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Paula Kiefer | Was ist eigentlich in Argentinien los?

In Argentinien regiert seit zwei Jahren ein Mann, der den Staat abschaffen möchte. Javier Milei bezeichnet sich als Anarchokapitalist und proklamiert einen radikalen Libertarismus. Er schließt Ministerien, kürzt die Staatsausgaben und hebt Steuern auf. Denn für ihn ist klar: Der Staat ist der Grund allen Übels und hat das Land heruntergewirtschaftet. Überall auf der Welt machen sich Staaten für das Gedeihen der Wirtschaft verantwortlich. Milei wirft nun prominent die Frage auf, ob der Staat der richtige Akteur für diese Aufgabe ist. Kann er zum Wohle der Wirtschaft in diese lenkend und steuernd eingreifen – oder schafft er dadurch nur neue Probleme? Sollte man stattdessen ganz darauf verzichten, die Wirtschaft gestalten zu wollen, und alles den Kräften des freien Marktes überlassen? Oder gibt es eine dritte, bis jetzt noch übersehene Möglichkeit?

von Paula Kiefer | 03/22/2026

In Argentinien regiert seit zwei Jahren ein Mann, der den Staat abschaffen möchte. Javier Milei bezeichnet sich als Anarchokapitalist und proklamiert einen radikalen Libertarismus. Er schließt Ministerien, kürzt die Staatsausgaben und hebt Steuern auf. Denn für ihn ist klar: Der Staat ist der Grund allen Übels und hat das Land heruntergewirtschaftet. Überall auf der Welt machen sich Staaten für das Gedeihen der Wirtschaft verantwortlich. Milei wirft nun prominent die Frage auf, ob der Staat der richtige Akteur für diese Aufgabe ist. Kann er zum Wohle der Wirtschaft in diese lenkend und steuernd eingreifen – oder schafft er dadurch nur neue Probleme? Sollte man stattdessen ganz darauf verzichten, die Wirtschaft gestalten zu wollen, und alles den Kräften des freien Marktes überlassen? Oder gibt es eine dritte, bis jetzt noch übersehene Möglichkeit?

Um diesen Fragen nachzugehen, habe ich mit einigen Freunden aus Argentinien gesprochen. Eine von ihnen, Laura Karajallo, ist Direktorin einer kleinen staatlichen Schule in der nordöstlichen Provinz Misiones. Sie ist also Angestellte des argentinischen Staates – und doch hat sie einen Mann gewählt, der gegen diesen Staat kämpft. Was hat sie dazu veranlasst? Seit Jahren leidet sie unter der erdrückenden Bürokratie des staatlichen Schulsystems. Aber auch die aussichtslose Situation der Wirtschaft war für sie ein Grund, Milei zu wählen: »Es gibt so viele Steuern, dass es sich kaum noch lohnt, zu arbeiten. Jedes Mal, wenn du Geld bewegst, wird dir etwas abgezogen. Das lähmt unsere Wirtschaft. Und dann die ganzen Menschen in der Verwaltung. Einige von denen wissen nicht mal, was sie arbeiten sollen, weil es einfach zu viele sind. Sie trinken den ganzen Tag nur Mate. Und nun sind auch noch die Lebensmittel so teuer geworden, dass das Geld einfach nicht mehr ausreicht. Viele Menschen verdienen nicht mehr genug, um davon leben zu können. Milei hat einen Wandel versprochen, deshalb habe ich ihn gewählt. Ja, ich wünsche mir, dass sich etwas ändert!«

