Gegen die »Entzauberung der Welt« Zu Aaron French: ›Max Weber, Rudolf Steiner and Modern Western Esotericism‹*
In unserer sich auf die Aufklärung berufenden Gesellschaft gelten Esoterik und Wissenschaft als strikte Gegensätze. Esoterik wird zwar im privaten Raum geduldet, doch die Öffentlichkeit beschäftigt sich nicht ernsthaft mit ihr, weil ihr der Ruch des »Irrationalen« anhaftet. Die Wissenschaft dagegen genießt von allen kulturellen Errungenschaften den höchsten Rang, weil sie »rational« argumentiert und »überprüfbar« ist. Wir leben in einer Kultur von »Experten«: Wenn Politiker oder die Medien Ratschläge brauchen, fragen sie keine Esoteriker um Rat, sondern Doktoren und Professoren mit einer ordentlichen akademischen Ausbildung.
Deshalb leben wir im Westen, so der Religionswissenschaftler Aaron French, in einer Kultur »binärer Gegensätze«: Magie und Mythos werden streng von Vernunft und Ratio geschieden, und dazwischen soll es keine Vermittlungen oder gar Vermischungen geben. In seinem neuen Buch ›Max Weber, Rudolf Steiner and Modern Western Esotericism: A Transcultural Approach‹ stellt French jedoch die provokante Frage, ob diese Trennungen in einer globalisierten Welt noch vernünftig sind.
Um neue Formen einer »globalen Philosophie« herauszuarbeiten, benutzt French zwei scheinbar sehr gegensätzliche Geistesgrößen des frühen 20. Jahrhunderts und arbeitet heraus, dass deren Denken doch mehr Gemeinsamkeiten aufweist als bisher gedacht. Der Soziologe Max Weber (1864–1920) gilt bis heute als Paradebeispiel des kritischen Wissenschaftlers, und sein berühmtes Statement von der »Entzauberung der Welt«[1] wird immer noch gelesen als Ausdruck des Triumphes des modernen Denkens über frühere Formen von Aberglauben und Magie. Rudolf Steiner (1861– 1925) dagegen gilt als ein »Esoteriker«, der mit der Anthroposophie eine – so die öffentliche Meinung – schwer verständliche mystische Weltanschauung begründete, die heute in den Medien vorwiegend kritisch gesehen wird.
Auf den ersten Blick scheint hier alles klar und in beruhigende »binäre Gegensätze« eingeteilt zu sein: hier der »rationale« und »moderne« Soziologe Weber und dort der »irrationale« und »antimoderne« Okkultist Steiner.
Doch French gräbt tiefer und arbeitet heraus, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts das »Rationale« und »Irrationale«, »Moderne« und »Antimoderne« tiefer miteinander verschränkt waren als gedacht. Webers Begriff der »Entzauberung der Welt« war keineswegs als grandioser Sieg über das »Magische« und »Irrationale« gedacht, sondern eher als eine schmerzhafte Klage. Auch Weber bedauerte den einseitigen Siegeszug von Technologie, Naturwissenschaft, Bürokratie und Kapitalismus und war eher ein zerrissener Sinnsucher als ein abgeklärter Rationalist. Nach einer schweren Lebenskrise fühlte er sich zu den Mystikern, Künstlern, Theosophen, Vegetariern und Tänzerinnen auf dem Monte Verità hingezogen und sah in diesem Ort ein ähnliches »Laboratorium« für neue Denk- und Lebensentwürfe wie Rudolf Steiner in seinem Goetheanum bei Basel.
Ahriman und stahlhartes Gehäuse
Beide, so French, hatten ähnliche Literatur gelesen, sahen die Probleme ihrer Zeit mit denselben Augen, aber sie benutzten unterschiedliche Sprachen, um sie zu benennen und Lösungsvorschläge zu entwickeln: Weber argumentierte in einer eher wissenschaftlichen Sprache, während Steiner als »Erzähler« in »mythopoetischen Begriffen« sprach.[2] French sieht im Begriff »Mythos« keine abwertende Bezeichnung, die nur in Richtung reiner Fantasie geht, sondern eine »alternative Form ontologischen Wissens«. Diese Deutung halte ich für besonders wichtig, weil sie den unseligen Streit beendet, ob denn nun Steiners Anthroposophie eine echte Wissenschaft sei oder nicht. Sie nimmt das Faktum ernst, dass Steiners Werk zu 80 Prozent aus Mythologemen, spirituellen Metaphern und künstlerischen Ausdrucksformen besteht und dass es viel sinnvoller ist, deren ästhetische Grammatik zu verstehen als partout auf objektiv nachprüfbaren »geisteswissenschaftlichen Tatsachen« zu beharren.
