dass sie zu spüren meinte, dass von ihren Füßen tief in die Erde hinein unsichtbare, aber kräftige Wurzeln wachsen würden. Und im selben Augenblick sah sie über ihrem Kopf, hoch oben im Himmel, einen Adler fliegen. Sie erlebte dies als Urbild für den Menschen, der mit der Erde existenziell verbunden und zugleich mit dem Himmel
verwandt ist. Ein Gefühl der Freiheit ergriff sie: «Aus der Verbundenheit mit dem Himmel, aus der Freiheit darf ich entscheiden, was ich im Leben machen will!» – so hat sie dieses Erlebnis gedeutet. Ist es nicht ein «europäisches» Ideal – sich aus Freiheit zu etwas zu entscheiden? Nach ein paar Tagen war der Sammeltransport reisebereit und es war möglich, die Nichte in Begleitung einer anderen Person weiterreisen zu lassen. Denn Olga hatte sich neu entschlossen, bei den Kindern ihrer Klasse zu bleiben. Der Entschluss erfüllte sie mit Freude und brachte ihr innere Erleichterung, aber die Rückkehr nach Dnjepr war dennoch nicht leicht. Denn Dnjepr liegt viel näher an der Frontlinie, und die konkreten Gefahren der Angriffe sind massiver und unvergleichlich häufiger als in den Karpaten. So blieb Olga vor Ort, um etwas Kraft und Mut zu sammeln, und kehrte erst einige Wochen später wieder nach Hause zurück. In diesem Jahr hat sie mit ihren Schülern schon die siebte Klasse beendet. Zwei der Kinder waren in diesem Jahr zu Ostern in Odessa und haben die Konfirmation erlebt. Etliche andere bereiten sich für das nächste Jahr vor.
Olga studiert seit einem Jahr an einem Proseminar in Odessa.1 Jetzt im Herbst findet eine kleine Jugendtagung statt, bei der die Erwachsenen zusammen mit den Mittelstufen-Schülern wichtige Lebensfragen bewegen. Damit wollen wir den Jugendlichen, die wehmütig sagen, dass «ihre Kindheit im Krieg verlaufen ist und während des Krieges zu Ende geht», Orientierung geben und zusammen mit ihnen entwickeln, wie in dem nicht einfachen und gefahrvollen Leben Freude und Sinn gefunden werden können. Das Schicksal von Olga ist nur ein Beispiel dafür, warum die Menschen trotz des Krieges in der Ukraine bleiben: die Liebe zu dem Land, zu den Kindern, zu den Menschen, die hier leben, und nicht zuletzt die Liebe zu der eigenen Aufgabe. Es sind die Quellen, die den Menschen hier bewusst oder unbewusst Lebens-Kraft und Lebens-Mut geben.
Die eigene Aufgabe finden
Noch von einer anderen Seite will ich diese Seite des Lebensgefühls der Menschen hier beschreiben. Bei der letzten Konfirmation vor dem Krieg – im Jahr 2021 – hat ein Mädchen am Vorabend des Festes gesagt: «Vor dem Tod habe ich keine Angst, aber ich habe Angst, etwas Wichtiges im Leben zu verpassen und es nicht zu verwirklichen.» Sie sprach ziemlich leise, aber die Zuhörenden konnten die starke innere Kraft dabei spüren. Diese innere Kraft würde ich heute und aus dem Zusammenhang dessen, was wir mit den Kindern damals bewegt hatten, so umschreiben: «Meine Aufgabe ist wichtig! Denn ich habe sie vom Himmel her mitgebracht und das ist mein vorgeburtlicher Wille, etwas Wichtiges auf der Erde zu machen. Ich kenne diese Aufgabe (noch) nicht, aber ich habe die innere Sicherheit – den Glauben –, dass es sie gibt. Und ich werde mich dafür einsetzen, sie zu finden und zu erfüllen! Und sogar der Tod oder die Gefahr des Todes können mich bei der Erfüllung dieser Aufgabe nicht aufhalten.»
So ausführlich hätte dieses Mädchen sich damals nicht ausgedrückt, aber ich würde heute sagen, dass in ihren Worten die zartesten inneren Triebe des wahren Glaubens und der Kraft, die stärker ist als der Tod, aufkeimen. Es ist die Auferstehungskraft. Möge das Mädchen seine Aufgabe finden! Aber ihre kurzen und präzisen Worte sind auch deswegen wichtig, da sie die innere Situation von unzähligen Menschen beschreiben, die schon jahrelang unter den Gefahren und Bedrohungen des Krieges leben: es gibt etwas sehr Wichtiges, was äußerst individuell und intim ist, aber gerade dieses Wichtige lässt die Menschen weiterhin in der Ukraine leben. Und was genau dieses Wichtige ist, das entscheidet jeder – jedes Ich – selbst. Und wenn ich meine Aufgabe gefunden habe und mit ihr die innere Verbundenheit fühle, darf ich vielleicht auch eine «schützende Hand» über mich von oben her gehalten wissen.