Viele Argentinier betrachten diese Probleme als Folge des Peronismus, der seit gut 80 Jahren die argentinische Politik prägt. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war Argentinien ein reiches Land und Buenos Aires die modernste Stadt Südamerikas. Dieser Reichtum speiste sich vor allem aus der Landwirtschaft mit ihren riesigen Getreidefeldern und Rinderherden. Um die heutigen Probleme besser zu verstehen, hilft es, zwei Pole der Wirtschaft zu unterscheiden, die Werte auf unterschiedliche Weise hervorbringen. Im ›Nationalökonomischen‹ Kurs entwickelt Rudolf Steiner den Begriff »Arbeit auf Natur« für jenen Pol, der mit der Landwirtschaft zu tun hat[1] Dort tritt dieser Wert in seiner reinsten Form auf. Er ist überall dort zu finden, wo eine Natursubstanz durch menschliche Arbeit zu einer konsumfähigen Ware wird. Doch mischt sich in den Kaufpreis der meisten Produkte noch ein zweiter Wert hinein, den Steiner als »Geist auf Arbeit« bezeichnet.[2] Hier ist das Wertbildende nicht die Arbeit, die eine Natursubstanz verwandelt, sondern der menschliche Geist, der die Arbeit zu einer wertvollen Tätigkeit macht. Durch Juan Domingo Perón, den Namensgeber des Peronismus, erhielt dieser Pol eine starke Bedeutung für die argentinische Wirtschaft.

 

Der Peronismus und seine Folgen

Perón wurde 1943 im Zuge eines Militärputsches zunächst Arbeitsminister und dann 1946 demokratisch gewählter Präsident. Er stärkte die Rechte der Arbeiter und versuchte eine eigene Industrie aufzubauen, die Argentiniens Abhängigkeit von ausländischen Importen beenden sollte. Für ein solches Vorhaben ist »Geist auf Arbeit« notwendig, in diesem Fall der unternehmerische Geist, der verschiedene Arbeitsschritte gliedert und fruchtbar zusammenwirken lässt, um ein kompliziertes Industrieprodukt entstehen zu lassen. Dieser Geist lässt sich aber nicht durch den Staat herbeirufen, und so ist Argentinien bis heute hauptsächlich ein Agrarland geblieben.

Der Peronismus hat im Laufe der Jahre viele Verwandlungen durchgemacht und zuletzt in Form der Politik von Cristina und Néstor Kirchner das Land geprägt. Auch sie benutzten den Staat, um die wirtschaftliche Situation der ärmeren Schichten zu verbessern. Sie subventionierten wichtige Güter wie Benzin und Strom, initiierten eine Vielzahl an Sozialprogrammen und investierten ins staatliche Gesundheits und Bildungswesen. Beides wird in Argentinien grundsätzlich über Steuern finanziert und ist daher für alle kostenlos. Auch hier versucht also der Staat, sich für den Geist verantwortlich zu machen – diesmal nicht bei der Gestaltung der materiellen Produktion, sondern dort, wo reine Geisteswerte entstehen. In einem Krankenhaus oder einer Schule wird kein Produkt im wirtschaftlichen Sinne hergestellt. Betrachtet man – so Steiner im ›Nationalökonomischen Kurs‹ – die Tätigkeiten des Lehrers oder Arztes aus wirtschaftlicher Perspektive, dann bilden sie den zweiten Pol. Während bei der unmittelbaren Arbeit an der Natur der Geist kaum den Wert der Produkte prägt, so ist es beim Lehrer und Arzt andersherum. Das, was sie an materieller Arbeit leisten, ist zu vernachlässigen. Das Kind wird nicht durch die physische Anstrengung des Lehrers erzogen und der Kranke nicht durch die Muskelkraft des Arztes geheilt. Der Wert ihrer Tätigkeit hängt davon ab, ob sie die geistigen Fähigkeiten haben, die richtige Medizin zu wählen oder pädagogisches Geschick beweisen.