Wenn also Weber die immer stärker werdende instrumentelle Rationalität seiner Zeit als »stahlhartes Gehäuse«[3] umschreibt, was ja auch ein bildhafter Ausdruck ist, benutzt Steiner die mythologische Figur des »Ahriman«, um auf Ähnliches hinzuweisen. Eine erneute Betrachtung dessen, was Weber und Steiner über Technologie dachten, zeige – so French – »dass beide Befürchtungen über eine zukünftige Welt äußerten, die in vielerlei Hinsicht derjenigen ähnelt, in der wir uns heute befinden: einer Welt, in der technologische Fortschritte die Menschen überholen, die sie erschaffen haben.« Weber und Steiner beschreiben die Rolle der »Maschine« in der gegenwärtigen Welt und entwerfen apokalyptische Zukunftsvisionen, wie den Menschen eine entfesselte Technologie über den Kopf wachsen könnte – eine angesichts der eventuellen Bedrohung durch eine übermächtige KI nicht ganz unrealistische Perspektive. Wenn Weber von der Maschine als »geronnenem Geist« und Steiner von der »Intelligenz von Maschinen« spricht, sind der vermeintlich »rationale« Soziologe und der »irrationale« Esoteriker plötzlich nahe beieinander und beweisen mit ihren Analysen geradezu prophetische Qualitäten.
Eine gewisse Ähnlichkeit sieht French auch in der Öffnung der beiden Denker für fernöstliche Weisheitslehren, in denen sie neue Wege suchen, um aus der Misere Europas um 1900 herauszukommen. Weber verfasste Aufsätze über den Taoismus und Konfuzianismus und versuchte herauszufinden, wie China eine alternative Form von Rationalität entwickeln konnte, die nicht auf Kosten von Religiosität und Magie ging. In China fand – nach Weber – nie eine komplette »Entzauberung« statt, weil der Konfuzianismus weniger an einer »Beherrschung« der Welt interessiert war als an einer »Anpassung« an diese.
Steiner seinerseits kam seit seiner theosophischen Phase mit der religiösen Welt Indiens in Kontakt, der er viel verdankt, auch wenn er später eher an westliche spirituelle Traditionen anknüpfte. Die in seinem Buch ›Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?‹ ausgeführte Lehre der »Lotusblüten« hat einen klaren Bezug zur hinduistischen Vorstellung der »Chakren«, mit der gewisse Energiezentren im Körper bezeichnet werden. Lebenslang hatte Steiner auch eine große Hochachtung vor dem Buddhismus, insbesondere was dessen Vorstellungen von Gewaltlosigkeit und Mitgefühl betraf, und entwickelte die »Lehre vom achtfachen Pfad« zu eigenen Seelenübungen weiter. Wer bisher Max Weber für einen trockenen Rationalisten hielt, wird vor allem in Frenchs brillant geschriebenem Kapitel über dessen Abenteuer auf dem Monte Verità eines Besseren belehrt. Der »rationale« Soziologe hegte schon vorher ein großes Interesse an mystischen Themen. Er nahm an dem spirituellen »Eranos-Kreis« in Heidelberg teil, wo über antike Kulte zu Ehren von »Mutter Erde« referiert wurde, und schätzte an Johannes Tauler, dass dieser auch im Alltag die Möglichkeit einer mystischen Gottesverbindung sehen konnte. Auf dem Monte Verità schließlich lernte er spirituelle Sinnsucher kennen, die ihn nach einer schweren Lebenskrise inspirierten, Antworten auf die Frage zu finden, wie sich in der säkularisierten Welt Sinn und metaphysische Tiefe zurückgewinnen lassen. Er bezeichnete den Ort als »eine Welt voller Zauberinnen, Anmut, Verrat und Glücksverlangen«.
