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VON DEM EINFACHEN LEBEN ZU RILKES «ARCHAÏSCHER TORSO APOLLOS»

von Thanassis Lambrou | 03/22/2026

Wir aber wollen die Dichter unseres

Lebens sein, und im Kleinsten und Alltäglichsten zuerst.

Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

 

Das Sonett «Archaïscher Torso Apollos» ist in den «Neuen Gedichten» enthalten. Es ist das erste Gedicht des zweiten Teils («Der Neuen Gedichte anderer Teil»), der gegen Ende des Jahres 1908 veröffentlicht wurde, als der Dichter dreiunddreißig Jahre alt war, und den er dem französischen Bildhauer Auguste Rodin gewidmet hat. Der Titel «Neue Gedichte» bedeutet, dass hier eine neue Sprache, ein neuer Blick, eine neue Sichtweise erprobt wird. Neue Gedichte: Ich nähere mich den Dingen auf eine neue Weise, ich bemühe mich, sie so auszudrücken, als könnten sie sprechen, ich lasse mich selbst beiseite und öffne mich der Welt und den Dingen in ihrer offensichtlichen Gegenwart, in ihrem reinen Scheinen. In einem Brief an Lou Andreas-Salomé vom 10. August 1903 schreibt Rilke, dass es nunmehr seine ganze Bemühung sei, «nicht plastische, geschriebene Dinge, sondern Wirklichkeiten, die aus dem Handwerk hervorgehen» zu schaffen. Dies ist das programmatische Diktum, das er anwenden wird. Er hat nicht mehr die Absicht, äußerlich das eine oder andere Ding zu beschreiben, sondern will versuchen, vom Standpunkt des Dinges selbst aus zu sprechen, sich in die Faszination eines Dinges zu begeben und ihm eine Stimme zu leihen, es sprechen zu lassen.

Das Sonett «Archaïscher Torso Apollos» handelt von einem Kunstwerk, einer Skulptur aus griechischer archaischer Zeit. Es geht um ein Fragment, um das, was von der Statue übriggeblieben ist, von der Kopf, Genitalien, Arme und Füße halb oder ganz fehlen. Alles, was übrigblieb, ist ein Torso, ein verstümmeltes Stück Marmor, wie so oft bei Skulpturen aus der griechischen Antike, die von der allmächtigen Zeit oder dem menschlichen Fanatismus, einem der häufigsten Aspekte der Barbarei, zerstört wurden.

Archaisch hängt mit dem griechischen Substantiv arché (Ursprung, Anfang, Beginn, auch Herrschaft, Amt) zusammen, welches von dem Verb árchein abgeleitet wird, dessen Grundbedeutung «vorangehen, anfangen, der Erste sein» ist. Einer macht den Anfang, andere schließen sich an und folgen nach. Er ist also nicht nur zeitlich, sondern zugleich dem Rang nach der Erste. Daher hat árchein auch die Bedeutung herrschen. Demgemäß ist mit arché meist der Anfang von etwas gemeint, also das zeitlich Erste, das Ursprüngliche, welches seiner Natur nach seinen Wirkungen überlegen ist. Dieses zeitliche Nacheinander bedeutet allerdings nicht, dass das Anfängliche dem Späteren Platz gemacht und sich dabei aufgelöst hat und verschwunden ist. Vielmehr behält das Ursprüngliche dauerhaft seinen Ort und seine vorrangige Bedeutung. Das Adjektiv «archaisch» meint im Titel des Sonetts nicht das Veraltete und Überholte, das Altertümliche, das Primitive, sondern im Gegenteil das Mustergültige, das Exemplarische, das Elementare und Aussagekräftige, das Herrschende.

Beide Teile von Rilkes «Neuen Gedichten» beginnen mit einem Sonett, das Apollon gewidmet ist. Ihr Thema ist der Gott Apollon, der Gott des Lichts, der Poesie und der Weissagung. Beide Teile stehen in einer gewissen Korrespondenz und stellen Griechenland in den Mittelpunkt. Griechenland ist kein geographischer Ort. Es ist vielmehr der Anfang, der Ursprung, eine selige Sehnsucht nach dem wahren Leben. Es ist der Aufgang des Geistes als Geschenk, als Weg und Entscheidung, als innige, lebendige Fülle. Beide Teile der «Neuen Gedichte» enthalten viele Gedichte, die mit Griechenland, aber auch mit dem Alten und dem Neuen Testament in unmittelbarem Bezug stehen. Es ist unsere geistige Tradition, deutet Rilke an, unerschöpflich und immer wieder neu, Tau, frischer Morgenwind für alle, welche Augen und Ohren haben und sie benutzen. Nur wenn wir uns in diese große Tradition vertiefen, uns mit Bescheidenheit und Hingabe vor ihr hinknien, werden wir uns besser kennen und erkennen. Welche «wir»? Wir alle, die sich in der großen abendländischen Kultur, welche heute beinah in Vergessenheit geraten ist, heimisch fühlen, ja zu Hause sind. Was müssen wir wieder vollbringen, was können wir noch retten, damit diese erhabene Kultur lebendig bleibt und weiterlebt? Denn sie ist die Quintessenz unseres Daseins, welche sich mit Mühe und Not in Jahrtausenden herauskristallisiert und geformt hat. Sie ist unser kostbarster Schatz.

Obwohl es sich nur um ein Fragment handelt, steht der archaische Torso noch immer solide da, als würde er von einer unsichtbaren inneren Kraft getragen. An diese Kraft erinnert Rilke in seinen «Duineser Elegien». Gegen Ende der «Zweiten Elegie» heißt es:

 

Erstaunte euch nicht auf attischen Stelen die Vorsicht

menschlicher Geste? war nicht Liebe und Abschied

so leicht auf die Schultern gelegt, als wär es aus anderm

Stoffe gemacht als bei uns? Gedenkt euch der Hände,

wie sie drucklos beruhen, obwohl in den Torsen die Kraft steht.[1]

 

Hier, im Sonett «Archaïscher Torso Apollos», wird zwar nicht explizit gesagt, aber angedeutet, dass in dem Torso der Statue ebenfalls eine Kraft steht, die mit bloßen Augen nicht sichtbar ist. Rilke zollte dem Unsichtbaren eine größere Bedeutung als dem Sichtbaren. Ersteres stellt einen «höheren Rang der Realität» dar. So schreibt er ein Jahr vor seinem Tod in einem bedeutenden Brief vom 13. November 1925 an Witold Hulewicz: «Der Engel der Elegien ist dasjenige Geschöpf, in dem die Verwandlung des Sichtbaren in Unsichtbares, die wir leisten, schon vollzogen erscheint [...] Der Engel der Elegien ist dasjenige Wesen, das dafür einsteht, im Unsichtbaren einen höheren Rang der Realität zu erkennen.»

Der Torso, dem Titel des Gedichts zufolge, stellt Apollon, einen griechischen Gott, nackt dar. Die Nacktheit in der gesamten antiken griechischen Plastik ist eine große Frage, die sich nicht leicht beantworten lässt. Der Mensch in jener fernen Zeit hatte einen ganz anderen Bezug zu seinem eigenen Körper. Die Nacktheit war fast allgegenwärtig. Gymnasium, Gymnastik kommen vom Adjektiv gymnós, welches auf Griechisch heute noch immer nackt bedeutet. Es zeigt sich in der dargestellten Nacktheit eine tiefe Verehrung des menschlichen Körpers, eine Verherrlichung aller Körperteile, des Genitalienbereichs inbegriffen. Es werden dadurch Natürlichkeit, Unbefangenheit, innere Schönheit, Potenz, Gesundheit, Fruchtbarkeit, Zeugungskraft hervorgehoben. Eine große, unüberbrückbare Kluft trennt uns heute von der antiken griechischen Welt. Wir tasten im Dunkeln, trotz der enormen Gelehrsamkeit und der minutiösen wissenschaftlichen Arbeit, welche seit Jahrhunderten nahezu jedes Detail erforscht hat. Denn Tempel und Kultstatuen bildeten in jenen fernen Zeiten ein lebendiges Ganzes und forderten Ehrfurcht vom Menschen, Herzensinnigkeit und Hingabe, aber keine falsche Sittlichkeit.