«Es sieht alles so normal, so friedlich bei Euch aus», sagte einer meiner Freunde aus Frankfurt, der gerade für vier Tage in Odessa ist und morgen wieder nach Hause reist. Wir sitzen in einem kleinen Restaurant und haben ein thailändisches Mittagessen bestellt. Um uns herum sind viele Tische, an denen die anderen Gäste sitzen und wie wir ihr Mittagessen genießen. Draußen scheint die Sonne, und es sind viele Fußgänger zu sehen, die friedlich und ohne Hast ihres Weges gehen. Man sieht junge Mütter mit Kinderwagen oder mit ihren kleinen Kindern an der Hand. Man sieht Jugendliche mit Schultaschen, die spielend und lachend aus der Schule nach Hause gehen. Ein normales, friedliches und sogar sommerlich-fröhliches Bild! Man kann kaum glauben, dass Odessa ein Kriegsgebiet ist! Ich versuche, dem Kollegen zu erklären, dass es hier auch ganz anders aussehen kann: Man wacht in der Nacht von einem ununterbrochenen Summen, Brummen, Dröhnen, Surren, Beben oder Explodieren auf. Die meisten Geräusche sind ohrenbetäubend laut und schon das wirkt verwirrend. Aber diese Geräusche bringen auch ganz konkrete Gefahren mit sich – die Möglichkeit von Zerstörung, Verletzung und Tod. Dieses Bild der Stadt ist alles andere als friedlich! Die Menschen hier haben in den Jahren schon ziemlich gut gelernt, am Geräusch zu unterscheiden, was da oben fliegt: eine Drohne, eine Rakete oder die Luftabwehr. Die Angriffe können mehrere Tage oder Wochen dauern und dann wieder für Tage oder gar Wochen aussetzen. Die Kurzbesucher können solche Situationen «verpassen». Man weiß nie im Voraus, wann es anfängt und wann es aufhört. Man kann versuchen, in verschiedenen Chats und Kanälen zu verfolgen, was wo fliegt und wohin gezielt wird. Die Kriegs- und Medientechnik entwickelt sich rasant! Man kann die Route sehen und den Endpunkt vorausgesagt bekommen, aber es heißt ja auch, dass die «Dinge da oben» jederzeit die Richtung ändern können. Das kann auch an einem hellen und sonnigen Tag, wie heute, passieren, aber man sieht trotzdem keine zusätzliche Hektik oder erlebt Unruhe. Kein einziges Mal während des Krieges gab es massenhafte Panik oder Hektik! Alle gehen äußerlich ungestört weiterhin ihren Geschäften nach. Jeder versucht, nur innerlich aufmerksamer als sonst abzuspüren, ob das Geräusch, das gerade zu hören ist, eine konkrete Gefahr bedeutet oder ob etwas, das gerade direkt über dem Kopf ist, «nur» vorbeifliegt. Diese Art von innerer Wachsamkeit haben die Menschen hier im Laufe des Krieges ausgiebig gelernt. In den Schulen und Kindergärten sind die Lehrer und Erzieher allerdings verpflichtet, mit den Kindern die Luftschutzbunker bei Luftalarm aufzusuchen. Die öffentlichen Behörden machen während des Luftalarmes Pausen und die Mitarbeiter müssen auch in die Schutzräume gehen. Das «normale Leben» auf den Straßen jedoch geht auch bei Luftalarm oder Angriff «auf eigene Gefahr» ununterbrochen weiter. Denn die Läden, Bauernmärkte und Supermärkte bleiben bei Luftalarm für die Kunden geöffnet. Nur bei Ballistik (hyperschnelle Raketen, die schwer abzufangen sind) werden sie geschlossen und die Kunden werden dringend gebeten, bei den automatischen Kassen zu bezahlen, weil die Mitarbeiter in die Luftschutzbunker gehen müssen. Es ist allerdings sehr selten, weil die Ballistik so schnell ist, dass sie den Ort schon erreicht haben kann, bevor die Warnung kommt und der Luftalarm einsetzt – und so bleiben die Geschäfte geöffnet. Der Hafenbereich hingegen wird von den Passanten während des Luftalarmes mehr als sonst gemieden, denn der Hafen ist das Hauptziel der Angreifer. –
Als Nächstes versuche ich, meinem Kollegen zu erklären, dass der Krieg bei den Menschen – so friedlich sie auch aussehen mögen – nicht ohne Wirkung auf das Innere bleibt. Das ist das Eigentümliche dieses Krieges: Er hat nicht nur äußere Ziele – Militärstützpunkte oder die Waffen des Gegners, Energieobjekte, Wasserdämme und Logistik-Linien – dieser Krieg hat als Ziel das menschliche Innere. Die Menschen werden in ihrem Inneren angegriffen, entweder durch die unmittelbare Gefahr, durch die Erwartung einer Gefahr oder durch die Sorgen um Freunde und Verwandte, die in Gefahr sind. Es war eine klare Aussage der Angreifer, schon vor dem Kriegsbeginn: Auch wenn wir euch nicht besiegen, werden wir über euch eine Atmosphäre der Angst und des Schreckens in einem solchen Maß ausbreiten, dass ihr schon dadurch verenden werdet. So war die Aussage sinngemäß. Dieses Ziel ist zum Glück bei Weitem nicht erreicht, aber es gibt sehr viel Leid, Not und Unfrieden. Äußerlich sichtbar und innerlich unsichtbar. Die äußeren Zerstörungen werden sehr schnell aufgeräumt und repariert. Das ist den städtischen Stadtwerken und Diensten zu verdanken. Sie reagieren blitzschnell und arbeiten ausgezeichnet, so dass nach zwei, drei Tagen bei kleineren Zerstörungen