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Jost Schieren | Die Wirklichkeit des Denkens

Rudolf Steiners Intelligenzbegriff und die Waldorfpädagogik in Zeiten von KI | Die sogenannte Künstliche Intelligenz (KI) ist gegenwärtig eines der prominenten gesellschaftlichen Themen. Je nach eingenommener Perspektive werden damit große Hoffnungen und Chancen, aber ebenso auch Ängste und Gefahren verbunden. Das ist ein Anlass, sich mit dem Begriff von Intelligenz näher auseinanderzusetzen. Und zwar soll dies mit Bezug auf das Intelligenz-Verständnis bei Rudolf Steiner in philosophischer, anthroposophischer und auch (waldorf-)pädagogischer Perspektive geschehen.

von Prof. Dr. Jost Schieren | 03/22/2026

Intelligenz

Intelligenz ist die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erfassen und Zusammenhänge herzustellen. Sie wird dem Menschen und in graduellen Stufen auch den Tiergattungen zugeschrieben. Es finden sich bewundernswerte Intelligenzformen im Tierreich: Vögel, die ohne GPS-Systeme weite Strecken zielorientiert fliegen können oder komplexe Neststrukturen bauen, die artifizielle Symmetrie von Spinnennetzen, weitreichende Kommunikationssysteme bei Walen, eine Schwarmintelligenz bei Bienen und Ameisen, die über einzelne Tierindividuen hinaus wirksam ist. Es gibt auch eine Intelligenz ganzer Ökosysteme im Zusammenspiel von klimatisch-regionalen Verhältnissen, Tieren und Pflanzen. Wir können eine Tiefe der Intelligenz und harmonische Ordnungsformen in der Natur studieren, die uns Menschen mit Staunen erfüllen. Die vielleicht größte intelligente Ordnung findet sich im Zusammenspiel des Planetensystems, das sich über Millionen Jahre präzise bewegt. Dies sind alles Intelligenzformen, die die menschliche Intelligenz weit überschreiten. In diesem Sinne spricht Rudolf Steiner von einer kosmischen Intelligenz. Es heißt bei ihm: «Es ist ja ein Vorurteil der gegenwärtigen […] Menschheit, dass ihre Gedanken nur in den Köpfen drinnen stecken. […] Die Gedanken sind eben durchaus in der Welt ausgebreitet. Die Gedanken sind die in den Dingen waltenden Kräfte. Und unser Denkorgan ist eben nur etwas, das aus dem kosmischen Reservoir der Gedankenkräfte schöpft, das die Gedanken in sich hereinnimmt. Wir müssen also von Gedanken nicht so sprechen, als ob sie etwas wären, das nur dem Menschen angehört. Wir müssen von Gedanken so sprechen, dass wir uns bewusst sind: Gedanken sind die weltbeherrschenden Kräfte, die überall im Kosmos ausgebreitet sind».[1] Steiner legt also dar, dass Gedanken nicht nur im Kopf des Menschen existieren, sondern im Kosmos ausgebreitet sind. An anderer Stelle beschreibt er es auch so, dass es eine Illusion sei, dass nur Menschen Gedanken hervorbringen. Das wäre in etwa so, als würde man einen Schluck Wasser trinken und dann die Vorstellung haben, das Wasser entstünde in unserem Mund.[2] Und er benennt in dem vorangegangenen Zitat auch den Kraftbegriff. Das ist etwas Neues. Gedanken werden gewöhnlich als Ordnungsformen begriffen. Rudolf Steiner vertritt die Auffassung, dass das Denken sich mit den Zusammenhängen, die als Kräfte in der Welt wirksam sind, verbindet. Er spricht von «weltbeherrschenden Kräften». Das ist sicherlich nicht die wissenschaftliche Überzeugung der Gegenwart. Sie geht nicht davon aus, dass die Gedanken, die in der Welt ausgebreitet sind, im menschlichen Denken erscheinen. Es wird im Gegenteil der Dualismus vertreten, dass das menschliche Denken und die Zusammenhänge der Welt prinzipiell voneinander getrennt seien.

Rudolf Steiner anerkennt diesen gegenwärtigen Dualismus von Bewusstsein und Welt, aber er weist darauf hin, dass dies in frühen mythischen Zeiten, im alten Griechenland durchaus anders gewesen sei. Er führt an: «Der Grieche empfindet den Gedanken, wie man gegenwärtig eine Wahrnehmung empfindet, wie man ‹rot› oder ‹gelb› empfindet. Wie man jetzt eine Farben- oder eine Tonwahrnehmung einem ‹Dinge› zuschreibt, so schaut der Grieche den Gedanken in und an der Welt der Dinge. Deshalb bleibt der Gedanke in dieser Zeit noch das Band, das die Seele mit der Welt verbindet. Die Loslösung der Seele von der Welt beginnt erst; sie ist noch nicht vollzogen.»[3] Gedanken werden in diesem Verständnis wahrgenommen wie Erscheinungen der Außenwelt. Daher werden im mythischen Griechenland in den Bäumen als zusammenhangbildende Kräfte Dryaden und in den Quellen Nymphen wahrgenommen. Aus heutiger Perspektive ist das ein animistisches oder auch spiritualistisches Weltbild, von dem wir uns verabschiedet haben. Aber auch Platos Philosophie spricht davon, dass Ideen objektiv wahrnehmbar seien. Sie betrachtet Ideen als in der Welt wirksame Entitäten.