Der Torso der Statue, um die es hier im Gedicht Rilkes geht, ist archaisch. Er gehört zur ersten großen griechischen Epoche, etwa vom achten bis zum fünften vorchristlichen Jahrhundert, die der klassischen Zeit unmittelbar vorausging. Die lange Zeit des Reifens, welche Jahrhunderte dauerte (es sind die sogenannten «dunklen Jahrhunderte»), geht in einen beispiellosen Aufbruch über. Die homerischen Epen entstehen, die Heiligtümer, die Tempel und eben auch die ersten monumentalen Skulpturen. Etwa im siebten vorchristlichen Jahrhundert kommt es zu den ersten großen Statuen von einem Gott / einer Göttin, einem Jüngling oder einer jungen Frau. Es herrscht die strenge geometrische Form. Der Kopf ist hoch, steil-dreieckig. Die Augen beherrschen den ganzen oberen Teil des Gesichts, ein ruhiges, diskretes, fast unsichtbares Lächeln gibt ihm Würde und Erhabenheit. Das linke Bein ist vorgestellt, aber nicht im Knie abgewinkelt, der Fuß ruht auf dem Boden. Schreiten ist suggeriert, aber nicht vollzogen. Man ahnt die Dynamik einer Bewegung, welche sich kaum bewegt, eher Ruhe ausstrahlt, vortastet und vorwagt. Die Hände sind zur Faust geballt und an die Oberschenkel gepresst. Die Plastik wirkt eher schwerfällig, aber ihr Vorhandensein gebietet ein Zurücktreten vor dem Göttlichen, welches alles Menschliche weit überschreitet. In dieser Grundstellung äußert sich Distanz, in sich geschlossene, versammelte, verhaltene Spannkraft, Frieden, religiöse Unantastbarkeit, natürliche Ursprünglichkeit.

Apollon ist der Gott des Maßes und damit der Gott der geistigen Ordnung. Er ist nach Zeus der wichtigste Gott im Pantheon der griechischen Götter, Homer zufolge «der gewaltigste Gott» (Ilias, 19, V. 413). Er ist auch «fürchterlich» (Ilias, 16, V. 789), der Gott mit dem silbernen Bogen und somit der «treffende Gott» (Ilias, 24, V. 56), seine Stimme hat die Kraft des Donners, er ist blitzartig, fern und unzugänglich (Ilias, 21, V. 461). Er ist vor allem gerecht, derjenige, der nicht zögern wird, Achilles’ Hybris zu verurteilen (Ilias, 24, V. 32–54). Er wird somit die Meinung der Götter umkehren, indem er die menschlichen Grenzen und die Mäßigung wiederherstellt, ohne die es kein menschliches Leben geben kann. Apollon ist der Gott des Lichts, der Weissagung und der Musik, der Medizin und des Bogenschießens. Er zeichnet sich durch Selbstbeherrschung und Mäßigung aus, wie die erhabene Statue des Gottes im Westgiebel des Zeustempels in Olympia auf der Peloponnes in einzigartiger Weise zeigt. Apollon, der geistigste unter allen Göttern, liebt die Nüchternheit, die Reinheit, das Maß- volle, das Ziehen von Grenzen, die innere Harmonie. Apollon ist die Harmonie des Bogens und der Leier, die alles in einem lebendigen Rhythmus zusammenhält. Gewalt und Wildheit werden gezähmt, wenn Apollons Leier gespielt wird (vgl. Euripides, Alkestis, V. 579 ff.), mit Tanz und Musik bringt er den Menschen Erfrischung und Erholung (Platon, Gesetze, 653a–654a). Nach Platon ist er «der einfache Gott [...] der reinigende Gott» (vgl. Kratylos, 405b), der Gott, welcher die Einfachheit liebt und den Menschen von den Unreinheiten des Körpers reinigt und die mächtigen Triebe bezähmt. Er ist heilig, rein und diaphan wie die Morgensonne. Er ist der Gott, der für das Geschlecht der Sterblichen einen einzigen Rat hat, der auf seinem Heiligtum in Delphi eingraviert ist: Erkenne dich selbst (vgl. Platon, Charmides, 164d–165b und Protagoras, 343b). Mensch erkenne dich selbst, sagt er aus uralten Zeiten, erkenne vor allem, dass du ein Sterblicher bist. Kenne deine Grenzen, wisse, wie weit du gehen darfst. Fordere nicht, alle Grenzen zu überschreiten. Das Überschreiten der Grenzen kann dich ins Verderben führen, denn alles lebt innerhalb der vorgeschriebenen Ordnung. Selbst ein Gott, die Sonne, wird zusammenbrechen, wenn sie die Grenzen überschreitet, innerhalb derer sie sich bewegt und lebt.

Rilke hatte im Atelier von Auguste Rodin mehrere Statuen und Torsen aus nächster Nähe gesehen, nicht nur während der kurzen Zeit, in der er als Sekretär des Bildhauers arbeitete, sondern seit ihrer ersten Begegnung im Sommer 1902, als Rilke nach Paris kam, um ihn kennenzulernen und eine Studie über sein Werk zu schreiben. In seiner Studie über Rodin, deren erster Teil 1903 veröffentlicht wurde, schreibt Rilke, dass der kalte, formlose Marmor in den Händen des wahren Künstlers zu sprechen beginnt und dass jeder einzelne Punkt vollendet ist und somit unendlich. Um hierher zu gelangen, in die offene Weite der wahren Kunst, ist es notwendig, sich in dem «einfachen Schauen» zu üben, sagt Rilke emphatisch.[2]

Das Sonett «Archaïscher Torso Apollos», in seiner Pariser Zeit entstanden, erinnert an einen der vielen Besuche des Dichters im Louvre-Museum, wo er eventuell die Skulptur gesehen hat. Es ist nicht von besonderer Bedeutung, welche Statue der altgriechischen Bildhauerei den Dichter inspirierte. Die Bedeutung der Poesie liegt woanders, nicht in den sogenannten faktischen Gegebenheiten. Poesie «ist der Sinn für das Eigentümliche, Personelle, Unbekannte, Geheimnisvolle, zu Offenbarende […] Er stellt das Undarstellbare dar. Er sieht das Unsichtbare» sagt Novalis.[3] Dies ist der Blick der Poesie, der poetische Blick, den wir uns aneignen sollen, um die Poesie nicht als leeren Wortschwall, sondern als Geheimnis und Offenbarung nachvollziehen zu können. Der Dichter sieht das Unsichtbare, enthüllt das, was nicht hinter, sondern jenseits des Scheins liegt, jenseits der einfachen Fakten und Gegebenheiten. Der Dichter schaut konzentriert hin, bringt ans Licht, offenbart, was er klar gesehen hat. Nun das Gedicht «Archaïscher Torso Apollos»:

 

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,

darin die Augenäpfel reiften. Aber

sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,

in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

 

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug

der Brust dich blenden, und im leisen Drehen

der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen

zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

 

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz

unter der Schultern durchsichtigem Sturz

und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

 

und bräche nicht aus allen seinen Rändern

aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,

die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

 