nichts mehr zu sehen ist. Die Energie- und Wasserversorgung wird auch möglichst schnell wiederhergestellt. Bei größeren Zerstörungen dauert es etwas länger, aber es geht trotzdem relativ rasch. Ganz anders ist es in den Seelen – da sind die Folgen nicht gleich zu bemerken, sie sammeln sich nach und nach im Laufe der Jahre immer mehr an. Das ständige Bewusstsein für die Gefahr ist nicht nur schon lange im tiefsten Inneren vorhanden, sondern es wird täglich neu geweckt. Es gab keinen einzigen Tag während der Kriegsjahre ohne Luftalarm. Und meistens mehrmals und viele Stunden am Tag. Ob der Angriff danach kam oder nicht – das Innere war bereits durch das eindringliche Geräusch angegriffen. Die Gefahr, ja schon die Erwartung der Gefahr, wühlt das Innere auf. Es gibt sehr viele traumatisierte Menschen und das Trauma äußert sich sehr unterschiedlich. Es kann sich als «bloßes» Herzklopfen zeigen, als Atembeschwerden, als Muskelverkrampfung oder als plötzlicher Zorn- oder Emotionsausbruch, auch wenn der Anlass verhältnismäßig gering ist. Manche Menschen erleben im ganzen Leib schon bei der Andeutung von Gefahr eine eisige Kälte. Und es wird gegenwärtig viel mit verschiedenen Therapien und durch Selbsthilfegruppen daran gearbeitet. Es gibt vor allem nicht wenige Kinder, die nach dem Luftalarm und Luftbunkeraufenthalt entweder nicht zu beruhigen sind oder innerlich für eine Weile wie erstarren. Die Erwachsenen machen sehr viel, um diese innere Not der Kinder zu lindern. An einem sonnigen Tag im Sommer am Ufer des Meeres war eine Explosion zu hören, und ein etwa siebenjähriges Kind zuckte sofort zusammen. Seine Mutter, die noch sehr jung war, versuchte, es zu beruhigen. Außer Umarmungen und Streicheln sagte sie: «Warum hast Du, mein Liebstes, Angst? Ich habe dir doch schon mehrmals erzählt: wenn es z-z-z-z-Bum!!! klingt, ist es eine Rakete und das kann gefährlich sein. Wenn du aber Bum!!!-z-z-z-z hörst, ist es eine Luftabwehr. Und das ist Schutz! Und das war gerade Bum!!!- z-z-z-z! Es war Luftabwehr! Habe keine Angst!». «Habe keine Angst» – diese Stimmung wird von den Erwachsenen auf verschiedenste Weise den Kindern vorgelebt! Und nicht nur so, wie an diesem etwas extremen, aber fast «alltäglichen» Beispiel gezeigt: Die Erwachsenen und besonders die Erzieher machen sehr viel Kunst, erzählen Geschichten, machen Ausflüge auf das Land, Ferienlager und vieles mehr, um in das Leben der Kinder Freude und Friede zu bringen.
Ich-Präsenz und «Ich-Abwesenheit»
Alle Menschen in der Ukraine müssen lernen, mit dem Krieg gegen das Innere umzugehen. Jeder sucht auf seine Art, den inneren Frieden und die Lebensfreude zu schützen. Das geht nicht ohne eigene Aktivität! Man muss den äußeren Gefahren und Sorgen innerlich etwas entgegensetzen. Wie geht das? Es bleibt zum Teil auch ein Geheimnis, woher die Kraft der Ruhe oder des inneren Friedens kommt. Was aber klar ist: Sie kann nur errungen werden! Jewgenij ist 14 Jahre alt und hat eine körperliche Behinderung: Er kann seine rechte Hand nicht voll ausstrecken und seine linke Ferse kann beim Gehen nicht ganz die Erde berühren. Er will sich nicht einfach damit abfinden und besucht regelmäßig ein Rehazentrum, das sich in einer alten Turnhalle befindet. Die Gruppe ist gemischt: Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die unter Anleitung einer älteren, aber sehr sportlichen und erfahrenen Reha-Kraft arbeiten. Man übt konzentriert, aber in den kurzen Pausen entstehen Gespräche. Gerade geht es um die vergangene Nacht. «Es war wieder sehr laut.» So spricht man in der Ukraine inzwischen meistens sehr sachlich über die Angriffe: «Es war laut». Und alle wissen, worum es geht: Die letzte Nacht war wieder sehr anstrengend, und die meisten konnten dabei nicht schlafen, denn «es war laut», unbeschreiblich laut durch dieses Sausen, Dröhnen, Beben, das man allzu gut seit Jahren schon kennt. Und das alles war auch beängstigend, aber man spricht darüber ohne Aufregung, ohne Hass oder gar Ärger – es war eben «laut». Es ist ein Teil unseres Lebens und übermäßige Aufregung, Hass oder Ärger, wenn sie einen überwältigen, rauben Kraft. Und alle sind schon seit Jahren sehr müde! Außerdem ist der Angriff jetzt vorbei und das Leben geht weiter. Man kann jetzt die schwierige Nacht innerlich «hinter sich» lassen, sich dem Leben wieder ganz zuwenden und etwas Schönes und Freudiges zu erleben versuchen! Für viele ist das heute tägliche Übung! Jewgenij beteiligt sich kaum an dem Gespräch. Wenn er gefragt wird, zuckt er nur mit den Schultern und sagt mit tiefer Stimme: «ich habe geschlafen» und als Stimmung ist zu hören: «Ich lasse mich nicht so leicht aus der Ruhe bringen». Er ist etwas phlegmatisch und guten Mutes und übt weiter. Er will ein Leben ohne Behinderungen führen und meistert seine Situation so gut er kann – und übt,