Steiner nennt in dem angeführten Zitat neben dem Begriff «Kraft» noch den Begriff «Verbundensein». Das heißt, dass in seinem Verständnis die Gedanken Kräfte sind, die uns mit der Welt verbinden.

 

Dualismus

In der Bewusstseinsentwicklung der Menschheit kommt dann ein großer Umschwung, der besonders an der Philosophie von René Descartes sichtbar wird. Sein berühmter Satz «cogito ergo sum» («Ich denke, also bin ich») macht auf die vom Denken selbst hervorgebrachte Aktivität aufmerksam, worauf dann der Schluss auf die Existenz des menschlichen Ich erfolgt. Bei Descartes werden die Gedanken nicht mehr wie noch bei den Griechen wahrgenommen, sondern das Subjekt wird zum Erzeuger des Denkens und unterscheidet dann zwischen res cogitans (den gedachten Dingen) und res extensa (den in der Welt ausgebreiteten Dingen). Diese sind voneinander geschieden. Die Gedanken und die Dinge der Welt gehören nicht mehr zusammen, sie sind getrennt. Das Denken ist nicht mehr essenziell mit der Welt verbunden. Es findet eine radikale, bis heute unüberbrückbare Trennung zwischen Subjekt und Objekt statt, die den Monismus ablöst und den Dualismus begründet. Das ist durch Descartes manifest geworden und dann in der Aufklärung vor allem auch durch die Philosophie Immanuel Kants fortgeführt worden. Kant erklärt, dass das menschliche Bewusstsein die «Dinge an sich» prinzipiell nicht erfassen könne.

Mit dem Aufkommen des auf dem selbstaktiven Denken gegründeten IchBewusstseins hat sich der Mensch von der Welt gelöst. Rudolf Steiner führt aus: «Die alltägliche sinnliche Welt ist zur ‹Illusion› geworden, weil das selbstbewusste Ich im Laufe der philosophischen Entwicklung mit seinen Innenerlebnissen sich immer mehr in sich selbst isoliert gefunden hat. Es ist dazu gekommen, selbst in den Wahrnehmungen der Sinne nur Innenerlebnisse zu sehen, die in sich selbst keine Kraft verraten, durch die ihnen Dasein und Bestand in der Wirklichkeit verbürgt werden könnte.»[4] Nicht nur die Gedanken sind subjektive Innenerlebnisse geworden, auch die Wahrnehmungen der Sinne gelten nun als subjektiv. Dies ist im Anschluss an Kant auch die Auffassung der Philosophie des Konstruktivismus. Der Mensch ist vom Grund der Dinge prinzipiell geschieden. Steiner führt zudem in dem Zitat an, dass die subjektiven Innenerlebnisse, die Kräfte der Welt nicht mehr erreichen. Sie sind in sich selbst kraftlos.

In der mythischen Zeit des alten Griechenlands haben die Menschen denkendwahrnehmend an den Kräften der Welt partizipiert, nun ist das menschliche Bewusstsein auf sich selbst zurückgeworfen. Das ist die Basis des gegenwärtigen Selbstbewusstseins. Das ist nicht nur die steinersche Perspektive, das findet sich wie angeführt auch bei Kant und beispielsweise bei Jean-Paul Sartre. Sartre führt an: «In diesem Sinne kann man sagen, dass die Vorstellung ein gewisses Nichts enthält. […] Wie lebhaft, eindrucksvoll und stark eine Vorstellung sein mag, sie gibt ihr Objekt als nicht seiend.»[5] Das moderne Vorstellungsbewusstsein vermittelt lediglich ein Bild der Welt, nicht das Sein. Es ist ein Nichts, wie Sartre bemerkt. Rudolf Steiner bemerkt ähnlich in den Vorträgen zur «Allgemeinen Menschenkunde», dass die Vorstellung nur ein Bild vermittle und nicht die Wirklichkeit selbst.[6]

 

Psychologische Einsamkeit

Der neuzeitliche Mensch hat sein Selbstbewusstsein zum Preis des Welt- bzw. Wirklichkeitsverlusts gewonnen. Damit einher gehen massive psychologische Belastungen, die die gesamte moderne Zivilisation prägen: Einsamkeit, Verzweiflung, Ängste, Entfremdung und Depressionen. Der Gebrauch von Psychopharmaka ist inzwischen so weit gestiegen, dass sich beispielsweise das Medikament Prozak im Abwassersystem der Großstädte der westlichen Welt nachweisen lässt.[7] Es gibt einen Verzweiflungsgrund in der modernen Menschheit, der mit dem Gefühl von Leere und Nichts einhergeht, von dem auch Sartre spricht. Erwachsene haben mehr oder minder gelernt, damit umzugehen. Aber Jugendliche sind dem erstmalig, wenn sie ihr Selbstbewusstsein entdecken, exponiert. Sie erfahren das Getrenntsein von den Dingen und sind erstmalig in ihre existenzielle Einsamkeit hineingestellt. Das ist ein Abgrund, in den sie blicken. Das geschieht mehr oder minder intensiv, je nach der biografisch-psychologischen Verfasstheit, der sozialen Einbettung, der Ausstattung mit Begabungen und auch der pädagogischen Rahmung. Das sind ggf. Ressourcen, die zur Verfügung stehen.