Die Szenerie des Gedichts ist von einer großen Einfachheit getragen. Ein Mann oder eine Frau steht vor einer archaischen, verstümmelten griechischen Statue des Gottes Apollon. Das Haupt der Statue existiert nicht mehr. So beginnt das Sonett: Wir kennen es nicht, wir alle, die wir ihn betrachten, wir können nicht mehr wissen, wie das Haupt ausgesehen hat. Es muss, wie der verstümmelte Torso andeutet, «unerhört» gewesen sein («Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt»). Unerhört bedeutet hier das Wunderbare, das Große, ja Großartige, das Erhabene, das, was über das Menschliche hinausgeht oder sich nicht in menschliche Grenzen fassen lässt. In diesem unerhörten, wunderbaren Haupt blühte und funkelte der göttliche Blick, reiften einmal die Augenäpfel («darin die Augenäpfel reiften»). Wann? In archaischen Zeiten, als die Statue (von der heute nur noch ein Fragment übriggeblieben ist) ein Fest und ein Augenschmaus für diejenigen war, welche ihr mit Ehrfurcht, aber ohne Furcht begegneten. In jener, nun lange vergangenen Zeit, war die Skulptur nicht einfach ein «Kunstwerk» oder, noch schlimmer, ein «Museumsobjekt», sondern sie war noch intakt und unversehrt und erfüllte voll und ganz ihren eigentümlichen Zweck: Die leuchtende Gegenwart des Gottes Apollon ans Licht und in nächste Nähe zu bringen. Von dieser Zeit sind wir heute alle weit entfernt. Trotz der Zerstörung: der Torso glänzt noch immer «wie ein Kandelaber». Der Torso, das Fragment, das, was von der ursprünglichen Skulptur übriggeblieben ist, glänzt noch immer, wie viele Lichter oder viele Fackeln zusammen, welche zu einer großen Flamme verschmelzen und hell leuchten. Der Glanz ist gleißend, obwohl nur noch ein Stück Marmor übrig ist, von der Zeit zerfressen und durch menschliche Barbarei verstümmelt. Obwohl fast zerstört, leuchtet der archaische Torso wie gleißendes Licht.

In den vielen Lichtern, die sich zu einem starken Licht gebündelt haben, hält und glänzt das Schauen Gottes. Das Schauen hat sich erhalten, wenngleich das ganze unerhörte Haupt fehlt. «In dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt, / sich hält und glänzt», heißt es im Sonett. An der Stelle der Augen, an der leeren Stelle, wo die Pupillen der Augen einst blühten und reiften, bleibt doch das Schauen Gottes lebendig. Der göttliche Blick ist ein tiefes Schauen. Schauen bedeutet hier, wie im gesamten Werk Rilkes, Kontemplation, Meditation, Konzentration, es leitet den tieferen Blick ein, der das Ganze als eine Einheit umfasst. Es ist der volle, sphärische Blick, der die Dinge durchdringt, das Unsichtbare sichtbar macht und die Vollständigkeit wiederherstellt. Das Schauen Gottes, auch wenn die Augen jetzt fehlen, ja das ganze Haupt, ist immer noch da, es ist sozusagen in den Torso zurückgeschraubt worden, wie der Besucher, der vor der Plastik steht, es verinnerlichen kann. Zwar fehlen die Augen der Skulptur, aber das Schauen ist nicht verloren gegangen, es bleibt an Ort und Stelle, und so leuchtet es noch immer dort, verankert nunmehr im Torso anstelle des verschwundenen Hauptes. Für den aufmerksamen Besucher bleibt jedoch das Wichtigste erhalten: das Schauen Gottes. Es bleibt erhalten und leuchtet hell für jeden, der Augen hat, um den vollen Blick des Gottes zu sehen, der trotz der Zerstörung der materiellen Form und des Verlusts des Hauptes der Statue nicht verloren gehen kann. Das Material ist verschwunden, aber das unsichtbare Schauen, das man nicht sehen kann, bleibt an seinem Platz – immer noch und wie für immer. Es ist anwesend in seiner faktischen Abwesenheit, präsent und eindringlich.

Der abrupte Übergang von dem vierten zum fünften Vers des Sonetts gibt dem Gedicht einen großen Schwung. Eine Strophe endet und eine andere, die zweite, beginnt. In der nächsten Strophe wird die innere Kraft und die große Bedeutung des Schauens Gottes bestätigt: «Sonst könnte nicht der Bug / der Brust dich blenden», sagt der Besucher, als ob er oder sie zu sich selbst spräche. Alles hängt vom Schauen ab. Das Schauen ist das unsichtbare und bedeutendste Attribut Gottes. Doch es ist nicht nur die Rundung der göttlichen Brust, die schillert. Der Besucher, der auf den archaischen Torso blickt und die Brust betrachtet, während er langsam um die verstümmelte, nackte Statue herumgeht, hat den Eindruck, als würden sich die Lenden der Statue leicht mit ihm drehen. Außerdem scheint sich ein Lächeln zu verbreiten, das auf jene Mitte verweist, aus der die Kraft der Fruchtbarkeit und der Befruchtung, die Kraft des Lebens selbst entspringt («und im leisen Drehen / der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen / zu jener Mitte, die die Zeugung trug»).

Diese Mitte ist von einem fröhlichen Lächeln umgeben. Warum? Weil durch sie das neue Leben hervorgebracht wird. Es ist die Kraft, die das Leben erneuert und frisch hält, es ist das Zentrum aller Kräfte in Gott (und im Menschen), es ist die einzige, dynamische Mitte, von der die Energie ausgeht, die das neue, erneuerte Leben zum Entstehen bringt. Das Lächeln, das der Besucher sieht, ohne das unerhörte Haupt zu sehen, breitet sich aus, während er langsam um den verstümmelten archaischen Torso geht. Es breitet sich unmerklich aus und umgibt wie von selbst jene Mitte, die dem Leben zur Auferstehung verhilft. Die Zeugung ist die lächelnde Vereinigung, das Einswerden von zwei Menschen, um des neuen Lebens willen.

Das Blenden, das durch die Wölbung der göttlichen Brust hervorgerufen wird, das Lächeln, das sich von den Lenden auszubreiten scheint und direkt auf das Zentrum gerichtet ist, in dem sich das Leben selbst konzentriert, haben ihren letzten Ursprung im Schauen Gottes, das auf die abwesenden Augen hinweist. Das Schauen Gottes ist das andere Zentrum, das analog zum Zentrum des sexuellen Impulses, der Fortpflanzung, der Zeugung steht. Auf der Kraft und dem Gleichgewicht dieser beiden sich gegenseitig widerstrebenden Mitten ruht die verstümmelte archaische Statue des Apollon, ebenso wie das Sonett selbst, das den konzentrierten Blick des aufmerksamen Besuchers auffordert, die fehlenden göttlichen Teile innerlich zu ergänzen und zu vergegenwärtigen.

Die dritte Strophe des Sonetts setzt den Gedanken fort, der ihr vorausging. Vom Schauen des Gottes, das, obwohl die Augen fehlen, funkelt und den Blick des Besuchers fesselt, leiten sich das Strahlen der starken Brust und das Lächeln ab, das die Lenden und den Rücken der Statue umgibt. Würde das Schauen fehlen, denkt der Besucher, stünde der Stein deformiert da und der Sturz, der ihn verstümmelte und entstellte, wäre unter den Schultern transparent («Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz / unter der Schultern durchsichtigem Sturz»). Durch die Transparenz des Sturzes sehen wir die Teile, die zerstört wurden. Die Transparenz macht das Unsichtbare sichtbar. Sie ist eine Leitung, ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem, was wir sehen, und dem, was ungesehen bleibt, eine Brücke, die den Blick des Besuchers mit der zerstörten Statue verbindet. Die Transparenz des Sturzes ermöglicht es, dass alles miteinander kommuniziert. Im transparenten Fallen bleibt die Einheit, die der Sturz zerstört hat, erhalten. Die Transparenz ermöglicht eine nahtlose Kommunikation, denn es gibt keine Barrieren, die Dichte der Materie ist nicht vorhanden, und alles ist vollständig voneinander abhängig und zusammenhängend.

Was den Stein rettet, den Marmor, aus dem in archaischer Zeit der Gott Apollon wie eine Welle des Lebens strömte, ist das Schauen des Gottes, das nicht verloren geht, weil es die unsichtbare Mitte ist, von der aus alles beginnt und endet. Wäre das Schauen nicht vorhanden, dann hätten wir nichts als einen zerstörten Stein, verformt durch einen Sturz. Das Schauen des Gottes, das immer noch glänzt, rettet den archaischen Torso, lässt ihn hell leuchten, wie ein Raubtierfell im Licht («und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle»). Die Haut, das Fell eines wilden Tieres leuchtet, denn seine wilden, aber sicheren Instinkte sind nicht nur zerstörerisch und verderblich. In einem Raubtier ist auch Majestät, Überlegenheit, Kraft zu sehen, welche fesselt und fasziniert, wie in William Blakes berühmtem Gedicht «The Tyger» oder in den Gedichten von Jorge Luis Borges, in denen das Gold der Tiger flackert und glänzt.