Wenn Steiner nicht aus einer wirtschaftlichen, sondern einer allgemein sozialen Perspektive spricht, dann nennt er diesen zweiten Pol das Geistesleben. In Argentinien lässt sich gut beobachten, dass eine ausufernde Bürokratie entsteht, wenn sich der Staat für das Geistesleben verantwortlich macht. So finanziert der argentinische Staat nicht nur Ärzte und Lehrer, sondern viel Geld fließt auch in die Verwaltungsbehörden – also in Tätigkeiten, welche die Arbeit anderer Menschen überwachen und reglementieren. Laura hat z.B. als Direktorin einer kleinen Provinzschule mit fünf Lehrern keine Zeit, selbst mit den Kindern zu arbeiten. Sie ist von morgens bis abends damit beschäftigt, Papiere auszufüllen. Alles, was der Staat bezahlt, muss akribisch notiert werden, bei Fehlern drohen Bußgelder. Vor einem Monat hat Laura sich den Fuß gebrochen, woraufhin eine der Lehrerinnen für die Zeit ihrer Krankschreibung ihren Posten übernahm. Auch dies musste vom Staat bewilligt werden, was für die Schule eine volle Woche Verwaltungsarbeit bedeutete. Hinzu kommen all die Menschen in den verschiedensten Verwaltungsebenen, die Lauras Papiere kontrollierten, weiterreichten oder abhefteten. So wird in Argentinien viel Arbeit verrichtet, die niemandem etwas nützt, sondern nur weitere Arbeit nach sich zieht. Dieser staatliche Geist organisiert viel, bleibt dabei aber völlig steril. Er befruchtet weder die Wirtschaft noch das geistige Schaffen.

Was Argentinien neben der Bürokratie vor allem belastet, ist die Inflation. Bereits ab 2009 reichten die Steuereinnahmen nicht mehr aus, um die hohen Staatsausgaben der Regierung von Cristina Kirchner zu finanzieren. Auf verschiedenen Umwegen hat der argentinische Staat seitdem immer wieder durch Geldvermehrung seine Ärzte, Lehrer und Beamten unterhalten. Seit 2015 stiegen dann die Preise kontinuierlich an, und 2024 erreichte die Inflation ihren Höhepunkt mit 219 Prozent, d.h. die durchschnittlichen Preise hatten sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdreifacht[3]

 

Bürokratie und Inflation 

Die Inflation hat maßgeblich zur Wahl Mileis beigetragen. Seinem Gegenkandidaten, dem Finanzminister der vorherigen Regierung, trauten die Menschen nicht zu, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Die Argentinier hatten es satt, dass die Regierung sozusagen Geld druckt und damit das »Thermometer« der Preise in die Länge zieht. Steiner macht im ›Nationalökonomischen Kurs‹ tatsächlich diesen Vergleich: Man kann die zirkulierende Geldmenge als eine Art Thermometer verstehen und die Preise als Temperaturzahlen.[4] Denn wir bewerten – oder messen – die wirtschaftlichen Leistungen, indem wir ihnen einen Preis geben. Und so wie man von einer künstlich verlängerten Thermometersäule keine zuverlässige Information mehr über die tatsächliche Temperatur erhält, bringt auch die Ausweitung der Geldmenge Verwirrung in die Bewertung der menschlichen Leistungen und kann fatale Folgen haben. In Argentinien hat dies dazu beigetragen, dass z.B. die Preise für Lebensmittel wesentlich schneller gestiegen sind als die Gehälter der meisten Menschen. Bei vielen reicht das Geld daher kaum noch bis zum Monatsende.

Es greift jedoch zu kurz, diese Folgen der Inflation allein mit der Ausweitung der Geldmenge erklären zu wollen. Sie bringt Verwirrung in das Verhältnis der Werte, aber so wie das Thermometer nicht der Grund dafür ist, welche Temperatur ein Zimmer hat, so wird auch die wirtschaftliche Not noch durch etwas anderes bewirkt. Die Geldentwertung ist nur der Anzeiger. Um die Realität, auf die sie hindeutet, in den Blick zu bekommen, kann es helfen, auf das Verhältnis der beiden wertbildenden Pole zu schauen. Dann wird auch klar, dass es zwischen den beiden Phänomenen, die Argentinien plagen, einen Zusammenhang gibt. 