Auch die Kunst setzt sich mit diesen Erfahrungen auseinander. Goethe lässt seinen Faust an der nicht gelingenden Weltteilhabe scheitern: «Weh! steck ich in dem Kerker noch? / Verfluchtes dumpfes Mauerloch, / Wo selbst das liebe Himmelslicht / Trüb durch gemalte Scheiben bricht!»[8] Und auch die romantische Kunst beispielsweise in der Poesie Hölderlins beklagt die entgötterte Welt: «Täglich geh’ ich heraus, und such’ ein Anderes immer, / Habe längst sie befragt alle die Pfade des Lands; / Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch’ ich, / Und die Quellen; hinauf irret der Geist und hinab, / Ruh’ erbittend.»[9] Die Dryaden und Nymphen haben sich aus der Welt des modernen Bewusstseins zurückgezogen. Auf dieser Basis entsteht in der Bewusstseinsentwicklung das emanzipierte und liberalisierte Selbstbewusstsein des Menschen. Es hat sich notwendig aus der Weltverbindung lösen müssen, um in sich Autonomie zu erfahren. Aber in der Tiefe gibt es einen Grund der Weltverbindung. Rudolf Steiner führt an: «Es wird erkannt, dass dieses selbstbewusste Ich nicht in sich isoliert und außerhalb der objektiven Welt sich erlebt, dass vielmehr sein Losgelöstsein von dieser Welt nur eine Erscheinung des Bewusstseins ist, die überwunden werden kann, überwunden dadurch, dass man einsieht, man habe als Mensch in einem gewissen Entwicklungszustande eine vor- übergehende Gestalt des Ich dadurch zu zeigen, dass man die Kräfte, welche die Seele mit der Welt verbinden, aus dem Bewusstsein herausdrängt. Wirkten diese Kräfte unaufhörlich in dem Bewusstsein, dann käme man nicht zum kraftvollen, in sich ruhenden Selbstbewusstsein. Man könnte sich als selbstbewusstes Ich nicht erleben. Es hängt also die Entwicklung des Selbstbewusstseins geradezu davon ab, dass der Seele die Möglichkeit gegeben ist, die Welt ohne den Teil der Wirklichkeit wahrzunehmen, welchen das selbstbewusste Ich auf einer gewissen Stufe, auf derjenigen, die vor seiner Erkenntnis liegt, auslöscht.»[10] Der moderne Mensch drängt die Kräfte, die ihn mit der Welt verbinden, aus seinem Bewusstsein heraus. Sie existieren nur noch vorbewusst.

 

Anthroposophie

Wie geht nun die Anthroposophie mit diesem Bewusstseinsumschwung um, dass die Welt in ihren spirituellen Gründen nicht mehr erfahrbar ist? Kritiker (bspw. Heiner Ullrich) werfen ihr vor, dass sie voraufklärerisch sei und ein altes längst vergangenes mythisches Bewusstsein wiederum heraufbeschwöre und damit die Wissenschaftlichkeit des modernen Bewusstseins unterlaufe. Das war nicht Steiners Anliegen. Er würdigt den Bewusstseins- und auch Gesellschaftsfortschritt der Aufklärung. Er würdigt den Gewinn eines freien und unabhängigen Selbstbewusstseins, auf dessen Grundlage kirchliche und feudalistische Bevormundung und Unterdrückung gebrochen worden sind. Das aufgeklärte, kritische, auf Rationalität beruhende Selbstbewusstsein der Moderne wird als Gewinn betrachtet. Steiner hat den Versuch gestartet, die moderne Rationalität, die nach Kant mit Spiritualität unvereinbar ist, mit dieser wiederum zusammenzuführen. Ein freiheitliches Selbstbewusstsein und eine spirituelle Welt- bzw. Wirklichkeitsteilhabe sollen sich nicht ausschließen.

