Nicht verschlafen!
Persönliche Eindrücke aus der Arbeit mit Rudolf Steiners Vortrag „Was tut der Engel in unserem Astralleib?“ bei der internationalen Jugendsektions-Tagung in Dornach.
Vom 2. bis 6. Januar kamen in Dornach junge Menschen von Jugendsektionsinitiativen aus aller Welt zu einem internationalen Coworker Gathering zusammen. Es waren intensive Tage - nicht nur wegen der Vielfalt der kulturellen Hintergründe und Arbeitsfelder, sondern vor allem wegen eines Textes, der uns durch die gesamte Tagung begleitet hat: Rudolf Steiners Vortrag „Was tut der Engel in unserem Astralleib?“ (GA 182), gehalten im Oktober 1918.
Ich möchte hier vor allem meine persönliche Wahrnehmung der inhaltlichen Arbeit teilen, insbesondere aus der Auseinandersetzung mit diesem Vortrag in den verschiedenen Formaten der Tagung und darüber hinaus.
Schon in der Vorbereitung hatte ich mich mit dem Vortrag vertraut gemacht. Doch erst im gemeinsamen Arbeiten, im Über-Nacht-Wirken-Lassen und in unserer Gesprächsgruppe an den Morgenden entfaltete sich für mich seine volle Wucht. Es wurde ein wachrüttelnder, zutiefst ernster und auch emotionaler Vortrag, weil er eine Notlage der Gegenwart sichtbar macht, die sich kaum umgehen lässt.
Steiner spricht in diesem Vortrag davon, dass Engel im astralen Leib des Menschen wirken, indem sie dort Bilder formen - Bilder, die auf die Zukunft der Menschheit zielen. Diese Engelarbeit richtet sich an das konkrete Leben und bestimmt den Fortgang der Menschheitsentwicklung im Zeitalter der Bewusstseinsseele. Und genau darin liegt für mich die Erschütterung dieses Textes: Er macht deutlich, dass wir uns heute in einer Zeit befinden, in der diese Impulse entweder bewusst ergriffen werden müssen oder schlichtweg verschlafen werden.
Steiner beschreibt drei Qualitäten, drei Ideale, die durch die Engel in den astralen Leib des Menschen eingeprägt werden sollen.
Die erste ist die absolute Brüderlichkeit: Ein Zustand, in dem es mir unmöglich wird, innerlich ruhig oder glücklich zu sein, solange ein anderer Mensch leidet - gleichgültig, wo auf der Welt. Nicht als moralische Forderung, sondern als seelische Realität.
Die zweite Qualität ist das Erkennen des Göttlichen im Anderen. Spirituelles Leben soll nicht mehr an Institutionen, Dogmen oder äußere Formen gebunden sein, sondern im unmittelbaren zwischenmenschlichen Erleben stattfinden. Religionsfreiheit nicht als Toleranzbegriff, sondern als reale geistige Erfahrung.
Die dritte Qualität betrifft das Denken selbst: die Überwindung der Kluft zwischen Denken und Geist. Das Denken soll wieder lebendig werden, geistfähig - fähig, den Geist nicht nur zu denken, sondern zu erleben.
Diese drei Ideale wirkten in unserer gemeinsamen Arbeit stark und zugleich stellte sich unausweichlich die Frage nach ihren Gegenbildern. Denn Steiner bleibt nicht bei der Beschreibung der Engelimpulse stehen. Er warnt eindringlich davor, was geschieht, wenn diese Impulse nicht bewusst aufgenommen werden, sondern ins Unbewusste, Ätherische absinken.
Brüderlichkeit kann dann in ein instinkthaftes, entseeltes Sexualleben umschlagen. Das Erkennen des Göttlichen im Menschen kann sich verkehren, sodass gesund und krank vertauscht werden und medizinische Kräfte nicht mehr dem Heil, sondern der Manipulation dienen. Und das Denken kann durch Maschinen- und Technikkräfte ersetzt werden, die dem Menschen Fähigkeiten abnehmen, die er eigentlich innerlich entwickeln müsste.
Für mich war es kaum möglich, von diesen Bildern zu lesen, ohne an unsere heutige Welt zu denken. Und damit stellte sich unausweichlich eine Frage, die mich während der gesamten Tagung begleitet hat und insbesondere in der Arbeit in der Gesprächsgruppe immer wieder aufbrach:
Was ist in den letzten hundert Jahren geschehen?
Dieser Vortrag wurde 1918 gehalten. Mehr als ein Jahrhundert später stehen wir an einem Punkt, an dem viele dieser Gegenbilder nicht mehr als Möglichkeit, sondern als Realität erlebt werden. Das hat in mir nicht nur Nachdenklichkeit, sondern auch Zorn ausgelöst - und ein Gefühl großer Verantwortung.
