Festjahr für die Waldorfkindergärten – Jubiläumswebsite und Aktivitäten Interview mit Birgit Krohmer
Seit 100 Jahren finden Kinder Entwicklungsräume in Waldorfkindergärten. Im Jubiläumsjahr laden sie uns ein, die gelebte Waldorfpädagogik in ihren Waldorfkindertageseinrichtungen und Ausbildungsstätten kennenzulernen. Wir haben mit Birgit Krohmer von der Vereinigung der Waldorfkindergärten über das Festjahr und die Jubiläumsaktivitäten gesprochen. Das Gespräch führte Olivia Girard.
Olivia Girard: Was bedeutet das Festjahr für die Vereinigung der Waldorfkindergärten und für die Waldorf-Bewegung insgesamt – sowohl inhaltlich als auch symbolisch?
Birgit Krohmer: Weltweit blicken wir aus diesem Anlass mit Dankbarkeit zurück! Sowohl die Persönlichkeiten der Pionierzeit wie auch der Kern der Waldorfpädagogik, die Anthroposophie und die Menschenkunde, werden sehr bewusst einbezogen.
An Ostern wird im Goetheanum in Dornach/Schweiz hierzu eine große internationale Tagung stattfinden. Der rote Faden, der sich durch die gesamte Tagung ziehen, sie durchdringen und prägen wird, ist im Buch „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“ (GA 10) von Rudolf Steiner im Kapitel „Bedingungen für esoterische Schulung“ beschrieben. Weltweit wird daran bereits seit zwei Jahren zur innerlichen Vorbereitung gearbeitet.
Zu Pfingsten wird in diesem Festjahr eine Vertreterversammlung aller Mitglieder und Gremien in der Vereinigung der Waldorfkindergärten in Hannover stattfinden. Dort veranstalten wir jedes Jahr unsere Pfingsttagung, außer alle sieben Jahre, wenn die Internationale Tagung in Dornach stattfindet. Statt unserer jährlichen Pfingsttagung findet in diesem Jahr an Ostern die große Tagung in Dornach und das 100-Jahre-Fest dann an Pfingsten in Hannover statt.
Ich erlebe es auch als ein Geschenk, dass wir an das STEINER 2025-Jahr anschließen können. Es gab in der Vernetzung vieler anthroposophischer Verbände und unter der Federführung der AGiD in Stuttgart zu diesem besonderen Anlass zwei herausgehobene Ereignisse: ein Treffen von Mitarbeitenden zur Substanzbildung und zum besseren Kennenlernen nach innen und das große öffentliche Event auf dem Schlossplatz in Stuttgart.
OG: Welche zentrale Botschaft möchten Sie mit dem Festjahr an die Öffentlichkeit, an Eltern und an Pädagog:innen richten?
BK: Die Botschaft nach außen ist: Ihr seid herzlich willkommen, meldet euch, fragt, schaut herein. Die Veranstaltungen in den Kindertageseinrichtungen, Fachschulen und Seminaren bieten dazu an Tagen der offenen Tür und bei vielen Veranstaltungen Gelegenheit.
Nach innen gilt es, im ständigen Wandel der gesellschaftlichen Anforderungen und der sich ändernden Lebensumwelt der Kinder aus dem Wesenskern der Waldorfpädagogik heraus Gewohntes zu überdenken und Neues abzuwägen und zu integrieren. Die auf der Anthroposophie und der Menschenkunde fußenden Studien sind da für uns ebenso hilfreich wie die Forschungen zur Kindheitspädagogik.
OG: Welche persönlichen Gedanken verbinden Sie mit diesem Jubiläum?
BK: Die Waldorfkindergärten haben in den letzten 100 Jahren einen sehr großen Wandel durchlaufen. Zunächst war es vor allem ein Kulturimpuls für die frühe Kindheit. Lieder, Reigen, Eurythmie, Puppenspiele etc. wurden für 5- und 6- bis 7-jährige Kinder entwickelt – und auch angeboten in der Zeit des Hauptunterrichts und der ersten beiden Fachstunden an der zunächst 7 Jahre ohne Kindergarten bestehenden Waldorfschule. Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels wurden die Betreuungszeiten immer länger bis hin zur Ganztagsbetreuung und die Kinder immer jünger, unterschiedlich in verschiedenen Ländern. Dann kam die Betreuung schon ab dem dritten Lebensjahr und noch später die Betreuung in Krippen für Kinder unter drei Jahren hinzu. So wurden auch die Tagesabläufe und Inhalte immer wieder überarbeitet und dem Lebensalter und den Betreuungszeiten angepasst. Trotz der Gründung nach der Schule wurden und werden dieselben pädagogischen und menschenkundlichen Quellen genutzt, aber die Ausgestaltung lag von Anfang an mehr bei den vor Ort verantwortlichen Pädagog:innen. Elisabeth von Grunelius, die Urkindergärtnerin, war im Sommer 1919 bei den vorbereitenden Vorträgen Steiners Teil des ersten Kollegiums. Nur aus Geld- und Raumnot konnte der Kindergarten nicht sogleich beginnen. Vielleicht erweist es sich hier auch als Vorteil, dass es keinen Lehrplan gibt, wie bei den Waldorfschulen. Die Grundlagen sind dieselben, für die konkrete Ausgestaltung jedoch wurden an verschiedenen Orten und von vielen Persönlichkeiten bis heute Impulse aufgenommen und eingearbeitet – eine große Herausforderung und Chance!