Wie ist Steiner dabei vorgegangen? Seine Anthroposophie ruht auf zwei unterschiedlichen Säulen: Goethe und Fichte (und im Anschluss an Fichte: Novalis). Steiners zuerst erschienene philosophische Schriften sind 1886 «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung» und sechs Jahre später 1892 «Wahrheit und Wissenschaft», welches zugleich die Veröffentlichung seiner Doktorarbeit ist. In seiner Goetheschrift erläutert er den anschauungsgegründeten Erkenntnisansatz Goethes, der die Welt nicht allein in abstrakt-theoretischen Begriffen auffasst, sondern auf der Basis eines möglichst vorstellungsabstinenten, phänomenologisch -intensivierten Weltzugangs zu den Kräften der Erscheinungswelt zu führen verspricht. Goethe nennt dies «Anschauende Urteilskraft».[11] Sie führt dem Ideal nach zur Wiedergewinnung einer spirituellen Weltteilhabe auf der Basis eines nicht allein rationalisierenden, sondern beobachtenden Bewusstseins. Es heißt bei ihm: «[…] dass wir uns, durch das Anschauen einer immer schaffenden Natur, zur geistigen Teilnahme an ihren Produktionen würdig machten.»[12] – In seiner zweiten Schrift «Wahrheit und Wissenschaft» verfolgt Steiner einen komplementären Ansatz. Auf Basis der idealistischen Philosophie der «intellektuellen Anschauung» geht es um eine ebenfalls nicht rationalisierende, sondern beobachtende Selbstvergegenwärtigung der Bewusstseinsvollzüge. Fichte hat diesen Weg beispielhaft beschritten. Er hat sein eigenes Denken beobachtet. Dabei hat er eine Erfahrung gemacht, die für ihn revolutionär gewesen ist und sein gesamtes philosophisches Werk fortan geprägt hat. Während Descartes die Selbstaktivität des Denkens («ich denke») als gegebene Tatsache beschreibt und dann auf die Existenz des Ich schließt («also bin ich»), gelingt es Fichte, sein gegenwärtiges Denken in actu und dabei die Selbst-Setzung des Ich zu beobachten. Es heißt: «Also das Setzen des Ich durch sich selbst ist die reine Thätigkeit desselben. – Das Ich setzt sich selbst, und es ist, vermöge dieses bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt: das Ich ist, und es setzt sein Seyn, vermöge seines blossen Seyns. – Es ist zugleich das Handelnde, und das Product der Handlung; das Thätige, und das, was durch die Thätigkeit hervorgebracht wird.»[13] In der Geistesgeschichte der Menschheit wird dem Prinzip der Gottheit die Schaffung des Universums zugeschrieben. Aber das Göttliche muss sich auch zugleich selbst geschaffen haben, denn wäre Gott von einer anderen Instanz geschaffen worden, so wäre dies die eigentliche Gottheit. Die ontologische Begründung der Welt und die Selbstbegründung ist das Prinzip des Göttlichen. Im denkaktiven menschlichen Ich erblickt Fichte nun ebenso eine sich selbst begründende Instanz. Das ist das, was ihn so fasziniert hat. Denn ein der spirituell ontologischen Sphäre der Welt dualistisch entzogenes Selbstbewusstsein beobachtet in der Kraft des Denkens einen eigenen ontologischen Daseinsgrund. Dieser zeigt sich aber allein dem Denkvollzug und nicht dem Denkinhalt, auf den das Bewusstsein gewöhnlich gerichtet ist. Rudolf Steiner schreibt entsprechend: «Das ist die eigentümliche Natur des Denkens, dass der Denkende das Denken vergisst, während er es ausübt. Nicht das Denken beschäftigt ihn, sondern der Gegenstand des Denkens, den er beobachtet.»[14] Wenn nun aber das Denken als Aktivität selbst betrachtet wird, dann wird die ontologische Kraftseite des Denkens erfahrbar und es fallen Subjekt und Objekt monistisch zusammen. Denn das Betrachtende und Betrachtete sind eines Ursprungs. Rudolf Steiner schreibt in seiner «Philosophie der Freiheit» in einer eigentümlichen Parallelformulierung zu Fichte: «Für jeden aber, der die Fähigkeit hat, das Denken zu beobachten – und bei gutem Willen hat sie jeder normal organisierte Mensch –, ist diese Beobachtung die allerwichtigste, die er machen kann. Denn er beobachtet etwas, dessen Hervorbringer er selbst ist; er sieht sich nicht einem zunächst fremden Gegenstande, sondern seiner eigenen Tätigkeit gegenüber.»[15] Diese Erfahrung war für Fichte und für Steiner überwältigend. Es ist im Bilde gesprochen so, als würde aus gemeinem Kohlenstoff (gewöhnliches Bewusstsein der Denkinhalte) ein Diamant entstehen (Selbstdurchleuchtung des Denkvollzugs).

Steiners Anthroposophie ruht auf diesen zwei Säulen: auf der beobachtenden Erschließung der Kraftseite der Welt und auf der ebenfalls beobachtenden Erfassung der Kraftseite des Denkens. Goethe und Fichte haben jeweils nur die eine Seite gesehen und nicht ins Auge gefasst, dass beide Kräfte einen gemeinsamen Ursprung haben. Goethe bleibt bei der spirituellen Naturerfahrung stehen und kennt nicht (ausgenommen in der Erfahrung der Kunst) die Bewusstseinsseite, während Fichte sich auf die spirituelle Denkerfahrung beschränkt und nicht die ontologische Weltseite auffasst, die ihm lediglich als Nicht-Ich erscheint. Die Verbindung beider Erfahrungen hatte Novalis im Blick, an den Rudolf Steiner anknüpft. Novalis führt in seinen Fichte-Studien zur geistigen Erfahrung des Denkens. Es heißt in dem berühmten Ausspruch: «Nach Innen geht der geheimnißvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.»[16]

In den sogenannten Grundsteinmeditationen, die Rudolf Steiner mit der Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft verbunden hat, werden die beiden Säulen oder besser Übformen eines anthroposophischmonistischen Bewusstseins mit den Bildern der Hirten (für die goethesche Beobachtung der Naturerscheinungen) und Könige (für die fichtesche Beobachtung des Denkens) beschrieben.