übt, übt. «Nichts sehen, nichts hören und nichts (oder teilweise nichts) wahrhaben wollen.» Diese Haltung ist in der Ukraine kaum oder genau gesagt gar nicht möglich, aber sich innerlich zurückzuziehen und zu schlafen, wenn man müde ist, ist lebensnotwendig. Und wenn die Menschen eine ruhige Ecke in der Wohnung finden und sogar bei den lauten Geräuschen schlafen können – machen sie es auch. Es ist immer die eigene Entscheidung, sei es aus dem Vertrauen in das Schicksal oder aus dem bewussten oder unbewussten Sich-Verschließen gegenüber dem Schrecken der Wirklichkeit. Das Wichtige dabei ist, dass jeder darauf achten muss, genug Kraft für das Leben zu bekommen. Das Leben ist dem Einzelnen viel mehr als in Friedenszeiten in die Hände gegeben, in die eigene Verantwortung gelegt: Man muss sich um den eigenen Kräfte-Haushalt kümmern. Es gibt eine geistige Fähigkeit, die in der gegenwärtigen Zeit allgemein sehr wichtig ist. Über diese Fähigkeit wird heute nicht wenig gesprochen und sie wird von vielen energisch geübt: und das ist die «Ich-Präsenz». Wir müssen heute lernen, mit der ganzen Aufmerksamkeit und mit dem ganzen Menschen bei einer wichtigen Sache, die wir gerade tun, dabei zu sein, präsent mit unserem Ich zu sein. Auch im Kriegsgebiet muss man das können! Aber man braucht hier dazu unbedingt auch noch eine entgegensetzte Fähigkeit, die ich als eine «Ich-Abwesenheit» umschreiben will. Gemeint ist, dass ein «Ich» lernen soll, die Aufmerksamkeit von den Ereignissen und Tatsachen bewusst abzuwenden, sich innerlich zu distanzieren, obwohl es äußerlich mittendrin ist. Denn der Krieg ist überwältigend. Man wird mit etwas konfrontiert, was über Verständnis, Ertragen und Aushalten weit hinausgeht. Und eine sehr hygienische Möglichkeit ist, in das eigene Innere nicht mehr hereinzulassen als man ertragen kann. Gänzlich sich zu verschließen, ist kaum möglich, aber eben so viel, wie irgend möglich ist. Der Sinn dabei ist: der Krieg darf nicht zu einem Dauerthema im Inneren werden! Und wenn es auch nur teilweise gelingt, kann man dabei sowohl die Ruhe als auch die seelische Gesundheit bewahren. Denn der Krieg bringt täglich ungeheuerlich viel an furchtbaren Ereignissen und Nachrichten, die die Aufmerksamkeit zu fesseln und den ganzen Menschen für Stunden, Tage und mehr in Anspruch zu nehmen drohen. Und man muss lernen, sich von diesen Tatsachen zu distanzieren, sich zu verschließen oder, genau gesagt, ihnen nur so viel Aufmerksamkeit zu schenken, wie es wirklich lebensnotwendig ist. In der Apokalypse des Johannes spricht Christus von dem Schlüssel, den er besitzt. Es ist der Schlüssel, «wenn er aufschließt, schließt niemand zu, und wenn er zuschließt, schließt niemand auf» (Off 3,7).2 Dieser Schlüssel für das Innere ist das Ich. Und ein Öffnen, um etwas in die Seele hineinzulassen und ein Schließen, um die Seele zu schützen, muss geübt werden. Es geht nicht darum, dass man teilnahmslos wird, sondern dass man unterscheiden lernen muss, was aus der ungeheuren Fülle der Ereignisse mich wirklich betrifft, wann ich etwas machen, helfen kann oder muss, und was auch «ohne mich» geschehen kann, so dass ich mich auch «meinen wichtigen Dingen» zuwenden kann. Und die Hauptaufgabe ist, das eine von dem anderen zu unterscheiden! Jewgenij macht es unbewusst, sein Phlegma hilft ihm, die Ruhe zu bewahren, und seine Behinderung zeigt ihm, was er unbedingt machen muss. Und so müssen die Menschen lernen, alles aus dem eigenen «Ich» heraus zu machen! Eine Frau hat es scherzhaft ausgedrückt: «Wir retten uns durch die Arbeit» – dadurch, dass wir unsere Aufmerksamkeit bewusst einer Tätigkeit widmen. Und glücklich fühlt sich der, der es schafft! Ich habe unzählige Gespräche mit Menschen geführt und sie dazu ermutigt, nicht alle Nachrichten zu schauen oder sehr begrenzt zu schauen und die Aufmerksamkeit dorthin zu wenden, wo sie wirklich etwas machen können: dem Kind ein Buch vorzulesen, sich mit Kunst zu beschäftigen, oder etwas zu tun, was gerade in ihrer unmittelbaren Umgebung benötigt wird. So klein diese oder ähnliche Taten aussehen können, gerade sie bringen die Welt viel weiter, als wenn wir gebannt Nachrichten schauen oder uns über Tatsachen aufregen, die wir nicht ändern können. Eine Art von «Kriegsabwesenheit» üben, so kurz oder lang sie auch ist, und für kurze Zeit außer Acht lassen, dass ich weiterhin in dem Kriegsgebiet lebe – das kann der Seele Kraft bringen. Die Ich-Kraft zeigt sich dort, wo ich selbst meine inneren Grenzen bestimmen kann und Distanz zu den Ereignissen aus eigener Aktivität herstelle. Das ist schon eine sehr notwendige geistige Übung: Mein Ich bestimmen zu lassen, was mir gerade wichtig ist, was nur ich machen kann und auch soll. Und man kann überall sehen, dass recht viele Menschen in der Ukraine diese Fähigkeit mehr oder weniger bewusst üben.