Dionysos kommt unmerklich im V. 11 des Sonetts «Archaïscher Torso Apollos» vor. Er ist der Zwillingsbruder des Apollon. Dionysos liebt den Rausch, die Verschmelzung, die Nähe, die Raserei, die Manie, die Verzückung, die Verrücktheit. In der antiken griechischen Kunst erscheint er oft in der Gestalt eines wilden Tieres, eines Tigers oder eines Löwen, denn wilde Tiere gehörten zu seinem Gefolge. Apollon und Dionysos sind die beiden sich gegenseitig ergänzenden Gesichter des einen Rätsels, des einen großen Mysteriums, welches das Leben selbst ist. Apollon: Licht, die helle Seite, Selbstbeherrschung, Konzentration, das stille Lächeln, der Schauende, der Sehende. Wo immer der Gott Apollon auftaucht, herrscht Ordnung, Ruhe, das Chaos der unkontrollierten Leidenschaften ist gebändigt. Dionysos kommt aus dem Osten mit einer großen Begleitung. Ihm folgen nicht nur viele Menschen, sondern auch die wilden Tiere. Es ist das Leben von der abgründigen, dunklen Seite, die Raserei, die Erregung, der Abstieg in den Abgrund alles Lebendigen. Der Wagen des Gottes Dionysos wird von Tigern und Panthern gezogen, ein Zeichen dafür, dass er nicht nur keine Angst vor den tierischen Instinkten und den wilden Trieben hat, sondern auch weiß, dass er, wenn er ihnen folgt, das Ende, die tiefsten Tiefen des abgründigen Lebens erreichen und beherrschen wird. Apollon und Dionysos sind die beiden charakteristischsten und wesentlichsten Realisierungen des antiken griechischen religiösen Geistes. Zwischen ihnen gibt es im Grunde keine Unterschiede. Sie sind eins, die helle und die finstere Seite des Lebens, welches letztendlich unzugänglich und untergründig ist – das größte Mysterium.

Von dem archaischen, halb zerstörten Torso geht wie von allen Seiten ein Glanz aus, wie ein Stern, der mit seinem Licht den Blick des Besuchers überwältigt («und bräche nicht aus allen seinen Rändern / aus wie ein Stern»). Von allen Rändern, allen Punkten wird ein starkes, unsichtbares Licht ausgestrahlt, das sich konzentriert, verdichtet und zu einem Stern wird. Der Stern scheint den Besucher für einen elementaren Augenblick mit seinem Licht einzuhüllen. Dies geschieht, weil alle Punkte des archaischen Torsos von Apollon nun in den verwandelten Augen des Besuchers transformiert sind. Alle Teile des Fragments sind Augen, die den Besucher ansehen. Der Torso ist ein Pfau mit vielen Augen. Es ist nicht nur der Besucher, der die Statue aufmerksam beobachtet. Der Torso des Gottes hat auch viele Augen. Der Besucher hat zwei Augen, aber die verstümmelte Statue hat viele Augen, sie ist nunmehr ein einziges großes Auge («denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht»). Was sagen die Augen der zerstörten archaischen Statue des Apollon? «Du mußt dein Leben ändern». Der letzte, abschließende Halbvers des Sonetts führt die Umkehrung herbei. Er ist der Abschluss und zugleich der Höhepunkt des ganzen Gedichts. Der kategorische Imperativ wird in unumstößlicher Weise ausgesprochen: Du musst dein Leben ändern. Der letzte Halbvers des Sonetts ist auch der schwierigste, weil er in seiner offensichtlichen Einfachheit so bedeutungsvoll ist. Er ist hell und dunkel zugleich, abstrakt und absolut konkret – eine helle Dunkelheit.

Je weiter das Gedicht fortschreitet, desto deutlicher wird das Bild: Der Besucher dreht sich langsam um die nackte archaische Statue, um das Fragment, dessen Gliedmaßen nunmehr fehlen, wodurch das Rätsel wächst. Diese langsame Drehung um die Statue hat etwas von einem kontemplativen Tanz. Es ist eine Choreographie mit nur einem Tänzer, männlich oder weiblich, mit dem Besucher, der sich nähert, sich wieder entfernt, die Statue, die im Mittelpunkt steht, aufmerksam betrachtet, welche unbeweglich, verborgen und weitoffen zugleich, ja enigmatisch in ihrer Offenheit bleibt. Ein Tanz um eine stille, pulsierende Mitte. Die Statue scheint sich mit dem Besucher zu vermischen, ihn mit einem wachsamen Blick zu beobachten, den wir nur erahnen können, sofern wir in der Lage sind, uns in das einfache Schauen einzuüben.

Aus allen Punkten des archaischen Torsos des Gottes Apollon bricht das furchtbare Wort hervor: Du musst dein Leben ändern. Euer Leben, sagt der Tor so, ist verstümmelt, unvollkommen, nicht authentisch. Aber es könnte, unter bestimmten Bedingungen, ein schönes, reiches und wunderbares Leben sein.  Was fehlt? Der ganze, sphärische Blick, das elementare, tiefe Schauen, das den göttlichen Blick kennzeichnet. Wenn sich die Augen auf das oberflächliche Sehen beschränken, bleiben sie unvollständig und leer. Was wir brauchen, ist das wesentliche Sehen, die Essenz des Schauens und das Schauen der Essenz. Solange wir an den einfachen Tatsachen, am Sekundären und Trivialen hängen, werden wir das Schauen nicht erlernen. Der Torso fragt uns direkt: Lebst du wirklich oder ist dein Leben bloß ein Überleben, d. h. lebst du nur ein gleichgültiges Leben, ein sekundäres Leben, aus zweiter Hand, in dem das Triviale und das Banale überhandgenommen haben? Es gibt nur eines, das dringlich ist: das echte, wahre, authentische Leben. Die Aufforderung oder Maxime, welche so nachdrücklich formuliert wird, ist absolut konkret. Nur wenn du dein Leben änderst, sagt der Torso, nur wenn du aufhörst, unter den banalen und trivialen Dingen zu leben, wirst du eines Tages das wahre Licht des echten Lebens sehen. Das Leben wartet nicht. Es schreitet unaufhaltsam fort, es vergeht wie ein Wimpernschlag und ist für immer vorbei. Je mehr du es aufschiebst, desto schneller rinnt es wie Wasser zwischen deinen Fingern. Siehe nur, wie du deinen Blick schärfst und ihn für das wahre Leben empfänglich machst. Siehe nur, wie du das bloße Sehen mit dem Schauen tauschst und anfängst, zu schauen, um klar und tiefer zu sehen.

Wir Menschen sind beschränkt, aber wir können, wenn auch für kurze Zeit, aus dem engen Gefängnis der alltäglichen Dinge ausbrechen und ins Freie gelangen. Dieses Freie hält in ausgezeichneter Weise die Kunst offen für uns. Die wahre Kunst ist das Freie oder das Offene, wie es Rilke nennt. Die schwierigste Prüfung für uns Menschen besteht darin, inmitten der alltäglichen, banalen Dinge zu sein und zugleich fähig zu sein, uns dem verborgenen Zentrum in uns, unserem wahren Selbst, das von mehreren Masken verdeckt wird, zu nähern. Dann werden wir überall Augen wachsen sehen. Der Dichter deutet an, ohne es ausdrücklich zu sagen, dass wir alle über die notwendigen Fähigkeiten für das wesentliche Sehen, bzw. das Schauen, verfügen, von dem so viel abhängt. Wir haben die Voraussetzungen für ein wahres, eigentliches Leben, aber wir kennen sie nicht, wir benutzen sie nicht, sie bleiben in uns träge, untätig und schlummernd ein Leben lang. Du sollst die entscheidende Wende nach Innen schaffen, wo unser wahres Selbst sich verbirgt. Wage es, fang von vorne an, übe dich in das Schauen ein, finde dich in das einfache Leben, fordert der Dichter auf. Bemühe dich um jeden Preis, aus dem Kreislauf des Alltäglichen herauszukommen, und dir werden Flügel wachsen. Der halb zerstörte archaische Torso des Gottes Apollon ruft uns, wie alle große und authentische Kunst, dazu auf, die Sackgasse, welche das Leben der Vielen ist, aufzugeben, ohne jedoch dabei traurig zu sein. Wir sind an das Alltägliche gebunden. Doch wir sind aufgerufen, dieses enge, erstickende Gefängnis hinter uns zu lassen. Dann wird sich unser Leben radikal ändern, es wird ein sinnvolles, freies, zutiefst menschliches Leben sein, ein Leben, das endlich vollständig, heil und ein lebendiges Ganzes ist.