 

Vorstellungsbewusstsein

Die oben beschriebene Bewusstseinsform der Beobachtung des Denkens wird von Rudolf Steiner in seiner «Philosophie der Freiheit» als «Ausnahmezustand»[17] dargestellt. Sie ist dem gewöhnlichen Bewusstsein, das auf Vorstellungen der Wirklichkeit beruht, nicht gegeben. Rudolf Steiner übt daher Kritik an einem dualistisch verfassten Vorstellungsbewusstsein, das er für nicht wirklichkeitsfähig erachtet, (worin er im Übrigen mit Kant einig ist). Es bildet allerdings einen notwendigen Durchgangspunkt, weil nur auf dessen Grundlage der Gewinn des Selbstbewusstseins möglich geworden ist. Es kann durch meditative Schulung so transformiert werden, dass in den gebildeten Vorstellungen nicht nur die Bilder der Welt vergegenwärtigt werden, sondern die darin denktätig aktivierte Bildekraft, die den unbewussten Ursprung jeder Vorstellung ausmacht, erfahrbar wird. Rudolf Steiner dazu: «Man kann Vorstellungen, die man durch die Sinnes-Erlebnisse gewonnen hat, so im Bewusstsein halten, dass man in ihnen das Nachbilden der sinnenfälligen Wirklichkeit erlebt. Und man kann sie auch so erleben, dass man die Kraft in der Seele wirksam sein lässt, die sie in derselben durch dasjenige ausüben, was sie sind, abgesehen davon, dass sie ein Sinnliches abbilden.»[18] Er führt dann aus: «Die der Vorstellung durch ihr eigenes Wesen entsprechende Entwicklung ist die, in der Entwicklung der Seele als Kraft zu wirken.»[19] Allerdings muss diese Kraftseite im fichteschen Sinne vergegenwärtigt werden. Es ist eine Kraft wie die Strömungen des Meeres. Und die Vorstellungen sind wie das Wellenschlagen an den Strand unseres Bewusstseins. 

 

Künstliche Intelligenz

Was haben diese Betrachtungen nun mit künstlicher Intelligenz zu tun? Der Hype um die Leistungsfähigkeit der KI geht mit einer oft durchaus unbewussten Geringschätzung der menschlichen Intelligenz einher. Unbewusst deshalb, weil gegenwärtig allein die rationale Vorstellungsform für Denken angesehen wird. Die künstliche Intelligenz bildet nur diesen Teil menschlicher Intelligenz ab. Sie bezieht sich in ihrem Intelligenzkonzept wesentlich auf ein kognitiv verstandenes Ordnungsvermögen, das in der Lage ist, Muster zu erkennen, logische Schlüsse zu ziehen und (auf Basis entsprechender Intelligenztests) skalierbare Output-Produktionen zu erzeugen. Es ist eine (zugegebenermaßen) blitzschnelle Kombinatorik vorhandener Vorstellungsformen. Die maschinelle Intelligenz kennt in den Inhalten, die sie wiedergibt, keine selbstaktive Denkkraft. Damit begibt sie sich allein in Konkurrenz mit einem traditionellen Bildungsverständnis. Die schulische und auch universitäre Bildung der Gegenwart in ihren systemischen Organisationsformen (Abschlussorientierung, Prüfungsformen und -bewertungen, Bolognaprozess usw.) kennt das eigentliche multidimensionale Leistungsspektrum der menschlichen Intelligenz nicht und integriert es daher nur ungenügend in ihre Lernformen. Es geht allein um die möglichst schnelle Akkumulation von Vorstellungsinhalten (input) und die situationsgerechte (bspw. in Prüfungen) Wiedergabe (output) derselben.

Die menschliche Intelligenz ist auf dem bewussten Ich-Vollzug gegründet. Ein vorstellendes Bewusstsein und mit ihm die KI erscheinen gegenüber dieser Vollzugskraft des Ich wie Luftgitarrespielen. Es ist ein Nachahmen der Intelligenz, aber keine echte menschliche Intelligenz. Es ist eine naive Hybris, die annimmt, KI könne mehr leisten als menschliche Intelligenz. Ähnlich einem Kind, das beim Fußballspielen ein Messi-T-Shirt trägt und nun in naiver Freude glaubt, es spiele wie sein Idol. Eine echte Bildung, die von einer genuinen menschlichen Intelligenz ausgeht, trägt ein eigenes Gewand,

Menschliche Intelligenz ist selbsttätige, prozessuale, sich selbst hervorbringende und begründende Intelligenz, die daher nicht nur an Ergebnissen gemessen werden kann. Dies ist das grundlegende Problem eines vorwiegend output-orientierten Prüfungswesens, das mit normierten Notenskalen arbeitet. Menschliche Intelligenz, da sie vom Ich hervorgebracht wird, bringt im gleichen Zuge die menschliche Persönlichkeit hervor. Sie ist wie ein Muskel, der durch Betätigung erst entsteht und – das ist die Gefahr der Gegenwart – bei Nichtbetätigung verloren geht. Sie ist daher eine transformatorische, d. h. das Subjekt verändernde Intelligenz.

Menschliche Intelligenz ist vor allem auch (selbst)kritische und reflektierte Intelligenz. Das ist der große Gewinn der Aufklärung, dass die Fähigkeit erwacht ist, in ein autonomes, kritisches Verhältnis zu den eigenen Denkinhalten zu treten. Das gelingt aber nur einer Intelligenz, die nicht allein an die schon hervorgebrachten Denkinhalte gebunden ist, sondern den Denkvollzug selbst ins Bewusstsein heben kann. Schon die sokratische Hebammenkunst des Fragens und Kants Ruf sapere aude haben den Grund für diese kritische Selbstvergegenwärtigung des Denkens gelegt. Maschinen verfügen über kein Ich, sie können sich daher nicht selbstkritisch betrachten.