Zukunft ermöglichen
Es war noch im April 2022. Zwei Mädchen – Dascha und Lola – sind noch aus der ziemlich großen Konfirmanden-Gruppe zurückgeblieben. Die beiden Mädchen, ihre Eltern und einige Helfer haben sich für ein paar Tage in dem Gemeindehaus in Odessa getroffen, um sich auf das Fest vorzubereiten. Wir spielten, sprachen und übten miteinander, und plötzlich hörten wir das Sausen einer Rakete direkt über dem Gemeindehaus und dann einige Explosionen, und kurz danach war der Rauch vom Brand eines Wohnhauses etwa drei Kilometer von uns entfernt zu sehen. Solche Geräusche, Gerüche und Bilder waren damals noch «neu», und die Sache hat besonders die Kinder seelisch aufgewühlt. Eine bedrückte Stimmung drohte sich in dem Raum zu verbreiten. Unmittelbar danach war im Programm ein Spaziergang geplant und die Erwachsenen haben trotz allem beschlossen, diesen nicht abzusagen. Nur habe ich den Kindern eine zusätzliche Aufgabe gestellt: Findet unterwegs etwas Schönes, was der Seele eine richtige Freude und Kraft bereitet! Und diese Aufgabe wurde glänzend erfüllt. Die Kinder haben am Abend begeistert von dem Gras, von Blumen und sogar von einem Lämmchen, das ihnen über den Weg gelaufen war, erzählt. Man konnte regelrecht mit Händen die Freude und Kraft, die von solchen «unscheinbaren und alltäglichen» Dingen kommen, greifen. Und die Kinder haben es geschafft, ihre Aufmerksamkeit von dem erschreckenden Erlebnis abzuwenden und sich an diesen «Kleinigkeiten des Lebens» zu freuen. Und am Sonntag haben Dascha und Lola sich gewünscht, dass bei der Konfirmation einige unbesetzte Stühle in ihre Reihe gestellt werden, damit wir auf diese Weise alle anderen Kinder, die zu der Gruppe gehören und jetzt in Deutschland, Polen, Spanien und sonst wo leben, miteinzubeziehen. Die Kinder wollten die Abgereisten und Geflüchteten in ihrer Seele zum Altar tragen! Und während der Handlung kam es! Ein Geschenk von oben – eine sehr zarte, aber echte österliche geistige Realität: leise, aber sicher und unaufhaltsam. Das ist gerade, was wir in den geistigen Zusammenhängen immer wieder erleben dürfen, dass der Geist eine Wirklichkeit ist, die uns, wenn wir es «hier unten» vorbereiten, geschenkt werden kann. Und so war das Fest sehr gelungen und ein ganz echtes Erlebnis. Und wir konnten danach ausgelassen sein und die jetzt schon konfirmierten Jugendlichen begrüßen. So müssen wir, so dürfen(!) wir heute lernen, nicht nur uns zu verschließen, uns zu distanzieren und die Aufmerksamkeit dorthin zu wenden, wohin «ich will». Das alles an sich ist schon lebensnotwendig, aber wir müssen (dürfen!) auch lernen, dem wirklichen Geist einen Raum zu bereiten. Und das ist auf verschiedenste Art möglich: am Altar, in Gesprächen, in gemeinsamen Betrachtungen, in der Kunst und überall dort, wo die Menschen aus «gutem Willen» sich versammeln. Und da darf man auch spüren, dass der Geist unter den Menschen webt und Trost und Kraft spendet. Im Krieg wächst das Interesse für die Umgebung. Nicht nur wegen der Gefahren, gegen die man sich schützen soll, sondern auch, weil uns der «Nächste» wirklich näherkommt, auch wenn man ihn nicht kennt. Das kann auf sehr verschiedene Weise stattfinden. Sobald etwas Schlimmes passiert – jemand wird krank oder verwundet, eine Wohnung wird zerstört oder andere Hilfe wird gebraucht – dann kann durch die modernen Medien diese Nachricht sehr schnell verbreitet und Hilfe organisiert werden. So kann jeder entweder finanziell oder mit eigenen Händen etwas beitragen. Und das Erstaunliche ist, dass sowohl das eine wie das andere recht schnell dorthin kommt, wo es gebraucht wird. Das ist eine neue Art einer «tätigen zivilen Lebensversicherung». Eine Waldorfschule zum Beispiel hat innerhalb von zwei Tagen die notwendige Summe gesammelt, die sie für die Reparatur der durch eine Explosion eingeschlagenen Fenster benötigte. Und es waren recht viele Fenster! Nach zwei Tagen hat die Schule sich bedankt und gebeten, die Spendenfreude jetzt woanders hinzulenken. Meistens kommen diese Summen durch sehr viele, ziemlich kleine Beiträge