Die Natur- und Geistwerte stehen in einem Verhältnis, das eine grundlegende Bedeutung für das Wirtschaftsleben hat. Denn der Geist befruchtet nicht nur die Wirtschaft, indem er die Arbeit sinnvoll organisiert oder die Menschen gesund macht und bildet, sondern er zehrt auch das materielle Ergebnis der Arbeit auf. Wer geistig arbeitet, bringt keine Waren hervor, sondern vernichtet die Arbeitserzeugnisse der anderen, z.B. indem er isst. So stehen die wertbildenden Kräfte der Wirtschaft in einem Bilanzverhältnis. Denn die Waren, die durch »Arbeit auf Natur« entstehen, müssen auch mit den geistig schaffenden Menschen geteilt werden. Das Aufteilen der Waren, die in einer arbeitsteiligen Wirtschaft entstehen, wird durch das Geld bewerkstelligt. Denn es überträgt die Werte vom einen auf den anderen. 

Entwertet sich nun das Geld, kann dies ein Zeichen dafür sein, dass die beiden Werte einander nicht richtig kompensieren, dass ihr Zusammenwirken gestört ist. In Argentinien lässt sich beobachten, dass durch das Eingreifen des Staates der zweite wertbildende Pol einseitig aufzehrend wirkt. Denn der Staat sterilisiert den Geist, sodass er die materielle Produktion nicht mehr befruchtet. Zum einen sind da die Verwaltungsbeamten, die mit ihrem organisierenden Geist nur selten die Arbeit anderer Menschen erleichtern. Als Folge der staatlichen Verwaltung wird jedoch auch das eigentliche Geistesleben bürokratisch, sodass ein Teil der geistigen Fähigkeiten von Lehrern und Ärzten in Papierstapeln verschwindet. Und schließlich ist nicht zu unterschätzen, dass die staatliche Bevormundung das Denken der Menschen unpraktisch macht. Dadurch breitet sich der bürokratische Geist auch außerhalb des direkten Einflussbereichs des Staates aus. Vielleicht ist dies – neben staatlichen Regulierungen – der Grund, warum es der unternehmerische Geist, der die Arbeitsprozesse an der Natur sinnvoll gestaltet, in Argentinien so schwer hat. Zieht man diese Dynamiken in Erwägung, könnte die Inflation darauf hindeuten, dass trotz einer reichen Naturgrundlage zu wenige wertvolle Waren entstehen, um auch die geistig arbeitenden Menschen gut versorgen zu können.

Durch die Ausweitung der Geldmenge sorgt der Staat dafür, dass die Arbeitserzeugnisse der wirtschaftenden Menschen auch dann mit Ärzten, Lehrern und Bürokraten geteilt werden müssen, wenn es immer weniger zu verteilen gibt. Letzteres wird dadurch sichtbar, dass die Preise steigen und sich das Geld entwertet.

 

Kann Milei Argentinien helfen?

Milei scheint mit seiner Kritik am Staat also nicht ganz danebenzuliegen, und auf den ersten Blick könnte man meinen, dass seine sogenannte »Schocktherapie« zu einer Gesundung der Wirtschaft beitragen kann. Denn seine Medizin besteht darin, die Staatsausgaben drastisch zu senken und Steuern aufzuheben. Seit seinem Amtsantritt im Dezember 2023 hat er die Hälfte aller Ministerien geschlossen, etwa 50.000 Staatsangestellte entlassen[5] und die Ausgaben für Bildung, Gesundheit und Kultur massiv gekürzt. Auch vor den staatlichen Renten macht er nicht halt. Er konnte sie zwar noch nicht abschaffen, hat sie aber eingefroren, so dass sie allmählich an Kaufkraft verlieren. Und tatsächlich ist der Staatshaushalt seit 2009 das erste Mal wieder ausgeglichen [6], und die Inflation hat sich deutlich verlangsamt. »Die ExcelTabellen der Regierung sehen besser aus als je zuvor, während die Kühlschränke der Menschen aber eher leerer werden.«[7] So fasst ein Reporter des ›Politico‹ die Folgen von Mileis Politik zusammen. International wird er für diese Erfolge gefeiert, etwa von Elon Musk, dem Milei daraufhin eine seiner berühmten Kettensägen überreichte – als Symbol für den gemeinsamen Kampf gegen einen überbordenden Staat.