In diesem Zusammenhang war der dritte inhaltliche Beitrag der Tagung, gehalten von Marco Bindelli, für mich besonders bedeutsam. Er stellte die Frage nach den luziferischen und ahrimanischen Einflüssen des 20. Jahrhunderts, wie Rudolf Steiner sie in seinen Michaelbriefen beschreibt. Während Luzifer dazu neigt, die Vergangenheit zu idealisieren und Menschen in frühere Bewusstseinsformen zurückzuführen, wirkt Ahriman dadurch, dass er zukünftige Fähigkeiten des Menschen vorwegnimmt und sie technisch verfügbar macht, ohne dass sie innerlich errungen werden müssen.
Ein Gedanke aus diesem Vortrag hat sich mir besonders eingeprägt: die Einladung zu einem michaelischen Ich-Akt, bei dem man sich jeder technischen Errungenschaft gegenüber fragen kann:
Für welche geistige Fähigkeit stehst du eigentlich? Was müsste der Mensch innerlich entwickeln, wenn es dich nicht gäbe?
In diesem Zusammenhang verwies Marco Bindelli auch auf die beiden folgenden Züricher Vorträge Rudolf Steiners, die unmittelbar an „Was tut der Engel in unserem Astralleib?“ anschließen, insbesondere auf den Vortrag „Wie finde ich den Christus?“ vom 16. Oktober 1918. Während der erste Vortrag mit großer Schärfe die Gefahren durch die Gegenbilder beschreibt, öffnet der zweite eine andere Perspektive: die Frage nach dem konkreten Weg, auf dem der Mensch dem Christusimpuls heute begegnen kann.
Steiner beschreibt dort zwei grundlegend unterschiedliche, aber sich ergänzende Wege: einen Erkenntnisweg und einen Willensweg. Der Erkenntnisweg fordert eine radikale Umwendung im Denken. Er verlangt, dass der Mensch lernt, im anderen Menschen, selbst im scheinbar Unverständlichen oder Fremden, nach dem berechtigten Kern zu suchen. Zugespitzt formuliert er, man solle sogar bereit sein, den „dümmsten Bruder“ ernst zu nehmen, weil vielleicht gerade durch ihn etwas Wesentliches in die Welt treten will. Erkenntnis wird hier als Übung in Demut und wacher Aufmerksamkeit verstanden.
Der zweite Weg, der Willensweg, berührte mich im Kontext der Jugendsektion besonders stark. Er knüpft an den natürlichen Idealismus an, mit dem junge Menschen in die Welt treten. Gleichzeitig machte Marco Bindelli deutlich, dass dieser Idealismus in der modernen Bildung und Gesellschaft nicht getragen, sondern oft gebrochen oder entwertet wird. Idealismus kann nicht einfach bewahrt werden; er muss aus bewusster Entscheidung immer wieder neu errungen werden.
Gerade im Jugendsektionskontext, in der Arbeit mit jungen Menschen aus unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen, wurde mir deutlich, wie groß die Not und zugleich die Sehnsucht nach Räumen ist, in denen solche Fragen überhaupt gestellt werden dürfen.
In der Leitung der deutschsprachigen Gesprächsgruppe - und später auch in der Weiterarbeit im kleinen Kreis unserer Delegation aus Deutschland - verdichtete sich für mich eine zentrale Frage:
Wie gehen wir mit diesem Wissen um?
Denn wer diesen Vortrag liest, steht in einer besonderen Verantwortung. Und diese Verantwortung lässt sich nicht etwa durch Aktivismus oder schnelle Antwortversuche einlösen. Sie fordert etwas viel Schwierigeres: Wachheit, gegenseitiges Fragen, gemeinsames Forschen und das Aushalten von Unsicherheit.
Für mich ist dieser Vortrag zu einem Wegweiser geworden - gerade im Hinblick darauf, dass ich in diesem Jahr beginne, den Jugendsektionsimpuls in Deutschland aktiv mitzutragen. Er begleitet mich mit der Frage, wie wir als junge Menschen wirklich Zeitgenossen werden können: wach, verantwortlich und miteinander verbunden.
Vielleicht geht es darum, zu einer wachenden Schicksalsgemeinschaft zu werden, die versucht, die Arbeit der Engel im eigenen Astralleib wahrzunehmen und sie ins Bewusstsein zu heben.
Ob es dafür zu spät ist, kann ich nicht sicher sagen.
Aber nach diesen Tagen bin ich überzeugt: Es ist noch möglich.
Und es ist dringend.