Pioniere einer globalen Philosophie
Hier verkehrten Theosophen und Anthroposophen, und Weber kam auch in Kontakt mit Denkern aus dem Kreis um Stefan George. In Ascona begegnete der Verkünder der »Entzauberung« vielfältigen Formen der »Wiederverzauberung der Welt«, wozu auch erotische Abenteuer gehörten, die er als Formen mystischer Entgrenzung ansah. Jeden Morgen ging der Soziologie-Professor vor dem Frühstück nackt baden, ernährte sich streng vegetarisch und verzichtete auf jeden Alkohol. Manchmal übernachtete er in einem kleinen Zelt, um sich abzuhärten, und beschrieb enthusiastisch die Schönheit der umliegenden Landschaft.
Rudolf Steiner weilte zwar nicht auf dem Monte Verità, aber er hielt 1911 im 3,9 Kilometer weit entfernten Locarno einen Vortrag über geistige Wesenheiten in der Natur. Außerdem besuchte er in der Nähe befindliche Felsbrocken und Höhlen, die er für »Druidensteine« hielt und die ihm wohl der Aussteiger und Naturheiler Gusto Gräser gezeigt hatte.[4]
French schafft es, einen spirituellen Kosmos zu beschreiben, in dem die verschiedensten Geister um neue Formen des Lebens rangen, und an dem auch »seriöse« Wissenschaftler wie Max Weber beteiligt waren. Der Autor sieht in dessen vielfarbigem Leben und Denken ein gutes Beispiel für die Erweiterung eines engen Rationalitätsbegriffes, der sich für spirituelle Ideen und außereuropäische Weisheiten zu öffnen vermag. Darin ist er Steiner ähnlich, der anfangs Naturwissenschaften studiert und an einer wissenschaftlichen Goethe-Ausgabe mitgearbeitet hatte, aber sich dann immer mehr esoterischen Themen zuwandte.
Heute, so Frenchs Resumée, leben wir in einer zunehmend globalisierten Welt, wo es keinen Sinn mehr macht, etwa »westliche Wissenschaft« streng von »irrationalen« indigenen oder fernöstlichen Sichtweisen abzuspalten. Daher fordert er neue Entwürfe für eine interkulturelle »globale Philosophie«, in der das »Rationale« und das »Spirituelle«, Weisheiten des Westens und des Ostens zusammengedacht werden können, um neue Erkenntnisformen für eine veränderte Welt zu schaffen. Auch wenn weiterhin in gewissen Gebieten Unterschiede zwischen Weber und Steiner bestehen bleiben, findet French doch genug Gemeinsamkeiten, um sie als frühe Pioniere einer solchen »globalen Philosophie« der Zukunft darzustellen.[5]
* Aaron French: ›Max Weber, Rudolf Steiner and Modern Western Esotericism: A Transcultural Approach‹, Routledge, London 2025, 208 Seiten, 175 EUR. – Die vorliegende Rezension entstand auf der Basis des noch nicht gesetzten Manuskripts und gibt daher keine Seitenzahlen an.
Rüdiger Sünner ist Filmemacher und Buchautor, u.a. Filme über Rudolf Steiner, Joseph Beuys und Paul Celan. – www.ruedigersuenner.de
[1] de.wikipedia.org/wiki/Entzauberung_ der_Welt
[2] French bezieht sich dabei auf Ulrich Kaiser: ›Der Erzähler Rudolf Steiner: Studien zur Hermeneutik der Anthroposophie‹ (Frankfurt a.Main 2020). Ich habe bereits 2012 vorgeschlagen, die Anthroposophie nicht als Wissenschaft zu sehen, sondern als eine vorwiegend in Bildern argumentierende NeoMythologie. Vgl. Rüdiger Sünner: ›Anthroposophie als neue Mythologie?‹, in: ›Info3‹ 2/2012, S. 17ff.
[3] Max Weber: ›Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland‹, München 1918 – https:// www.projekt-gutenberg.org/webermax/parlamen/ chap003.html
[5] Ähnliches versucht der Sinologe und Philosoph Rolf Elberfeld in: ›Philosophieren in der globalisierten Welt‹ (Baden Baden 2017), in dem er uns zeigt, wie viele andere Formen von Philosophie es außerhalb der westlichen Traditionen gibt.