 Schaut man sich etwas genauer an, wie es Milei gelungen ist, die Inflation zu verlangsamen, so wird deutlich, dass diese Diskrepanz zwischen den statistischen Zahlen und der wirtschaftlichen Lebensrealität der meisten Argentinier auf einem grundlegenden Dilemma seiner Politik beruht. Denn obgleich er den Staat bekämpft, ist er auf dessen Mittel angewiesen, um in das wirtschaftliche Geschehen einzugreifen. Und so schraubt er, ähnlich wie seine Vorgänger, nur am Thermometer herum, anstatt seinen Blick auf die wirtschaftlichen Realitäten zu richten. Anders als die Peronisten zieht er die Thermometersäule aber nicht in die Länge, sondern verkürzt sie, indem er in großen Mengen argentinisches Geld aufkauft und dann vernichtet. Das hört sich nach einem schlechten Geschäft an, folgt allerdings einer gängigen Logik: Das Spiel zwischen Angebot und Nachfrage soll den Preis einer bestimmten Währung bestimmen. Für die argentinische Wirtschaft ist es nicht unbedeutend, in welchem Verhältnis ihr Geld, der Peso, zum US-Dollar steht. Denn viele Waren werden importiert. Und fällt der Wert des Peso gegenüber dem Dollar, so steigen die Preise der importierten Waren.

Um die Inflation zu bremsen, bringt Milei also die Zentralbank dazu, mit ihren Dollarreserven am Währungsmarkt Pesos zu kaufen[8] Dadurch erzeugt er eine künstliche Nachfrage nach Pesos und verknappt gleichzeitig das Angebot, indem die Geldmenge schrumpft. Die Dollarreserven waren schnell aufgebraucht; um dieses Spiel dennoch weiter fortsetzen zu können, hat sich Milei beim Internationalen Währungsfonds[9] und der amerikanischen Zentralbank [10] mit mehrstelligen Milliardenbeträgen verschuldet. So entpuppt sich die Eindämmung der Inflation, die Milei als seinen Erfolg verbucht, als eine Stabilität auf Pump.

Während also die Peronisten Steuern erheben und die Geldmenge ausweiten, um eine ausufernde Bürokratie zu finanzieren, verschuldet sich Milei im Ausland, um für wirtschaftliche Stabilität zu sorgen. Beide versuchen vom Staat aus für das Wohlergehen ihrer Wähler zu sorgen und verlieren dabei die eigentliche wirtschaftliche Realität aus den Augen. Ein Unterschied könnte darin gesehen werden, dass der argentinische Staat in Zukunft wohl weniger den Mate trinkenden Verwaltungsbeamten bezahlt, stattdessen jedoch die Renditen der internationalen Kreditgeber durch Steuergelder aufbringen muss. Dieser spekulative Geist ist mindestens genauso untätig wie der bürokratische. Steiner bezeichnete ihn einmal als »das fünfte Rad am Wagen der Wirtschaftsordnung«[11].

 

Assoziation – die Wirtschaft organisiert sich selbst

Die wirtschaftliche Situation der meisten Argentinier hat sich durch Mileis Politik nicht verbessert. Im Gegenteil, denn nun sind viele Menschen arbeitslos oder müssen mit den Kürzungen im Gesundheits- und Bildungswesen zurechtkommen. Bei den Wahlen im Oktober hat meine Freundin Laura trotzdem wieder Mileis Partei gewählt. Viele meinen, man müsse einfach noch etwas warten, bis die positiven Folgen seiner Politik spürbar werden.

