Ein Mensch voller Herz- und Tatkraft
Auf den beiden Bildern in seinen Nachrufen kommen zwei sehr charakteristische Wesenszüge von Michael Schmock zum Vorschein. Einmal sein großer Humor, aber auch sein liebevoller Ernst! Sein so früher Tod hat auch uns am Jugendseminar erschüttert, denn er war bei uns ein gern gesehener Gast! Einige Seminaristen kannten ihn vom Bildungsfestival auf Schloss Hamborn vom Sommer 2024 und so konnten wir bald seiner gedenken. Sehr schnell zeigte sich dabei, wie sehr sein großes Herz für die Belange junger, suchender Menschen berührend und wichtig war!
Meine letzte Begegnung hatte ich anlässlich des großen Steiner-Festivals in Stuttgart auf dem Schlossplatz im März letzten Jahres. Solche gewagten Veranstaltungen mit auf den Weg zu bringen, trotz aller Risiken und skeptischen Stimmen vieler Menschen aus dem Umfeld, gehörte sicher zu seinen Hauptwirksamkeiten, und siehe da, sie gelangen!
Wahrscheinlich wies ihm sein Vorname den Weg, mit Mut und Zuversicht solche Unternehmungen anzugehen! Es war ihm eine Freude, unterschiedlichste Menschen zusammenzubringen, und mit großer Selbstverständlichkeit moderierte er zwischen den unterschiedlichsten Lebensauffassungen, immer bemüht, mit Offenheit ein Voneinander-Lernen zu ermöglichen. Sicher war es ihm auch ein großes Anliegen, die Anthroposophie aus ihrer manchmal selbst gewählten Exklusivität und scheinbaren Unverständlichkeit herauszuholen und „normalen Menschen“ einen selbstverständlichen Zugang zu ermöglichen. Deshalb liebte er den Kontakt mit der Öffentlichkeit und tüchtigen Menschen aus allen erdenklichen Lebensgebieten.
Überhaupt war das Gespräch, das ja sogar erquicklicher als Licht sein kann, sein bevorzugter Umgang mit allen Menschen in seinem Wirkungskreis. Er kam ja aus der Landwirtschaft und diese buchstäbliche Bodenständigkeit behielt er sich bei. Niemals erlebte man ihn von oben herab, trotz seines „hohen Amtes“, im Gegenteil. Innerhalb kurzer Zeit fand man sich auf Augenhöhe mit ihm konstruktiv um die Sache ringend wieder. Niemals ging es ihm dabei darum, seine Auffassung den Gegenübern überzustülpen, sondern er hörte mit offenen Ohren die Anliegen seiner Gesprächspartner, um dann mit ihnen zusammen nach Wegen der praktischen Umsetzung zu suchen, die sich bald fanden. Meist fanden diese Gespräche in heiterer, leichter Atmosphäre statt, und man fühlte sich ermutigt, die gemeinsamen Ideen umzusetzen. Sein Wesen war auf selbstlose, aber engagierte Unterstützung ausgerichtet, und wenn er etwas versprach, konnte man sich absolut darauf verlassen. Eitle Selbstdarstellung oder Profilierungswünsche waren ihm fremd. Er freute sich am Gelingen der Sache und konnte Fähigkeiten anderer Menschen neidlos anerkennen und fördern. Bei allem Ernst in der Sache war er immer empfänglich für Esprit und Humor oder trug beides selber bei, um gar nicht erst eine verkrampfte Situation aufkommen zu lassen. Er war ein Mensch voller Herz- und Tatkraft! Unter den Generalsekretären, die ich bisher kennenlernen durfte, war er sicher der originellste. Unkonventionell und immer am Gelingen der Sache interessiert, ohne die beteiligten Menschen zu vergessen, vielmehr sie ausgesprochen wertzuschätzen!
Ich erinnere mich gerne an einige Gespräche, die wir seit 2011 führen konnten. Eines davon war sehr wichtig für die Entstehung des campusA hier in unserem kleinen Büro im Jugendseminar! Eigentlich war zunächst eine kleine Tagung als sogenanntes Jugendprojekt zwischen AGiD und Jugendseminar geplant, aber schon bald entdeckte er in meinen Schilderungen, welch größeres Potenzial in der Stuttgarter Ausbildungslandschaft schlummerte. So kamen wir bald zu der gemeinsamen Auffassung, alle auf dem „Hügel“ einzuladen, und siehe da, trotz aller Unkenrufe begannen wir zwar mit ca. 80 Teilnehmenden, endeten aber mit 180! Die zahlreichen Podiumsgespräche wurden nicht selten von ihm moderiert, und die knisternde Atmosphäre, die dabei in der Cafeteria des Rudolf-Steiner-Hauses entstand, lockte von Tag zu Tag mehr junge Menschen und Dozenten an. Daraus entstand dann bald der campusA, der in jährlichen großartigen Tagungen sich seiner selbst vergewisserte und in der Öffentlichkeit neu wahrgenommen wurde.
Ich erinnere mich auch gerne unseres gemeinsamen georgischen Abenteuers im Sommer 2023, war es, denke ich. Neben dem Besuch und der Ermutigung einiger älterer Initiativen dort waren wir dabei, als ein Jugendseminar gerade neu gegründet wurde, und sofort war er bereit, diese Initiative zu unterstützen und in Deutschland darauf aufmerksam zu machen. Sein Verständnis für die Wichtigkeit der Jugendarbeit war ja u. a. dadurch gewachsen, dass er selbst über 16 Jahre eine Art Jugendseminar auf dem Hofgut in Kotthausen geleitet hatte. Immer war er bereit, unsere Arbeit zu unterstützen.
Man musste ihm nicht viel erklären, da war ein großes Verständnis und Einverständnis. Sein Interesse war auch sonst sehr auf die Zukunft ausgerichtet. Sein ansteckender Optimismus wird uns fehlen. Sein so schneller Übergang in die andere Welt kommt zwar sehr plötzlich, passt aber auch zu seinem Wesen, soweit ich es kennenlernen durfte. Ihm lagen die Menschen und die Anthroposophie eben am Herzen, und daher wundert es mich nicht, dass dieses zu schlagen aufhörte. Man kann ihn sich nicht wirklich uralt vorstellen und auch nicht im Altenheim. Er wird uns jung und zukunftsorientiert in Erinnerung bleiben und sein geistiges Herz wird weiter für alle an der Anthroposophie interessierten Menschen schlagen. Wir hoffen sehr auf seine Unterstützung „von oben“, die wir in diesen nicht einfachen Übergangszeiten vom ersten ins zweite Jahrhundert der Anthroposophie dringend brauchen!
Marco Bindelli | geb. 1963, Leiter des Freien Jugendseminars Stuttgart