Jahrzehntelang haben Kinder nachmittags in altersgemischten Gruppierungen, oft aus kinderreichen Familien, miteinander im Freien gespielt. Tätige Erwachsene waren sowohl im Haushalt und Garten als auch in Werkstätten und in der Landwirtschaft, im Lebensraum der Kinder, real erlebbar. Heute gilt es, sinnvolle, das heißt Schritt für Schritt durchschaubare Tätigkeiten und Räume zur freien Bewegung und zum Verweilen in der Natur zu schaffen – als einen gewissen Ausgleich zum städtischen Lebensraum und zur weitgehenden Unsichtbarkeit der in der Dingwelt tätigen Erwachsenen. Unsere Kindertageseinrichtungen können in diesem Sinne Kinder-Gärten sein und Lebensraum bieten für Kindheit.
OG: Sie haben eine Jubiläums-Website gestartet. Was war die Idee dahinter und welche Ziele verfolgt die Plattform?
BK: Auf dieser „Festseite“ wollen wir die zahlreichen Veranstaltungen unserer Mitgliedseinrichtungen in einem Festkalender bundesweit sichtbar und zugänglich machen. Kürzere Texte mögen dazu einladen, hereinzuschauen und sich selbst ein Bild unserer vielfältigen Bewegung zu machen.
Die Website der Vereinigung der Waldorfkindergärten wird zu diesem Anlass neu gestaltet und stärker auf die Nutzer und Nutzerinnen abgestimmt. Eltern mit Kindern und alle an der pädagogischen Arbeit mit Kindern Interessierten sollen sich darüber informieren können, was sie in einer Waldorfkindertageseinrichtung erwartet. Auch Schulabgänger:innen sollen erreicht werden, sie sollen den vielseitigen Beruf der Erzieherin, des Erziehers entdecken und unsere Fachschulen als mögliche Ausbildungsorte finden. Dort wird eine grundständige, staatlich anerkannte Ausbildung zum Erzieher, zur Erzieherin mit Waldorfpädagogik angeboten. Sowohl pädagogische Fachkräfte wie auch Menschen aus anderen Berufen, je nach Bundesland unterschiedlich, können sich an einem Seminar für Waldorfpädagogik in der frühen Kindheit vertiefend qualifizieren. Es sind also die Zielgruppen Eltern und zukünftige Fachkräfte, auf die der Fokus gelegt ist.
OG: Welche Aktionen, Veranstaltungen und besonderen Projekte sind im Festjahr geplant und wie sollen sie die Öffentlichkeit einbeziehen?
BK: Die Vereinigung der Waldorfkindergärten arbeitet organisatorisch in mehreren Regionen. Dort finden übergreifende Veranstaltungen statt. Kindertageseinrichtungen bieten Tage der offenen Tür und zahlreiche Aktivitäten an und es gibt Vernetzungen mehrerer Kindertageseinrichtungen, die gemeinsam zu Vorträgen, Märchen-Eurythmie-Aufführungen oder anderen größeren Veranstaltungen einladen. Die Vielfalt der Veranstaltungen der selbstständigen Kindergartenvereine oder der Kindergärten an Waldorfschulen ist im Festkalender der Vereinigung gebündelt zu finden.
OG: Wie werden die einzelnen Waldorfkindergärten in Deutschland konkret in das Festjahr eingebunden (Formate, Mitwirkung, Öffentlichkeitsarbeit)?
BK: Es gibt ein Festlogo, Postkarten und Banner, die unter dem Motto „100 Jahre voller Leben. Feiert mit uns!“ im Außen- und Innenbereich der Kindertageseinrichtungen bundesweit genutzt werden können und so die Einrichtung vor Ort und die Verbindungen in der Gemeinschaft sichtbar machen. Auch die Flyer, die sich an Eltern und Fachkräfte richten, werden neu gestaltet.
OG: Wie würden Sie die aktuelle Situation der Waldorfkindergartenbewegung in Deutschland beschreiben? Welche Stärken gibt es und vor welchen Herausforderungen steht die Pädagogik heute?