 

Das Schauen im Werk Rilke

Schauen, anschauen, Schau, einsehen, Einsicht hängen im gesamten Werk Rilkes auf das Engste miteinander zusammen. Gleich im ersten Gedicht des «Stunden-Buchs» steht der bemerkenswerte Vers: «Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut». Schauen hier als der wesentliche Schritt zur Vollendung. In «Das Buch der Bilder», das erstmals 1902 und in erweiterter Form 1906 er schien, trägt ein Gedicht den Titel «Der Schauende». Der erste Teil der «Neuen Gedichte» beginnt mit einem Sonett, das ebenfalls dem Gott Apollon gewidmet ist. Das Sonett trägt den Titel «Früher Apollo». Früh hier im Sinne von uranfänglich, ursprünglich. Im V. 6 des Sonetts «Früher Apollo» sagt der Dichter: «Denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun». Auch hier wird das Schauen hervorgehoben, aber es hat noch nicht die Schlüsselstellung wie im Sonett «Archaïscher Torso Apollos», in dem es zur unsichtbaren Mitte des ganzen Gedichts wird, zu dem Punkt, von dem die einzelnen Teile des Sonetts ausstrahlen und in dem sie sich wieder sammeln. In der zehnten und letzten Elegie von den «Duineser Elegien», während der Jüngling durch die weite Landschaft der Klagen geführt wird, ist von «ihrem Schaun» die Rede, das der älteren der Klagen eigentümlich ist. Auch in einem der unvollendeten Gedichte seiner letzten Lebensjahre mit dem Titel «Herbst» spricht Rilke vom hohen Baum des Schauens («Oh hoher Baum des Schauns».[4]) Es gibt viele andere Stellen, in seinen Werken wie auch in seiner immensen Korrespondenz, welche Zeugnis von solchen besonderen Augenblicken geben, in denen das Schauen als ein wesentlicher geistiger Akt, als innige Fülle und Entrücktheit aufgefasst wird (siehe beispielsweise den autobiographischen Text Erlebnis oder den bedeutenden Brief an Magda von Hattingberg vom 1. Februar 1914).

Große Kunst entspringt wesentlich dem tiefen Schauen. Literatur dagegen dem bloßen Sehen. Das Verb schauen reicht vom aufmerksamen, einsichtigen Sehen bis zum intensiven Verinnerlichen dessen, was ich anschaue, es verwandelt in mir lebe, mich darin vertiefe, um klar zu erfassen, was die Augen des Körpers sehen bzw. gesehen haben. Rilke ist sich wahrscheinlich nicht der langen geistigen Tradition bewusst, die mit dem Begriff der theoría und des theoretischen Lebens verbunden ist, welche von der heutigen «Theorie» weit entfernt ist. Platon beschreibt in seinem berühmten Höhlengleichnis klar den Unterschied zwischen dem Sehen und dem Schauen, mithilfe dessen man das Gute, die höchste Idee überhaupt, anschauen kann (Der Staat, 514a–518d). Aristoteles, sein langjähriger Schüler in der «Akademie», hat das theoretische Leben, das Leben der Kontemplation und der Konzentration, im zehnten und letzten Buch seiner Nikomachischen Ethik exemplarisch dargelegt und als die höchste Stufe menschlicher Glückseligkeit erklärt. Es ist diejenige Lebensart, sagt er, welche dem Menschen seine eigene Glückseligkeit geben kann, die höchste Stufe menschlichen Daseins. Theoría und das schauende Leben ist präsent bei Philo von Alexandrien, bei Plotin und in der späten griechischen philosophischen Tradition. Es handelt sich vielmehr um einen starken unterirdischen Strom, welcher das geistige Leben bewässert und fruchtbar macht. Meister Eckhart, Jakob Böhme, Angelus Silesius, Goethe und viele mehr werden von demselben starken Strom getragen. Goethe, ein Platoniker der neueren Zeit, spricht mit Nachdruck von den «Augen des Geistes» und bemerkt dazu: «Wir müssen lernen, mit den Augen des Geistes zu sehen, ohne die wir, wie überall, besonders in der physikalischen Forschung, blindlings tappen.»[5]

Theoría kommt von dem Verb theoreín, welches aus théa und dem Verb horáo (sehen) zusammengesetzt ist. Théa ist die Sicht, die Aussicht, das, was sich den leiblichen Augen darbietet. Der Blick fasst die dargebotene Sicht als Ganzes zusammen, ich überblicke es, ohne auf die Einzelheiten zu achten. Ich nehme es in Augenschein, um bei ihm ruhig zu verweilen, ohne jedoch nach der Nutzbarkeit meines Tuns zu fragen. Ein gutes Beispiel ist das alte griechische Wort Theater, welches eben diese untätige Tätigkeit benennt. Eben deshalb ist der höchste Gipfel menschlichen Daseins die theoría, das Schauen, auf dessen Spur Rilke hier in dem Sonett und an vielen anderen Stellen ist. Das Schauen ist der weise Blick, der sich auf das Wesentliche konzentriert. Schauen ist der wissende, der wesentliche Blick. Das Schauen, wie Rilke es versteht, bezieht sich auf die leiblichen Augen, welche als Durchgang für das innere dritte Auge fungieren, das von den Einzelheiten absieht, um die Einzelteile zu einem Ganzen zusammenzufügen, sie zusammenfasst, um zu einem tieferen Wissen, genannt Weisheit, zu gelangen, welches auf die vielen Kenntnisse, die den Menschen irritieren und seinen Geist abtöten, verzichtet hat.

 

«Du musst dein Leben ändern»

Der Halbvers beendet und schließt das Sonett ab. Es handelt sich hier nicht um eine einfache Ermahnung mit moralischem Charakter. Der wahre Dichter, auch wenn er noch didaktisch ist oder Spuren von Didaktik zeigt, will nicht belehren. Er will nur zeigen. Der Halbvers taucht unerwartet am Ende des Gedichts auf, ohne irgendetwas anzudeuten und, wie es scheint, ohne irgendeine Verbindung zu dem, was ihm vorausging. Es ist ein Spruch, der einen tiefen Eindruck hinterlässt und eine Forderung nach Wahrheit und authentischem Leben zur Sprache bringt. Du musst dein Leben ändern. Es ist letztlich nicht die archaische Statue des Gottes Apollon, die verstümmelt da liegt, sondern unser alltägliches Leben, das zur Bequemlichkeit und Banalität neigt. Obwohl der letzte, abschließende Halbvers auf den ersten Blick unzusammenhängend erscheint, ist er doch der letzte, entscheidende Schritt, ohne welchen das Sonett feststecken und unbeweglich sein würde. Es ist der letzte, abschließende Halbvers, der das ganze Gedicht anhebt und beflügelt. Es hat etwas Allgemeines, könnte man meinen, es wirkt gehetzt, aber wenn man genauer hinschaut, stellt man fest, dass es der Beweggrund des ganzen Gedichts ist.