Und bleibt den Menschen etwas anderes übrig, als zu hoffen? – Will man nicht darauf vertrauen, dass sich alles von allein zurechtruckelt, muss man sich assoziieren! So wie man nicht untätig in einem kalten Zimmer sitzen bleiben muss oder hoffnungsvoll am Thermometer zu ziehen oder zu schieben braucht, sondern einheizen kann. Jonas Rybak beschreibt in unserem Studienheft ›durchsichtig wirtschaften‹[12], wie man sich durch Assoziationen vernetzen kann, um die bestehenden Probleme gemeinsam anzugehen. Denn wenn man voneinander weiß, lässt sich die Wirtschaft gestalten. Erst durch eine assoziative Zusammenarbeit wird man wissen können, wie sich der Geist konkret auf die wirtschaftlichen Prozesse auswirkt und wieviel freies Geistesleben man sich leisten kann, ohne dass die Geldentwertung zur Inflation führt. Dann lässt sich das Wirtschaften der Menschen in ein gesundes Verhältnis bringen, sodass das Arbeiten an der Natur sie ernährt und die Geistwerte das soziale Leben befruchten und bereichern. Dies kann nicht von einer abstrakten Instanz wie »dem Staat« aus geschehen, sondern nur durch die Menschen selbst.

 

 

Paula Kiefer, geb. 1996, lebte von 2016-2018 in Argentinien, um dort einen Waldorfkindergarten mit aufzubauen. Zur Zeit ist sie Teil des ›Forschungsstudiums Soziale Dreigliederung‹.

 


[1] Vgl. Vortrag vom 27. Juli 1922 in Rudolf Steiner: ›Nationalökonomischer Kurs‹ (GA 340), Dornach 62002.

[2] Vgl. Vortrag vom 28. Juli 1922 in a.a.O.

[3] Vgl. ›Argentinien: Inflationsrate von 1998 bis 2024 und Prognosen bis 2030‹ bei ›Statista‹ – ogy. de/Inflation.

[4] Vgl. Vortrag vom 26. Juli 1922 in GA 340.

[5] Vgl. ›Javier Milei confirmó el despido de 50 mil empleados‹ bei ›América TV‹ – ogy.de/Milei

[6] Vgl. ›Argentinien: Haushaltssaldo von 1993 bis 2024‹ bei ›Statista‹ – ogy.de/Saldo

[7] Machthaber: Javier Milei‹ bei ›POLITICO Berlin Playbook‹ ab min. 26:41 – ogy.de/milei

[8] Argentinische Zentralbank stützt Peso mit Millionenverkauf‹, in: ›Handelsblatt‹ vom 20. September 2025 – https://ogy.de/Peso-Kauf

[9] Martín Guzmán: ›Lässt sich der IWF von Milei über den Tisch ziehen?‹, in: ›Projekt Syndicate‹ vom 9. April 2025 – ogy.de/IWF-Kredit

[10] Es handelt sich um keinen Kredit im engeren Sinne, sondern um einen sogenannten WährungsSwap, d.h. einen Verkauf, der zum Rückkauf samt Zinsen verpflichtet. Vgl. Stephan Hollensteiner: ›Argentinien trifft »neokoloniale« Finanz- und Wirtschaftsabkommen mit den USA‹, in: ›amerika21‹ vom 19. November 2025 – ogy.de/Swap

[11] Rudolf Steiner: ›Die Zukunft von Kapital und menschlicher Arbeitskraft‹, in: ›Neugestaltung des sozialen Organismus‹ (GA 330), Dornach 21983, S. 177.

[12] Das Heft kann auf Spendenbasis unter kontakt@ dreigliederungsstudium.de oder auf www.dreigliederungsstudium.de bestellt werden.

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