BK: Die Waldorfpädagogik ermöglicht es, ganz und gar Kind zu sein und aus sich heraus zu gedeihen und zu wachsen. Die gesunde Entwicklung ohne Vorgriffe auf die Schulzeit steht im Vordergrund der Arbeit. Von Jahr zu Jahr werden weniger Kinder geboren. Das ist eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft. Räume zu schaffen, in denen Kinder „mit allen Sinnen Kind sein können“, ist zu einer immer wichtiger werdenden Aufgabe geworden. Ebenso der Einsatz für eine von elektronischen Medien freie Zeit in der Kindertageseinrichtung nach dem Motto „Lernen findet real im freien, selbstinitiierten Spiel am besten statt“. Später, im Grundschulalter, findet das Lernen analog und erst im dritten Schritt digital statt. Daher wurden die Lehrpläne für die Waldorfschulen in den letzten beiden Jahren grundlegend überarbeitet. Hier gilt es, gut zusammenzuarbeiten und Eltern zu vermitteln, dass die Kinder in den Kindertageseinrichtungen nicht „altmodisch“ betreut werden, sondern dass die Schulung der Motorik, die Pflege der Sinne und das „Sich selbst ein Bild von der Welt machen“, ohne durch Erklärungen dabei gestört zu werden, eine gute Vorbereitung ist, um dann in allen Bereichen – selbstverständlich auch im digitalen – selbstständig und kreativ arbeiten zu können.
OG: Welche langfristigen Ziele verfolgt die Vereinigung für die Zukunft der Waldorfkindergärten und der frühkindlichen Bildung und was erhoffen Sie sich konkret für die nächsten Jahre und Jahrzehnte?
BK: Die frühkindliche Bildung und die Zusammenarbeit mit den Eltern sind in der Waldorfpädagogik unabdingbar miteinander verknüpft. In beanspruchenden Zeiten bleibt weniger Zeit und gibt es weniger Geld für vermeintlichen Luxus. Es gilt zu vermitteln, dass die Bildung unserer Kinder eine wichtige Ressource für die Zukunft ist. Dort wird aber gerne zuerst gespart. Fachkräfte leisten nicht nur auf der pädagogischen Ebene mit den Kindern, sondern auch in der Zusammenarbeit mit den Eltern, im Team und im Kollegium und in der Selbstverwaltung ihrer Kindertageseinrichtung einen vielfältigen Einsatz. Sie verdienen mehr gesellschaftliche Anerkennung und benötigen gute Rahmenbedingungen mit Zeiten zur Vor- und Nachbereitung, für Gespräche im Team und mit den Eltern und mit Weiterbildungen innerhalb der Arbeitszeit.
OG: Wie ist Ihre Beziehung zum Waldorfkindergarten in Ihrer Biografie entstanden?
BK: Als Kind einer Waldorfkindergärtnerin, die ihre „Ausbildung“ noch vor der Gründung des ersten Seminars 1972 in Hannover und der ersten Fachschule 1974 in Stuttgart machte, habe ich etliche „Urkindergärtnerinnen“ als Kindergartenkind miterlebt. So war ich ein Jahr in Hannover im Kindergarten, weil Klara Hattermann dort vor der Seminargründung nachmittags in ihrer Wohnung Kurse hielt. Vormittags waren die Lernenden in einer Kindergartengruppe tätig. Suse König in Hamburg und etliche mehr gehörten zu den Stationen auf dem Weg meiner Mutter. Klara Hattermann und Suse König waren hervorragende Protagonistinnen der Pädagogik für das Kindergartenalter.
Ich wollte bereits mit 9 Jahren Eurythmie studieren. Ich entschied mich dafür, zuvor eine Ausbildung zur Erzieherin zu absolvieren, das erschien mir geeigneter als das Lehrerseminar. Dass ich in die Pädagogik wollte, war nie eine Frage für mich. In der Waldorfschule wird man, wenn man Erzieherin ist, sehr schnell zur Aufnahmelehrerin, und so habe ich viel in Waldorfkindergärten hospitiert, um die künftigen Schulkinder in ihrem Lebensumfeld kennenzulernen. Nach meinem Studium der Heileurythmie setzte ich mich dafür ein, dass viele der Kindergartenkinder auch später in der Schulzeit Heileurythmie bekamen. Gerade Übergänge im Leben sind oft entscheidend, und gut begleitet geht es vielleicht etwas leichter …
Als in Baden-Württemberg im Zuge des Orientierungsplans die Fachberatung eingeführt wurde, war es, auch durch die Mitarbeit im Arbeitskreis Übergang Kindergarten–Schule, in der LAG etc., gar keine Frage, dass das meine Aufgabe werden würde. So arbeite ich seit 2008 in Baden-Württemberg in der Fachberatung. 2018 wurde ich in den Vorstand der Vereinigung der Waldorfkindergärten gewählt. Durch die intensive Zusammenarbeit der anthroposophischen Verbände in der Coronazeit hat sich daran die Tätigkeit in der Öffentlichkeitsarbeit angeschlossen. Durch die Fachberatungstätigkeit, das Hospitieren und die Teilnahme an Konferenzen in Kindertageseinrichtungen ist der Kontakt zur Praxis, zu Kindern, Eltern und Kolleg:innen immer lebendig geblieben.
OG: Vielen Dank für das Gespräch!
https://100jahre.waldorfkindergarten.de