Menschliche Intelligenz ist dem Prinzip nach verantwortliche Intelligenz, denn es gibt eine Person, die mit dem, was sie denkt, auch verbunden ist. Indem das menschliche Ich monistisch erfährt, wie es sich im Denken selbst hervorbringt, tritt es aus dem Dualismus von bloß vorstellungsförmig aufgenommenen Denkinhalten heraus, und sieht sich initiativ für die Konsequenzen seines Denkens verantwortlich. Damit ist menschliche Intelligenz zugleich moralisch. Sie ist soziale und ökologische Intelligenz.

Menschliche Intelligenz ist zudem erfahrungs-, sinnes-, leibvermittelte und leibbasierte Intelligenz. Es ist durch die Embodiment-Forschung deutlich geworden, wie Bewusstsein und Leib miteinander verbunden sind. Ein abstraktes, leib- und damit weltunabhängiges Bewusstsein ist immer auch dualistisch verfasst. Ein leibintegrierendes Bewusstsein agiert weltverbunden und im bereits ausgeführten Sinne auch weltverantwortlich. Eine nicht erfahrungsbasierte Intelligenz, und das ist die große Hybris unserer Zeit, ist gefährlich, weil sie die Konsequenzen ihres eigenen Agierens nicht absehen kann. Erst der Leib verbürgt Wirklichkeit und sagt, was wirklich ist. Das berührt auch das christliche Mysterium von der Fleischwerdung des Wortes. Es ist in gewisser Weise die spirituelle Seite des Embodiment. Erst ein Denken, das durch die Sinne und den Leib gegangen ist, das im Willen ergriffen wurde, verwandelt eine göttliche Intelligenz in eine menschliche Intelligenz.

Menschliche Intelligenz ist in der Konsequenz auch praktische Intelligenz. Dies ist eine entscheidende Bildungserfahrung, die Weltsicherheit vermittelt. Insbesondere schulische Prozesse müssen sich daran messen lassen, wieviel praktisches Anwendungswissen, wie viele praktische Fähigkeiten vermittelt werden. Eine frühzeitige abstrakte Wissensvermittlung führt zu Weltverlust und Unsicherheit.

Zuletzt sei angeführt, dass menschliche Intelligenz eine (mit)fühlende, persönliche Intelligenz ist. Sie ist damit auch eine originell ästhetische Intelligenz. Im Zuge des wissenschaftlichen Denkens ist ein gewisser Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt in die Bewusstseinskultur eingezogen. Rationale Objektivität gilt als allein wissenschaftlich und das subjektive Fühlen gilt als unwissenschaftlich und daher problematisch. Daraus folgt dann auch die Zurückweisung animistischer Weltbilder. Diese Geringschätzung gegenüber dem menschlichen Fühlen hat schon Joseph Weizenbaum mit Blick auf die KI kritisiert: «Dass die Artificial-Intelligence-Elite glaubt, Gefühle wie Liebe, Kummer, Freude, Trauer und alles, was die menschliche Seele mit Gefühlen und Emotionen aufwühlt, ließen sich einfach mir nichts dir nichts in einen Maschinenartefakt mit Computergehirn transferieren, zeigt, wie mir scheint, eine Verachtung für das Leben, eine Verleugnung ihrer eigenen menschlichen Erfahrung, um es vorsichtig auszudrücken.»[20] Und interessanterweise macht Thomas Fuchs darauf aufmerksam, dass mit der KI ein neuer Animismus einsetzt, der daher rührt, dass Weltentfremdung und die daraus folgende innere Leere kompensiert werden: «Wir versuchen, eine innere Leere zu kompensieren, indem wir durch die Spiegelung unserer selbst in anthropomorphen Maschinen, in digitaler Intelligenz und in virtuellen Bildern ein ideales Selbstbild erschaffen.»[21] Maschinen werden mit Seele ausgestattet, weil wir ein wissenschaftliches Bewusstseinsideal haben, das der eigenen Seele keinen Raum mehr gibt. Maschinen können keine Schönheit empfinden, kein Mitleid, keine Gerechtigkeit und keinen Sinn. Dies kann nur eine fühlende Seele. Die Tiefenschichten der Seele aber, der Seelengrund wird aus den Höhen der Einsicht gebildet, mit denen sich das denkaktive Ich in seinen Idealen und Werten verbindet und daraus seine transformative Substanz bezieht.