zusammen. Noch ein anderes Beispiel sei erzählt, das Ähnliches zeigt. Artjom ist ein begabter Pianist, der vor elf Jahren in der Gemeinde in Odessa konfirmiert worden ist. Er war einige Zeit nicht in der Gemeinde und eines Tages entschloss er sich, mich zu besuchen. Er hat eine feine Musikerseele und leidet sehr an dem, was um ihn herum vorgeht. «Wo ist die Gerechtigkeit Gottes, wenn die kleinen Kinder durch die Bomben sterben?», fragte er mich unvermittelt, als ich ihn auf seinen Wunsch in den Weiheraum begleitete. Wir stehen im Anblick des Altars und Artjom ist die vorletzte Nacht in Erinnerung gekommen, in der es wieder «sehr laut war». Es wurden dabei einige Zivilgebäude beschädigt und einige Erwachsene und ein Kind sind umgekommen. «Wo war denn der Gott in dieser Zeit?» Wir sprechen eine Weile darüber. Die Seele von Artjom ist im Zwiespalt: es muss doch einen Gott geben, aber wieso ist er untätig? So fragen heute sehr viele Menschen. Dann bringe ich das Wort und das Thema Karma ins Gespräch. «Gerechtigkeit Gottes braucht Zeit! Aber du kannst sicher sein, dass keine Untat in der Welt ohne Ausgleich passieren kann! Es kann aber eine Zeitlang dauern, bis das geschieht.» Wir stehen vor dem Altar, und das gibt den Worten eine besondere Überzeugungskraft. Artjom scheint die Antwort einleuchtend. Ob man mit dieser Antwort auch der Mutter dieses Kindes helfen kann? Ob sie auch daran glaubt und ob sie damit Trost finden kann? Ich kenne diese Frau nicht, und von diesem Kind habe ich nur in den Nachrichten gelesen, aber eines ist klar, dass man ohne Religion oder Vertrauen in eine höhere Wirklichkeit die Herausforderungen des Krieges nur schwer überstehen kann. Dafür ist nicht unbedingt viel Wissen nötig, sondern innere Gewissheit und Glauben. Und die können Wunder bewirken! Aus der Fülle der Kriegsereignisse soll noch eine weitere Erzählung von einem Gemeindemitglied aufgegriffen werden: «Vor etwa zehn Jahren bekam ich eine Krebsdiagnose. Ich kam damals in die Gemeinde und wollte ein Gespräch mit dem Priester haben. Was ich erwartet habe, ist schwer zu sagen. Trost? Von medizinischer Seite gab es nichts Tröstliches, und der Priester hat auch nichts im üblichen Sinne Tröstendes gesagt, sondern er sagte: ‹Du kannst sterben. Klar. Alle Menschen sind sterblich. Aber wenn du deinen Idealen folgst und machst, was du liebst, und deinen Aufgaben nachgehst, kann es sein, dass du von den geistigen Mächten auf der Erde gelassen wirst.› Merkwürdig, aber gerade das hat mir Trost gegeben. Ich habe weiterhin alles gemacht, was mir die Ärzte verschrieben haben. Aber ich ging dazu auch mit voller Kraft meinen Aufgaben als Klassenlehrerin weiter nach. Meine Krankheit ist trotz der Prognosen so weit ausgeheilt, dass ich mich freuen kann, die Kinder zu unterrichten und mit den Kindern weiter zu wachsen und zu lernen.« Es soll hier nicht spekuliert werden, was genau diese Heilung bewirkt hat, aber gewiss ist, dass die rechte geistige Lebenseinstellung Wunder bewirken kann! Die Gewissheit, dass es eine geistige Welt gibt und der Glaube daran geben nicht nur dem Leben einen Sinn, sondern eröffnen neue Kraft- und Gesundheitsquellen, beeinflussen unsere Lebensqualität und bereichern unseren Lebensinhalt. Diese Erzählung ist charakteristisch für den Zustand der Menschen hier. Wir haben gelernt, wie aus der Akzeptanz des Schicksals, so wie es hier und jetzt ist, und aus der Hingabe an die eigenen Aufgaben eine Kraft entstehen kann, die Zukunft ermöglicht: Die Realität, das Leben selbst zu akzeptieren und trotzdem den Aufgaben nachzugehen und über uns die geistigen Mächte wachend zu wissen. Das ist vielleicht eine wichtige Lehre aus der Zeit des Krieges: Das Bewusstsein des Todes kann dem Leben einen besonderen Wert und eine kraftvolle Qualität geben. Man kann dabei eine Ahnung bekommen: Was ich tue, brauche nicht nur ich, sondern es ist wertvoll für die anderen. Und vielleicht interessiert sich auch die geistige Welt dafür. Man fühlt sich von der geistigen Welt geschützt und das bringt Frieden und Kraft in die Seele.