Du musst dein Leben ändern. Wie kann ein Mensch sein Leben ändern? Der Torso der griechischen archaischen Statue lebt immer noch, deutet der Dichter an, im Gegensatz zu den Besuchern des Museums, die ein wenig davor stehen, das Fragment oberflächlich und gelangweilt mit den leiblichen Augen sehen, mit Geräten, die sie herumtragen, abfotografieren, um dann zum nächsten Kunstobjekt weiterzugehen, jeder verschlossen und eingesperrt in seiner eigenen menschlichen Welt, in seinem eigenen Kerker. Wir alle, die vor dem zerstörten Torso der Statue stehen, kennen ihr Haupt nicht. Die Statue jedoch fasziniert in ihrer Stille und Unbeweglichkeit weiterhin den Blick. Die meisten Menschen gehen mit Gleichgültigkeit, ja mit Überdruss an ihr vorbei, unfähig, auch nur für einen Augenblick das erdrückende Gefängnis ihres kolossalen Egos zu verlassen und in den göttlichen Bereich einzutreten.

Nur einer, der vielleicht der Dichter selbst ist, geht langsam, steht, bewundert, staunt. Irgendetwas hält ihn für lange Zeit an derselben Stelle fest, lässt ihn nicht weitergehen. Er bleibt stehen und schaut zu, betrachtet, beobachtet achtsam den nackten archaischen Torso, der in vergangenen Zeiten entstanden ist, die nun für uns weit in die Vergangenheit gehören, Zeiten, die wir vielleicht sogar für naiv, wunderlich, ahnungslos, längst überholt und veraltet halten. Wie vom Blitz getroffen bleibt er lange vor diesem merkwürdigen Torso stehen, dem die meisten Menschen nicht viel Aufmerksamkeit und Bedeutung schenken. Groß, großartig, ja unerhört muss das Haupt des Gottes Apollon gewesen sein, des antiken griechischen Gottes des Lichts, der Weissagung und der Poesie, denkt er. Auf diesem prächtigen Haupt, das durch menschliche Gewalt, Wut, Ignoranz und blinden Fanatismus zerstört wurde, reiften die Pupillen der Augen, wurden geübt und geschärft, um eines Tages das wesentliche Schauen zu erreichen, das den oberflächlichen, flachen Blick hinter sich gelassen hat.

Der wesentliche Blick, das Schauen, ist das mächtige, unsichtbare, geheime Zentrum des Sonetts. Von hier aus beginnen und enden alle Fäden der Verse und weben ein außerordentlich dichtes und gut gewebtes Gedicht, eines der größten und bewundernswertesten von Rilke. Der Dichter sagt zum Schluss: Du musst dein Leben ändern. Nur wenn du es radikal änderst, nur wenn dein Leben die Züge der theoría, der inneren Ruhe und der Besinnung trägt, wirst du die archaische, zerstörte Statue in ihrer ersten, ursprünglichen Schönheit wiederhergestellt sehen können. Nur wenn euer tägliches Leben zu einem Leben der Kontemplation, der Konzentration, des Nachdenkens, der Besonnenheit und Bescheidenheit wird, werdet ihr in der Lage sein, das wesentliche Sehen, das Schauen zu erlangen. Nur wenn ihr ohne jegliche Trauer die finsteren Kräfte hinter euch lassen könnt, die den inneren Menschen zerstören (die Kräfte des Egoismus, des Narzissmus, der Eitelkeit, der Selbstgefälligkeit, der Geldgier, des Materialismus, der Gelüste etc.), die Dinge, die das Leben klein machen und einen jeden am Boden festschrauben können, werdet ihr den Weg wiederfinden, den ihr verloren habt, den Weg zu den Dingen selbst und ihrer verborgenen Einheit. Schließlich werdet ihr vielleicht eines Tages den Weg zu eurem wahren Selbst finden.

Es handelt sich hier durchaus nicht um eine verschwommene, ekstatische, «mystische» Erfahrung, sondern um ein elementares, entrücktes Erlebnis, welches den Erlebenden tief verändern kann. Ekstase hat eigentlich nichts «Ekstatisches» im heutigen Sinne des Wortes. Ek-stase ist das Heraustreten aus sich selbst und das Eintreten in einen Bereich, wo alles Empirische aufhört zu existieren. Es ist ein voller, seltener Augenblick, ein schwereloser, bewusstloser, begnadeter Zustand, der sich in Raum und Zeit ereignet, aber gleichzeitig außerhalb der Zeit und des Raumes ist. Alle sind eigentlich imstande, deutet der Dichter an, diesen außergewöhnlichen Zustand zu erreichen. Nur ist der Weg bis dahin lang und mühevoll, die Arbeit an uns selbst muss unablässig geschehen, um die Statue des inneren Menschen zu glätten und zu formen.

Der Weg, der zur Glückseligkeit und zur inneren Ruhe führt, ist einsam und beschwerlich. Man muss sich zunächst die echte, authentische Innerlichkeit und das konzentrierte geistige Leben aneignen, welche das Gegenteil von Nabelschau und Trägheit ist. Der Weg des wesentlichen Schauens führt durch uns zum Freien oder zum Offenen, wie Rilke es in der achten seiner «Duineser Elegien» darstellt. Wir alle haben ein inneres drittes Auge, aber wir benutzen es ein Leben lang nicht, süchtig wie wir sind nach einem Leben der Zerstreuungen und Genüsse, der Banalitäten, des Materialismus, des Konsumismus etc. Es ist dringend notwendig, aus dem Teufelskreis der Vergnügungen und Gelüste auszusteigen, die uns schläfrig machen, uns innerlich aushöhlen und zerstören. Schauen ist keine Utopie, kein Hirngespinst poetischer Phantasie, sondern gesunde Ernährung, eine beinah heroische Haltung, ein innerer Widerstand, ein wirksamer Wellenbrecher. Das Schauen ist kein Programm, keine Übung, sondern eine Genesung von der großen Krankheit, welche die Versklavung an das Banale und Triviale ist.

 

Das innere dritte Auge

Durch das Schauen wird gesehen, was meistens übersehen wird. Goethe sagt es lapidar in seinem Faust: «Zum Sehen geboren / Zum Schauen bestellt» (V. 11.288). Die materielle Tatsache wird von den Sinnen wahrgenommen, aber es ist das geistige Auge, das sie in eine vollendete Wirklichkeit verwandelt. Der Geist setzt frei, was die Sinne empfangen. Der Torso einer archaischen griechischen Statue ist lediglich der materielle Anlass. Was der Dichter hier vorschlägt und offenbart, ist von größter Bedeutung: Durch die Erweckung des inneren dritten Auges, das wir alle besitzen, aber nur wenige kennen und noch weniger benutzen, sind wir imstande, das zu erfassen, was mit dem blo- ßen Auge nicht sichtbar ist. Der Geist stellt die primäre Präsenz wieder her. Schauen ist der Sprung vom Sichtbaren zum Unsichtbaren. Ich sehe mit den Augen des Geistes, was die physischen Augen nicht sehen und folglich nicht verstehen können. Es gelingt dem Schauen, vom Materiellen ausgehend, in das Immaterielle, aus dem Sichtbaren in das Unsichtbare, zu gelangen, beide als eine lebendige Einheit zu vereinen.

Rilke will hier nicht die trügerische Trennung von Sinnlichem und Unsinnlichem andeuten. Vielmehr hat er im Sinn, hervorzuheben, dass auch ein unbedeutendes materielles Erlebnis, das die meisten Menschen gewöhnlich übergehen und übersehen, den inneren Blick in Bewegung setzen kann. Das Schauen hat göttlichen Charakter, deutet Rilke an. Die Augen des Gottes Apollon waren gereift, sie hatten das passive Sehen und das oberflächliche Beobachten aufgegeben, das aus Begierde und Neugier besteht, zu nichts kommt und eben nicht in der Lage ist, jene wesentlichen Verbindungen herzustellen, die das Gesehene erheben und verwandeln. Das Schauen ist göttlich, weil die menschlichen Augen aufgrund ihrer Materialität nicht in die letzte, abgründige Tiefe der Dinge eindringen können. Um den inneren Sinn der Ereignisse zu erreichen, sagt der Dichter, brauchen wir das Schauen, welches Befreiung und Verwandlung zugleich ist, das über den gewöhnlichen Blick hinausgeht und einen Raum betritt, in dem das Ding von seinem materiellen Gewicht losgelöst ist und sich nunmehr dem inneren Blick des Geistes rein und kristallklar darbietet. 