 

Pädagogische Aspekte

Die von Rudolf Steiner begründete Waldorfpädagogik ruht auf der Anthroposophie in dem Sinne, dass sie von ihr ein genuin eigenes Bildungsverständnis bezieht. Wie dargelegt, ist die gegenwärtige schulische und akademische Bildung recht vorstellungslastig. Es werden eher Wissens- und Vorstellungsinhalte als Vollzugsformen vermittelt. In ihren normierten Prüfungsformen ist sie ergebnis- und nicht prozessorientiert. In ihren Selektionsmechanismen berücksichtigt sie nicht individuelle Lernformen und vor allem auch nicht individuelle Lerntempi. In dieser Ausrichtung muss eine konventionelle Pädagogik tatsächlich eine Gefährdung in der KI erblicken. Denn die KI ruht auf Vorstellungen und deren Kombinatorik und so lange diese in Bildungsprozessen priorisiert werden, werden solche Bildungsformen gegenüber der KI über kurz oder lang unterlegen sein. Die Waldorfpädagogik ist davon im Prinzip (allerdings nicht in der schulischen Wirklichkeit) unbetroffen. Denn sie verfolgt von vornherein ein differentes Bildungsanliegen. Sie knüpft in ihrem Lern-/Lehrverständnis an Steiners ursprüngliche Intentionen an, indem sie im goetheschen Sinne einen erfahrungs-, sinnes- und leibbasierten Zugang zu den Welterscheinungen didaktisch arrangiert. Sie ist daher phänomenologische Pädagogik. Und auf der anderen Seite sind ihre Lernformen prozessorientiert, sie sind handlungs- und vollzugsorientiert. Damit bereitet sie, ohne zu früh in die Introspektion hineinzuführen, eine Selbstgewissheit eigener Tätigkeitserfahrungen (im fichteschen Sinne) vor. Alles was die Schülerinnen und Schüler lernen, sollen sie selber erfahren (Goethe) und selber tun (Fichte). So kann ein Mantram der Waldorfpädagogik lauten.

Die Schülerinnen und Schüler verbinden sich dabei ästhetisch und moralisch erlebend mit den Lerninhalten und übernehmen in Projekten konkrete praktische Verantwortung. Es soll keine Lerninhalte geben, mit denen sich die Kinder und Jugendlichen nicht erlebend verbinden können, insofern wird mit der Anwesenheit des Ich im Lernprozess gerechnet. Dies erst führt zu dem Bewusstsein moralischer Verantwortung.

Die Waldorfpädagogik ist Ich-Pädagogik und sie ist Willens-Pädagogik und damit konkurrenzlos gegenüber einer Vorstellungspädagogik, die der KI leicht zum Opfer fällt. Dies ist – wie angeführt – eher prinzipiell gesprochen. In der Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen und im schulischen Alltag sind die Möglichkeiten und Anreize einer von der KI mehr und mehr revolutionierten Medien- und auch Alltagswelt allenthalben gegenwärtig. Auch die Waldorfpädagogik will und muss Vorstellungs- und Wissensinhalte als Lernergebnisse hervorbringen. Vorstellungen haben den Vorteil, dass sie erinnerbar sind, sie sind damit speicher- und ebenfalls reproduzierbar. Dies ist das Terrain der KI. Weil Vorstellungen erinnerungsförmig sind, gibt es überhaupt eine KI. Vorstellungen sind nicht nur Bilder der Welt, es sind unbewusste Erinnerungen an die nur im Vollzug erfahrbaren Bewegungen des Denkens. Da sie gedächtnisförmig abrufbar sind, was für das reine Denken nicht gilt, können sie auch elektronisch kodiert abgespeichert und dann vom Vorstellungsvermögen des Menschen wieder dekodiert werden, sodass die qualitativen Unterschiede zwischen analoger und digitaler Welt immer mehr verschwimmen.

Auf diesem Gebiet leistet die KI allerdings Großartiges und Faszinierendes und stellt eine große Hilfe dar. Daher sollte sie ohne Zweifel als methodisches Instrument altersangemessen eingesetzt werden. Sie ist komfortabel und schnell und inzwischen recht zuverlässig in vorgegebenen Settings. Sie ist ähnlich einem motorisierten Fahrzeug, das uns die Bewegung abnimmt und schnell zum Ziel führt. So wie wir aber unsere Muskelkraft und Lauffähigkeit verlieren, wenn wir uns nur fahren lassen, ebenso verlieren wir unsere Denkvollzugskraft, wenn wir nur medial vermittelte Vorstellungsformen aufnehmen. So schön es ist, überall und jederzeit elektronisch vermittelte Musik zu hören, so wenig lernt man dadurch selber zu musizieren. Das muss aber das Ziel der Bildung sein, dass die Kinder und Jugendlichen ihre eigene Kreativität und Denkfähigkeit genuin aktivieren. Daher gilt im Sinne einer verantwortlichen Medien- und KI-Pädagogik der Satz: So spät, so begleitet, so selektiv und so produktiv wie möglich sollen Kinder und Jugendliche mit elektronischen Medien und KI umgehen lernen. Es gilt im Sinne des kindlichen Bewusstseinsschutzes nicht: je früher, desto besser,; sondern: je später, desto gesünder und nachhaltiger.

 

Schluss

Die Anthroposophie und mit ihr die Waldorfpädagogik setzen konsequent auf die Vollzugsform des menschlichen Ich, das sich erst allmählich entwicklungsbiografisch heranbildet. Aus den genuinen Vollzugformen des Ich gehen erst die Vorstellungsformen hervor. Rudolf Steiner hat (im Sinne seiner Freiheitsphilosophie) eigentlich kaum Imperative ausgesprochen. Insbesondere in der Waldorfpädagogik wollte er keine moralischen Verordnungen erteilen. Aber gegenüber den Lehrpersonen hat er einen sehr strengen Imperativ ausgesprochen, sinngemäß: Tragen Sie keine fertigen Schlüsse in den Unterricht, tragen Sie keine fertigen Vorstellungen, keine toten und abstrakten Begriffe in den Unterricht. Tragen Sie Fantasie und lebendige Begriffe in den Unterricht.[22] Er appelliert damit in den Lern- und Lehrformen der Waldorfpädagogik an die genuine Kraft lebendigen Denkens, an das Vollzugsbewusstsein, welches die ursprüngliche Kraft des Ich ist, von der die Vorstellungen nur ein Bild wiedergeben.