Durchsichtigkeiten
In Kriegszeiten scheint die Wand zwischen der geistigen und der physischen Welt viel dünner und durchsichtiger geworden zu sein. Davon berichten die Menschen immer wieder. Ein verwundeter Soldat, der über seine Frau mit der Gemeinde verbunden ist, berichtete, dass er vor einigen Monaten während der Bestattung seines gefallenen Freundes kurz das Bewusstsein verlor und eine kurze Begegnung mit dem Verstorbenen hatte. Die beiden hätten sich mit ihrem üblichen militärischen Gruß begrüßt, und dann sagte der Verstorbene: «Für Dich, mein Freund, ist es noch zu früh – du hast deinen Leidens-Erdenweg noch nicht vollendet.» Nach diesen Worten kam der Betreffende sogleich zu sich. Es macht Sinn zu leben, so schwer sich dieses Leben auch ausnehmen mag, gerade hier auf der Erde! Dieses Gefühl lebt zart bei vielen Menschen, und wir können sicher sein, dass Christus diesem Leben den Sinn gibt. Auch das ist eine Erfahrung der letzten Jahre, dass man sich nicht an den Krieg gewöhnen kann. Im Unterbewusstsein ist die Gefahr immer präsent. Wenn jemand, der in der Ukraine lebt, in ein friedliches Gebiet reist, muss er erst einmal die normalen Geräusche einer Stadt – die Sirene des Krankenwagens, das Dröhnen eines Passagierflugzeuges, eine laut zugeklappte Tür – immer wieder einordnen und sich bewusst sagen: Es ist keine unmittelbare Gefahr damit verbunden. Eines Sommers war ich zu Besuch in Deutschland und kurz nach der Ankunft fiel mein Blick auf die Pflasterung der Straße. Sie war etwas beschädigt und sofort kam in mir das Bild von einer ähnlich aussehenden Straße in Odessa hoch. Diese aber war gerade einige Wochen zuvor von einer Kassettenbombe getroffen worden und viele Menschen, die einfach einen Sonntagspaziergang machten, kamen dabei ums Leben. Die Bilder des Krieges sind tief in die Seele eingegraben. Nicht jeder kann gelassen mit ihnen umgehen. Manche haben viel mehr gesehen und durchgemacht, als ihre Seelen ertragen können. Seelische Traumata haben besonders diejenigen, die verwundet aus dem Krieg zurückgekehrt sind. Immer wieder gibt es Überreaktionen – z. B. Ärger aus einem kleinen Anlass. Und in solchen Situationen fühlen die Verwandten, die Beteiligten und die Zeugen oft eigene Ohnmacht. Vor etwa einem Jahr fuhr ich nach dem Treffen des Proseminars in Kyiv mit dem Zug nach Odessa. Als ich in mein Schlafwagenabteil kam, hörte ich aufgeregtes Reden, das immer wieder in Schreien überging. In der Mitte des Wagens waren Polizisten. Aus den Schreien und den ziemlich ruhigen Worten der Polizisten wurde mir die Lage deutlich: Ein demobilisierter Offizier wollte mit seiner Frau, Tochter und Enkelin mit dem Zug fahren, hatte aber zu viel getrunken, sodass ihn der Zug-Chef aus dem Wagen gewiesen hatte. Er wollte nicht gehen und wurde laut und aggressiv. Was mich gefreut und zugleich überrascht hat, war das gut geschulte ruhige Verhalten der Polizisten. Ihre Aufforderungen zum Aussteigen setzten auf die Kraft der Worte, die den Offizier aber kaum erreichten. Eine Frage hing im Raum: Hat der Offizier eine Waffe? Lässt sich eine Lösung ohne Gewalt finden? Ich begann zu beten, nicht sofort, denn die Situation wirkte auf alle ziemlich schockierend. Und so kam es mir nicht gleich in den Sinn. Nach und nach wurde es ruhiger. Der Soldat wurde nach einer Weile sanft, aber mit Kraftanwendung hinausgeführt. Die Militärpolizisten, die das taten, machten das entschieden, aber sehr freundlich, sogar friedlich. Hatte das Gebet auch eine Wirkung? Ich denke schon. Und wenn es der Fall war, geschah die Wirkung nicht durch mich, sondern war ein Geschenk von oben. Die geistige Welt kann und will im Alltag mitwirken! Und nach «nur» 25 Minuten Verzögerung fuhr der Zug ab. Die Arbeit in der Christengemeinschaft von Odessa In der Übung des Gebets und im Feiern der Menschenweihehandlung sieht die Gemeinde der Christengemeinschaft in Odessa ihren wesentlichen Beitrag zu den Ereignissen der Zeit. Wir fragen uns nicht, ob und welche Wirkung diese Tätigkeit genau hat, aber wir glauben, dass es sie gibt und erleben in der geistigen Arbeit unsere Hauptaufgabe. Wir spüren fast «am eigenen Leibe», an unseren Kräften, dass ein geistiger Kraftstrom vom Altar ausgeht und, so hoffen wir, dass er weiter dorthin strömt, wo die Not am stärksten ist. Dieser Strom bildet auch einen Grund, auf dem alles andere im Gemeindeleben aufgebaut wird. In Odessa wird seit dem ersten Tag des Krieges die Menschenweihehandlung abwechselnd in zwei Sprachen zelebriert: Ukrainisch und Russisch. Die meisten Mitglieder sprechen in der Gemeinde und auch im Alltag weiterhin russisch, wie sie es seit ihrer Kindheit gesprochen haben. Einige haben sich bewusst für die ukrainische Sprache entschieden – sie wollen dadurch den ukrainischen Sprachgeist unterstützen. Es gibt in der Ukraine nicht wenige Menschen, die in der ukrainischen Sprache geboren und erzogen wurden, aber dann