Das Schauen kann den Menschen radikal verändern, wenn er seine Bedeutung und seine Verwandlungskraft begreifen kann. Es reicht nicht aus, mit bloßem Auge zu sehen. Es ist notwendig, die Passivität des Blicks zu überwinden, indem man das Schauen aktiviert, das die Verbindung von Innen und Außen ist, die Wahrheit, welche in ihrer Nacktheit gesehen wird, unbelastet von der Dichte der Materialität. Es ist diese Veränderung, die der Dichter mit dem abschließenden Halbvers klar zum Ausdruck bringt: Du musst dein Leben ändern. Du musst eines der schwierigsten Dinge lernen: Das Schauen. Du musst über – nicht hinter– die einfachen Tatsachen hinausschauen, auf die Linien blicken, die die Ganzheit offenbaren, auf das, was die physischen Augen nicht sehen und enthüllen können. Indem wir diesen kleinen, aber entscheidenden Schritt von der einfachen, passiven Beobachtung zur einsichtsvollen, geistigen Anschauung machen, haben wir einen großen Schritt zu einer Veränderung des Lebens, zu einer Kursänderung getan, haben wir – ohne Abneigung oder Verachtung – die Menge hinter uns gelassen, welche gafft, unwillig und passiv nach vielem Ausschau hält, aber das Eine, das nottut, völlig übersieht.

Um zu einer tieferen Erkenntnis zu gelangen, sollten wir in der materiellen Tatsache nur den Ausgangspunkt sehen. Das Ende, das letzte Ziel, ist die verwandelnde Gnade des Geistes. Wir erreichen die wesentliche, verborgene Wirklichkeit mit den Augen des Geistes. Wenn wir sie offen und wach halten, werden wir die Wahrheit sehen, das wahre Licht des Göttlichen. Unser Leben wird sich tiefgreifend ändern, unsere gegebene Passivität wird zu aktiver Teilnahme und Erhebung werden, wir werden das Gewöhnliche überwinden und in eine Region vordringen, von deren Existenz wir bislang nichts wussten. Mit unseren physischen Augen sehen wir. Mit den Augen des Geistes ergänzen wir das Gesehene, verbinden die losen Teile, die leer und verstreut, fragmentiert und unverbunden daliegen, zu einer Einheit. Welche größere Veränderung kann es geben? Gibt es ein größeres Erwachen, das uns aus der Lethargie, aus dem Schlummer inmitten der bloßen Dinge herausführen kann? Weder verachten wir ihr materielles Dasein, noch lehnen wir es ab, denn es wird zur Brü- cke, die uns darüber hinausführt, wo ihre tiefere Wahrheit wieder lebendig wird. Der Blick wird dann ein offener Blick sein, ein Blick auf die Herrlichkeit und Offenheit der Welt.

Was leistet der poetische Blick? Rilke sagt es ausdrücklich: Der poetische Blick erzeugt nicht das Kunstwerk, sondern das Kunst-Ding. Wir müssen die ästhetische Auffassung überwinden, welche Kunst als Spaß und Unterhaltung erfasst und missversteht. Das ist das Schwierigste an der Kunst. Der Schöpfer, der Dichter muss nicht das Kunstwerk, sondern das Kunst-Ding zur Mitte seines Schaffens machen. Wirklichkeiten, das ist es, was wir machen müssen, sagt Rilke, keine künstlichen, fabrizierten Artefakte, keine intellektuellen Phantasiegebilde, krankhafte Ausgeburten und Hirngespinste, sondern wirkliche Dinge, die mit Einfachheit und Natürlichkeit neben anderen Dingen stehen können, pulsierend vor Leben. Sie können eine unerschöpfliche Quelle sein, die jeden kühlt und erfrischt, der sich ihnen nicht mit Neugier, sondern mit Liebe und Hingabe nähert.

Wahre und große Kunst schafft Dinge. Keine bedeutungslosen, blutleeren, egoistischen und narzisstischen «Kunstwerke». Sie kümmert sich nicht um Manifeste, Modeerscheinungen, die kommen und gehen und nichts anderes als Sensation und Effekthascherei sind. Sie bevorzugt die Stille, nicht das leere Geschwätz, genannt «Literatur», welches die Sinne verstört und verdunkelt. Sie wird von vielen Fragen und Zweifeln geplagt, die in einer zentralen Frage zusammenlaufen: Wie kann das Gedicht, das Ding der Kunst, Leben haben, als Ding neben anderen Dingen in natürlicher Weise stehen, so dass die Menschen es gebrauchen und benutzen, wie man eben Dinge benutzt? Es geht nicht um das Kunstwerk, sondern um das lebendige Kunst-Ding, welches in sich die Wirklichkeit, die Wahrheit und die Schönheit trägt. Rilke suchte auf seine eigene ruhige Art nach dem gültigen Wort, nach dem Kunst-Ding und wandte sich gegen den falschen Ästhetizismus seiner Zeit, gegen die Schulen, die Strömungen und -ismen, die in jenen Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen. 

In diesen Pariser Jahren, als die «Neuen Gedichte» in rascher Folge entstanden, entdeckte Rilke auch den in jener Zeit nahezu unbekannten Maler Paul Cézanne, den er nicht nur bewunderte, sondern ihn für einen Lehrer auf seinem einsamen und schwierigen Weg hielt. Der andere große Lehrer, der ihm den verborgenen Weg zu den Dingen selbst zeigen sollte, war der Bildhauer Auguste Rodin. Was lernt Rilke von Rodin? Zunächst die Geduld. Sei geduldig, rät ihm Rodin, Eile in der Kunst ist ein schlechter Ratgeber. Lass alles in dir reifen, ohne zu überstürzen. Die Kunst braucht Geduld, Zurückhaltung, Kontemplation, Konzentration und Stille. Das war es, was Rodin in der Bildhauerei suchte. Nicht die gekünstelten Artefakte mit ihren illusorischen, gut polierten Oberflächen, sondern das Lebendige, die Reinheit einer leisen Bewegung. Zum Beispiel der Mann mit der gebrochenen Nase, dessen Schmerz sein Gesicht vernarbt. Oder Balzac mit seiner hochmütigen und offensichtlich arroganten Haltung, welche das große innere Leiden verdeckt. Zwei zum stillen Gebet verschränkte Hände (Die Kathedrale). Der Kuss. Der Denker und vieles mehr.

Rilke schrieb in einem Brief an seine Frau Clara am 5. September 1902, wenige Wochen nachdem er sich in Paris niedergelassen hatte: «Man soll arbeiten und Geduld haben. Nicht rechts, nicht links schauen. Das ganze Leben in diesen Kreis hineinziehen, nichts haben außerhalb dieses Lebens […] Die großen Menschen alle haben ihr Leben zuwachsen lassen wie einen alten Weg und haben alles in ihre Kunst getragen. Ihr Leben ist verkümmert wie ein Organ, das sie nicht mehr brauchen». Dies ist seine Lebensmaxime, die er in äußerster Konsequenz verfolgen wird. Von seiner Studentenzeit in München bis zu seinem Tod dreißig Jahre später führt er ein einfaches, ruhiges, konzentriertes, schauendes Leben.

Rilke, ohne einer Künstlergruppe oder einer Kunstrichtung anzugehören, wird in großer Einsamkeit im Zentrum von Paris leben, allein, aber nicht einsam, auf der Suche nach dem lebendigen, gültigen Wort, welches das Unsichtbare sichtbar macht und es offenbart. Ab Mitte Mai 1906, als er nach nur wenigen Monaten seine Stelle als Sekretär von Rodin aufgibt, bricht der schöpferische lange Atem hervor. In diesen außerordentlich fruchtbaren Jahren entstand im Frühsommer 1908 das Sonett «Archaïscher Torso Apollo», eines der größten Gedichte seines Gesamtwerks, rätselhaft und geheimnisvoll, ein prismatisches, polyedrisches, nach allen Richtungen hin strahlendes Juwel. 