Diese Kraftentfaltung des Denkens ist ein spiritueller Prozess, auf den die Anthroposophie als Schulungsweg ausgerichtet ist. Es heißt bei Rudolf Steiner: «Viele von Ihnen haben das Denken verachten gelernt, weil es Ihnen nur als passives Denken entgegengetreten ist. Das gilt aber nur vom Kopfdenken, bei dem das Herz des Menschen nicht dabei ist. Aber versuchen Sie es einmal mit einem aktiven Denken, dann werden Sie sehen, wie dabei das Herz engagiert wird. Am intensivsten kommt der Mensch unserer Epoche in die geistige Welt hinein, wenn es ihm gelingt, das aktive Denken zu entwickeln. Denn durch das aktive Denken kommen wir dazu, in den Gedanken wiederum herzhafte Kräfte zu haben.»[23] In der Aktvierung des Denkens, indem es nicht allein als (Vorstellungs-)Inhalt, sondern als Vollzug ergriffen wird, kann die spirituelle Kraftseite der Welt, die im Griechentum – wie Rudolf Steiner darlegt – wahrgenommen wurde und die in der Neuzeit mit dem Gewinn des menschlichen Selbstbewusstseins verloren ging, nun selbstbewusst neu bzw. wiedergewonnen werden. Darin verbinden sich die moderne Rationalität und eine ebenso moderne Spiritualität.

 

 

Prof. Dr. Jost Schieren, geb. 1963. Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Bochum und Essen. Gaststudent in Ann Arbor (Michigan, USA). Promotion zum Thema «Anschauende Urteilskraft. Methodische und philosophische Grundlagen von Goethes naturwissenschaftlichem Denken». 1996 bis 2006 Deutschlehrer an der Rudolf-Steiner Schule in Dortmund und von 2004 bis 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Paderborn. Seit 2008 Professor für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Waldorfpädagogik und Dekan des Fachbereichs Bildungswissenschaft an der Alanus Hochschule in Alfter. Projekte: www.interna tional-campus-waldorf.com; www.rosejourn.com; www.ars-studien.de

 


[1] Rudolf Steiner: Die Impulsierung des weltgeschichtlichen Geschehens durch geistige Mächte. (GA 222), Dornach 11.–23.3.1923, S. 45f.; Hervorhebung JS.

[2] Ebd.

[3] Rudolf Steiner: Die Rätsel der Philosophie. (GA 18) Dornach 2010, S. 19; Hervorhebung JS.

[4] Ebd., S. 494.

[5] Jean-Paul Sartre: Das Imaginäre. Phänomenologische Psychologie der Einbildungskraft. Reinbek 1980, S. 57.

[6] Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik. (GA 293), 3. Vortrag.

[7] Vgl. gwf-wasser.de/glossary/fluoxetin/ (Aufruf: Januar 2026).

[8] Goethe: Faust. Szene Nacht, Zeile 398–401.

[9] Hölderlin: Menons Klagen um Diotima. https://www.projektgutenberg.org/hoelderl/gedichte/chap110. html (Aufruf: Januar 2026).

[10] Rudolf Steiner: Die Rätsel der Philosophie. A .a. O., S. 499.

[11] Vgl. Jost Schieren: Anschauende Urteilskraft. Methodische und philosophische Grundlagen von Goethes naturwissenschaftlichem Erkennen. Düsseldorf, Bonn 1998.

[12] Johann Wolfgang von Goethe: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. München 1976, Bd. 13, S. 31.

[13] Johann Gottlieb Fichte: Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre. In Reinhard Laut, Hans Jacob (Hg.): J. G. Fichte Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. S. 96.

[14] Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit. Berlin 1918. 3. Kapitel, S. 42.

[15] Ebd., S. 45.

[16] Novalis: Die Christenheit oder Europa und andere philosophische Schriften. Köln 1996, S. 103., «Blüthenstaub».

[17] Rudolf Steiner: Ebd., 3. Kapitel, S. 42.

[18] Rudolf Steiner: Von Seelenrätseln. (GA 21), Dornach 1983. S. 23.

[19] Ebd., S. 24.

[20] Joseph Weizenbaum: Computermacht und Gesellschaft. Frankfurt/M. 2001, S. 42.

[21] Thomas Fuchs: Verkörperung und Beziehung. Für einen zeitgemäßen Humanismus. Erich Fromm-Lecture 2023. https://fromm-online.org/wp-content/uploads/secondary titles/Fuchs_T_2024.pdf (Aufruf: Januar 2026).

[22] Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde. A. a. O., 9. Vortrag.

[23] Rudolf Steiner: Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben von alter und junger Generation. Pädagogischer Jugendkurs. (GA 217), Dornach 1988, S. 126f.

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