zum Russischen wechseln mussten. Die ukrainische Sprache und Kultur waren in sowjetischen Zeiten stark unterdrückt. Es gibt in der Gemeinde zum Beispiel eine Frau, die in Chmelnyzkyj (West-Ukraine) geboren wurde. Sie hat in ihrer Kindheit Ukrainisch gesprochen. Mit dem Umzug nach Odessa musste sie Russisch lernen und sprechen, weil die Hochschule es forderte. Jetzt kehrte sie mit Freude zur Sprache ihrer Kindheit zurück. Im Gemeindealltag hört man beide Sprachen, und es passiert oft, dass einer auf Ukrainisch etwas sagt und der/die andere auf Russisch antwortet. Wir wollen, dass bei uns jeder die Sprache sprechen kann, die seinem Inneren entspricht. Durch das Abwechseln der beiden Sprachen in dem Feiern der Menschenweihehandlung wollen wir die Menschen auf diese Weise zu einem «Gespräch auf geistigem Boden» einladen. Wir glauben, dass dadurch ein Beitrag zu einem wirklichen Friedensgespräch in der Zukunft gegeben wird. Jeden Donnerstag gibt es in unserem Gemeindehaus einen kleinen Evangelienkreis mit vier bis sieben Teilnehmern. Wir haben gerade Apostel Paulus durch seine Briefe auf seinen Reisen begleitet und staunten, wie selbstverständlich er auf die Realität des Christus und auf seine Kraft bauen kann. Wöchentlich arbeitet eine Laien-Eurythmiegruppe, an der auch Menschen teilnehmen, die die Gemeinde noch nicht kennen. Diese Arbeit bildet eine neue Tür. In der letzten Zeit singt die Gemeinde immer mehr. Wir organisieren Foto- und Kunst-Ausstellungen und staunen zusammen mit den Künstlern, wie Kunst Angst und Sorgen zu überwinden hilft. Es bringen bei uns immer mehr Mitglieder gerne ihre Fähigkeiten für andere ein. Es geht nicht nur darum, etwas Praktisches zu tun, das schon, aber es kommt noch etwas sehr Wichtiges hinzu: eine Gebetswache. Wenn etwas passiert, dann wird ein tägliches Gebet zu einer bestimmten Zeit angekündigt. Und jeder, der da mitmachen will, betet dann zu gegebener Stunde zuhause und hat dabei im Bewusstsein einen erkrankten Menschen, eine Situation in unserer unmittelbaren Umgebung oder in der Stadt oder gar in der Welt. Immer wieder gibt es jemanden, der die Initiative ergreift und eine Gebetswache mit einem bestimmten Inhalt vorschlägt und die Mitglieder steigen in den Vorschlag mit ein. Wir machen es immer konkret und zeitbegrenzt. Natürlich werden diese und die «globalen» Sorgen zum Altar getragen! Und sehr viele Mitglieder berichten, wie stark diese Gebets-Unterstützung ihnen geholfen hat! Einmal pro Monat trifft sich in Odessa das Proseminar, das für die Menschen organisiert ist, die ihr geistiges Leben vertiefen wollen. Es kommen acht bis zwölf Menschen für ein paar Tage aus verschiedenen ukrainischen Städten hinzu. Fast jeden Samstag feiern wir Totenweihehandlungen. Biographische Informationen, die Gemeindemitglieder im Internet oder über Bekannte sammeln, helfen uns, für die Opfer dieses Krieges konkreter zu beten. Dabei ist für uns wesentlich, dass sowohl die getöteten Zivilisten als auch die gefallenen Soldaten beider Seiten bedacht werden. Das tun wir in dem Bewusstsein, dass wir zum einen die Verstorbenen, die Gefallenen und Verunglückten in die Christus-Sphäre einladen und zum anderen ihnen die Wegzehrung und Kraft des Altars spenden. Denn erst in der Anwesenheit von Christus können die Schicksale der Verstorbenen in die richtigen Bahnen kommen! Wir erleben diese Arbeit als einen wesentlichen Beitrag zum Frieden. Und immer wieder berichten Gemeindemitglieder, dass sie während der Menschenweihehandlung erlebt haben, wie unser Saal von der Anwesenheit der Dahingegangenen erfüllt war. Wer einmal eingeladen war, kommt auch wieder zum Altar. Und es bildet sich ein «Wir», das das Irdische und das Himmlische vereinen kann. Die Gemeindemitglieder beteiligen sich auch so gut sie können an der Arbeit der verschiedenen Hilfsorganisationen. So fühlen wir uns eins mit den anderen tätigen Menschen, die aus eigener Initiative etwas Positives machen wollen. So entsteht eine Verbundenheit mit vielen uns schon bekannten Menschen und noch mehreren unbekannten. Und durch den Altar wird dieses «irdische Wir» durch ein «himmlisches Wir» ergänzt. Und aus diesem gemeinsamen Wir kann, vielleicht, eine Zukunft entstehen!
Andrej Ziltsov studierte an der Technischen Universität in Odessa Ingenieurswissenschaften für den Betrieb von Kernkraftwerken und Anlagen. Er arbeitete als Inbetriebnahmeingenieur in verschiedenen Kernkraftwerken der Sowjetunion, bis er 1990 der Anthroposophie und ein Jahr später der Christengemeinschaft begegnete. Von 1996–2000 studierte an der Freien Hochschule der Christengemeinschaft in Stuttgart, empfing die Priesterweihe und war als Priester in Stuttgart tätig. 2004 ging er nach Odessa und wirkte bei der Gründung der Christengemeinschaft mit. Seitdem arbeitet er dort als Priester. 2011 gründete er das Proseminar in Odessa. Er gibt Seminare und hält Vorträge im In- und Ausland.