Die Mitte des Menschen ist der Punkt, an dem sich der Zeugungstrieb konzentriert («zu jener Mitte, die die Zeugung trug»). Er ist das helle Lächeln in der Dunkelheit der menschlichen Existenz, die schöpferische, kosmogonische Kraft, die unermüdlich zu neuen, höheren Höhen, zur fruchtbaren Verwandlung des Lebens treibt. Zeugung ist göttlich, sagt der Dichter indirekt, weil sie die einzige Form der Unsterblichkeit ist, welche uns Menschen gegeben wurde. Der Dichter bezieht sich ausdrücklich auf die Fortpflanzung, auf die Zeugung – nicht auf Lüsternheit oder gar Sex. Die Zeugung, sagt er, ist die verborgene Mitte des Menschen. Nicht die mächtigen Triebe, welche aus uns, wie durch Kirke, Schweine machen, sondern die Fortpflanzung ist es, der unaufhaltsame Impuls, der das Leben weiterführt und erhält. Nicht die «Erhaltung der Art», sondern die Entfaltung, das gefangene Leben, das dadurch befreit wird, das tiefe Verlangen, die Sehnsucht, im Fluss des Lebens zu schwimmen, in seinen kühlen Gewässern erneuert und wiedergeboren zu werden. Die beiden mächtigsten Zentren, die für die physischen Augen unsichtbar sind, da sie nunmehr ganz fehlen, halten die wundersame Statue aufrecht und fest zusammen. Die verstümmelte Skulptur atmet und lebt. Wie das? Durch das Schauen und die Zeugungskraft. Damit es Leben gibt, darf keines der beiden Zentren schlaff und untätig bleiben. Es darf nicht an der durchdringenden Sehkraft mangeln, die das Werk des Geistes und der inneren Konzentration ist, aber es darf auch nicht an der Zeugungskraft fehlen, welche das Leben überträgt und lebendig hält. Immaterielles (der Geist) und Materielles (der Körper) müssen ein Ganzes bilden, eine innige Einheit sein. Dann ist der Mensch heil und ganz.

 

Das einfache Leben

Du musst das kolossale Ego aufgeben, bescheidener und besonnener, demütiger und besinnlicher werden. Das ist die wesentliche Richtungsänderung, die der Dichter ganz offen anmahnt. Hundert Jahre nach dem Tod Rilkes stehen wir vor dem Abgrund des Nichts – mit oder ohne Krieg. Die Ökonomisierung und Monetarisierung aller Lebensbereiche, des menschlichen Körpers inbegriffen, und eben des Fundaments unseres Daseins, der Natur, schreitet unaufhaltsam fort. Das geschieht in diesem katastrophalen Unmaße zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte. Kann der Mensch in einer menschlich konstruierten Welt existieren, ohne die Natur? Viele befürworten es und wiederum andere «träumen» von einem riesenhaften Umzug unserer Spezies auf einen anderen Planeten, der auf uns geduldig wartet, sich da neu einzurichten, nachdem wir diesen Planeten zerstört haben. Eine solche Träumerei, welche sogar von einem Teil der heutigen Wissenschaft unterstützt wird, kann gefährlich sein und fatale Folgen haben. Unser wunderschöner und einmaliger Planet wird noch mit furchtbarem und sinnlosem Kriegstreiben schamlos und sinnlos verwüstet. Kriege gehören einem früheren Entwicklungsstadium der Menschheit an, das nunmehr endgültig überwunden werden muss. Wir haben mittlerweile die Absurdität eines jeden Krieges vergessen. Wir haben ebenfalls fast jedes Maß verloren, jede Scham, nahezu alles ist aus den Fugen geraten, nichts, auch die größte Zerstörung nicht, kann uns wachrütteln. Nichts ist uns hoch und heilig. Schamlosigkeit wird als Coolness, Grenzenlosigkeit und Zügellosigkeit als Freiheit empfunden. Wir sprechen vom «Klimawandel» aber es gibt ja nur die unermessliche, alles zerstörende und ungestillte menschliche Profitgier, die zum Himmel schreit. Wir sprechen vom «Umweltschutz», aber die heile Umwelt gibt es fast nicht mehr, ja die «Natur» existiert nicht, denn es ist nur das übriggeblieben, was nach der planenden Invasion des Menschen noch da ist, ein gut funktionierender Menschenpark, gestaltet nach dem menschlichen Größenwahn faustischen Zuschnitts.

Wir müssen überall zurückrudern. Wir müssen uns wieder in das einfache Leben zurückfinden. Hier im Kleinsten und Alltäglichsten liegt eine große Kraft, hier ist der Anfang eines jeden Widerstands, der von keinerlei Gewalt beschattet wird. Unser alltägliches Leben ist reich an materiellen Gütern, aber es fehlt eines, das von elementarer Kraft und größter Bedeutung ist: Jene Armut im Geist, welche Fülle und unerschöpflicher Reichtum ist, weil sie auf das Vielerlei verzichtet und sich dem Wesentlichen widmet. Wenn die großen Lehren, welche noch in der Poesie, in der Philosophie und in den Religionen weiterleben, nicht imstande sind, den Funken des wahren Lebens in uns zu entzünden, ist die gesamte abendländische Kultur nur Zeitvertrieb und Betriebsamkeit. Einer uralten Legende zufolge bezähmte Orpheus, der Prototyp des Dichters, mit seiner Leier selbst die wildesten Tiere. Die heilende Kraft der Kunst ist ein Gemeinplatz, aber es muss wieder für uns alle die Zeit kommen, in der wir auf das Wort der Dichter und Denker hören, ihm einen würdigen Platz in unserem alltäglichen Leben, im Altar unseres Herzens geben. Es wird sich absolut nichts ändern, wenn wir uns nicht von Grund auf ändern. Es wird sich absolut nichts ändern, wenn wir weiterhin blindlings dem ausweglosen Treiben der Welt folgen und ihm apathisch zusehen. Das einfache Leben wird von Innerlichkeit und Geistigkeit getragen. Diese bilden und fördern das wahre Leben, jede echte innere Entwicklung.

 


 

Thanassis Lambrou, Dichter, Prosaautor, Essayist und Übersetzer, studierte Rechtswissenschaften in Thessaloniki sowie Philosophie, Klassische Philologie und Kunstgeschichte in Freiburg im Breisgau. In griechischer Sprache erschienen bislang sieben Gedichtbände, zwei Prosawerke, eine umfangreiche Studie zu Goethes Faust sowie Übersetzungen deutschsprachiger Literatur, die mehrfach ausgezeichnet worden sind, zuletzt erstmalig nahezu alle Gedichte Hölderlins mit ausführlichem Kommentar, ebenfalls Rilkes Duineser Elegien mit einem langen Essay zu allen Elegien. In der deutschen Übersetzung von Herbert Speckner erschienen im Berliner Elfenbein Verlag die Gedichtbände Labyrinth, Meditation und Pfade sowie im AQUINarte Verlag der Gesprächsband Erde und Himmel.

 


[1] 1 Rainer Maria Rilke: Sämtliche Werke, herausgegeben von Ernst Zinn, Bd. I, Frankfurt am Main 1987, S. 691 ff.

[2] Ebd., Bd. V, S. 175.

[3] Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe, herausgegeben von Hans–Joachim Mähl und Richard Samuel: Fragmente und Studien 1799 / 1800, Bd. 2, S. 840.

[4] Rainer Maria Rilke: Sämtliche Werke, herausgegeben von Ernst Zinn, Frankfurt am Main 1987, Bd. II, S. 180.

[5] Johann Wolfgang von Goethe: «Erster Entwurf einer allgemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie», in: Zur Naturwissenschaft überhaupt, besonders zur Morphologie, Münchner Ausgabe, Bd. 16, München 1989, S. 140. Vgl. auch Faust, V. 378, V. 443 und V. 4666.

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